Abschied von der Busfenster-Perspektive

Andere Stadtansichten vermitteln – so lautet das Credo des Vereins Stattland. Heuer feiert er sein 25-jähriges Bestehen und bietet laufend neue Rundgänge durch Bern an. Diese sollen den Blick für das Unscheinbare schärfen.

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Es ist ein kleines Wagnis, in Bern eine Stadtführung zu Mani Matter anzubieten. Jedes Kind kennt «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama», und jede Erwachsene weiss, wie wichtig Matters Beitrag für die Entwicklung der Mundartdichtung war. Was also kann man auf einem Stadtrundgang zu Mani Matter Neues vermitteln?

Es sind vor allem Bilder, die sich einprägen, denn der Rundgang macht jene Häuser, Gassen und Plätze sichtbar, die für das Leben des Berner Chansonniers prägend waren. Da ist zum Beispiel die Münsterplattform, auf der Matter am Samstag gerne mit Freunden Boules ­gespielt hat. Oder das Kellerlokal Junkere 37, in dem der junge Matter mit Schriftstellern und anderen Künstlern diskutierte, welches Bild der Schweiz die neue Mundartdichtung zeichnen sollte.

Das ist die Stärke dieses Stattland-Rundgangs: dass er anschaulich ist. Aufgelockert wird er durch einen Schauspieler, der die Führung immer wieder «stört», indem er Liedtexte von Matter in die Gegenwart holt. Rundgangsleiterin Stephanie Ehrsam erzählt manch interessantes Detail aus dem Leben des Chansonniers; sie weiss etwa, dass Matter bereits als Kind als nachdenklich galt. Die Führung ist abwechslungsreich, lediglich bei den Analysen des Liedguts langweilt sich die Matter-Kennerin; dass der Chansonnier ein Auge für das Unscheinbare hatte, ist allzu ­bekannt.

Wer ist das Zielpublikum?

Dieser Teil der Führung wirft die Frage auf, an wen sich die Rundgänge eigentlich richten. Im Prinzip seien es Führungen für Personen aus Stadt und Region Bern, sagt Vereinspräsidentin Stephanie Summermatter: «Sie sollen vom Niveau her aber so sein, dass es auch Neuzugezogene nicht ‹erschlägt›.»

In den letzten 25 Jahren sind die Führungen kürzer geworden: Statt 120 dauern sie heute noch 60 bis 90 Minuten. Seit 1996 arbeitet der Verein mit Schauspielern zusammen. Dass manches für eingefleischte Stadtberner eine Wiederholung sein könnte, hält Summermatter für unproblematisch: «Man kann auch viel lernen, wenn etwas Bekanntes in anderem Kontext vermittelt wird.»

Was möchten denn die Initianten mit den Führungen erreichen? Christian ­Lüthi, der Stattland 1990 mitgegründet hat, sagt: «Wir wollten, dass die Leute achtsamer durch die Stadt gehen.» Eine der ersten Führungen hiess schlicht «Bern vorwärts» und führte vom Rosengarten via Altstadt bis zum Bahnhof. Im Zentrum stand die Stadtentwicklung der letzten 800 Jahre, und Lüthi vermittelte unter anderem, wie man an der Fassade der Häuser erkennen kann, ob der Besitzer arm und oder reich war. «In der oberen Altstadt war die Büro- und Shopping­welt hinter den Fassaden ein Thema, wir erkundeten die Stadt mit einem gesellschaftskritischen Blick», erzählt Lüthi, der heute die Abteilung Ressourcen in der Universitätsbibliothek leitet.

Mehr als bloss Infotainment?

Unter den aktuellen Führungen gibt es zwei, die sich mit problematischen Entwicklungen der Konsumgesellschaft befassen: «Bern ent-sorgt» gehört dazu oder «Liebefeld: mehr mit weniger». Bei Letzterer stehen die knapper werdenden Ressourcen im Zentrum. Abgesehen von diesen beiden gesellschaftskritischen Rundgängen, dominieren leicht zugängliche Themen, die ein breites Publikum ansprechen, so zum Beispiel «Bärn laferet» oder «Bern glaubt». Weitere Rundgänge befassen sich mit Kulinarik, Politik und Architektur. Stephanie Summermatter sagt, man wolle ein breites Publikum ansprechen.

Nicht nur die Inhalte haben sich in den letzten 25 Jahren verändert, sondern auch die Vermittlung. «Die Mischung aus Fakten und Auflockerung durch schauspielerische Einlagen liegt im Trend», sagt Summermatter. Sie ist aber überzeugt, dass ein Schauspieler auch inhaltlich die Führung ergänzen kann. So trat etwa auf dem Rundgang «Bern frauen-los» eine Magd auf, die vergewaltigt worden war. «Eine Schauspielerin kann dieses Schicksal anders erzählen als eine Rundgangleiterin», sagt Summermatter.

Ob man Freude an solcherlei Auflockerungen hat, ist letztlich Geschmacks­sache. Christian Lüthi sagt, er bevorzuge nach wie vor «kompakte Informationsvermittlung». Auch wenn sich die Form der Führungen verändert hat – in einem Punkt sind sich der Pionier und die heutige Vereinspräsidentin einig: Für beide ist das Vermitteln von historischem Wissen das Schönste an den Stattland­-Rundgängen.

Der Bund

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