Werner Bircher: Stiller Stapi einer zerrissenen Stadt

Werner Bircher, Berner Stadtpräsident von 1979 bis 1992, ist gestorben. Der Freisinnige galt als hochanständiger und bescheidener Schaffer.

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Werner Bircher war der letzte bürgerliche Stadtpräsident vor der politischen Wende zu Rot-Grün-Mitte (RGM). Das nach langer Vorbereitung geschmiedete RGM-Bündnis eroberte nach Birchers Rücktritt 1992 mit dem Sozialdemokraten Klaus Baumgartner das Stadtpräsidium sowie die Mehrheit in Gemeinde- und Stadtrat – und konnte sich seither trotz aller internen Differenzen behaupten.

Der freisinnige Stadtpräsident Bircher stand zuvor für eine andere politische Mehrheit, welche die Stadt lange prägte: den «Vierer mit» – vier Bürgerliche im damals siebenköpfigen Gemeinderat, inklusive Stadtpräsident Bircher.

Am Freitag ist Werner Bircher im Alter von 88 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben, wie der Gemeinderat am Montag mitteilte. Noch Mitte Dezember hatte er an der Abschiedsparty von Alexander Tschäppät im Bierhübeli teilgenommen, an der sich dieser im Indianerschmuck verabschiedete. Bircher, schon in seiner Amtszeit das Gegenteil eines Paradiesvogels, freute sich am Anlass bescheiden darüber, dass ihn nach der langen Zeit doch noch einige kannten.

Im Dokumentarfilm «Berner Beben»von 1990 spricht Bircher über die Zaffaraya-Siedlung. Quelle: Youtube.

«Ein sehr reeller Typ»

Als der freisinnige Elektroingenieur Bircher in Bümpliz 1965 seine politische Karriere begann, war Bümpliz rot. 1966 wurde Reynold Tschäppät, der Vater von Alexander, zum Stadtpräsidenten gewählt. Noch in der Ära von Tschäppät senior schaffte Bircher 1975 den Sprung in den Gemeinderat. Nach dem Tod Reynold Tschäppäts wählten die Berner 1979 Bircher zum Stadtpräsidenten.

Seine erste Stapi-Amtszeit war geprägt von den Jugendunruhen, die für alle überraschend im Sommer 1980 ausbrachen. Konfrontiert mit dem heftigen und oft auch gewaltsamen Jugendprotest schwankte der Gemeinderat zwischen Vermittlung und harten Polizeieinsätzen. Die scharfe Polarisierung zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und Stadtregierung sollte ein Leitmotiv der Ära Bircher werden.

Dies obschon Bircher von Weggefährten aus dem bürgerlichen und linken Lager übereinstimmend als ruhige, vermittelnde Persönlichkeit beschrieben wird. «Er war ein sehr reeller Typ, sehr unaufgeregt und technisch-sachlich», erinnert sich Hans Hubacher, SVP-Gemeinderat von 1976 bis 1984. «Konfrontation lag nicht in seinem Naturell», sagt Gret Haller, SP-Gemeinderätin von 1984 bis 1988.

Noch bis Mitte der 1980er-Jahre hielten sich Bürgerliche und Sozialdemokraten im Gemeinderat die Waage – und Exekutivmitglieder aus der politischen Mitte konnten vermitteln. Das änderte sich mit den Wahlen 1984: Nun waren vier Bürgerliche mit dem Stadtpräsidenten in der Mehrheit.

Im Rückblick steht der «Vierer mit» für jene, die damals auf der Strasse protestierten, und für die Linke generell für eine lange Phase der harten Konfrontation. Haller, die 1984 neu in den Gemeinderat gewählt wurde, zeichnet ein differenziertes Bild. In den ersten zwei Jahren habe sie «sehr gut mit Werner Bircher zusammengearbeitet». Mit ihm erarbeitete sie eine Regelung für die neuen Gremien der Quartiermitsprache. «Wir wollten beide verhindern, dass die Gremien von den Linken oder den Bürgerlichen übernommen werden könnten», erinnert sie sich.

Rund um die Tschernobyl-Demonstration und die polizeiliche Räumung des Hüttendorfs Zaffaraya 1987 geriet Haller dann allerdings in einen schweren politischen Konflikt mit der «Vierer mit»-Mehrheit im Gemeinderat. «Ich wollte eine Einigung mit den Zaffaraya-Leuten und war gegen die gewaltsame Räumung.»

Der Ton habe sich in der Exekutive bereits zuvor geändert, sagt Haller. «Es galt ab Anfang 1987 ein bürgerlicher Mehrheitsanspruch, der auch sichtbar sein sollte.» Bircher allerdings habe als Stadtpräsident intern weiterhin eher eine vermittelnde Rolle gespielt. «Er überliess die politische Eskalation den drei anderen des ‹Vierers›», sagt Haller. «Ich habe ihn immer als höchst anständige und aufrichtige Persönlichkeit erlebt.»

«Niemals grob und laut»

Wohl nicht zuletzt wegen der harten Politik der «Ruhe und Ordnung» wurde der «Vierer mit» 1988 in den Wahlen bestätigt. Auch die damals für das Junge Bern (heute GFL) neu gewählte Gemeinderätin Joy Matter hat Bircher jedoch als das Gegenteil eines Polterers erlebt. «Er war überaus anständig und niemals grob oder laut. Als Neuling in der Exekutive kam mir seine ruhige Art sehr entgegen.» Er habe sich insbesondere beim damals akuten Thema der offenen Drogenszene sehr für Lösungen engagiert.

Für viele Aussenstehende blieb Bircher jedoch wenig fassbar und damit primär das Aushängeschild des «Vierer mit» – für dessen Anhänger und Gegner. Dass er nicht im Rampenlicht stand, dürfte Bircher nicht gestört haben. Sein Motto sei «servir et disparaître», sagte er 1992 nach seinem Rücktritt dem «Bund» – «dienen und verschwinden». (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2017, 12:00 Uhr

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