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Abriss von Grosssiedlung in Bern-West geplant

Die Fambau-Genossenschaft und die Stadt Bern haben eine Planungsvereinbarung über Abriss und Neubau der Siedlung Meienegg im Stöckacker unterzeichnet.

Die Meienegg ist die erste Grosssiedlung der Nachkriegszeit. Sie soll einer Neuüberbauung weichen.
Die Meienegg ist die erste Grosssiedlung der Nachkriegszeit. Sie soll einer Neuüberbauung weichen.
Franziska Rothenbühler

Kleine Dreizimmerwohnungen für vier- köpfige Familien. Das war beim Bau der Siedlung Meienegg Anfang der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts Standard. Die Meienegg im Berner Stöckackerquartier war die erste Gesamtüberbauung der Nachkriegszeit. Sie wurde von den Architekten Hans und Gret Reinhard geplant, die später mit Grossüberbauungen wie dem Tscharnergut oder dem Fellergut für Aufsehen sorgten. Die Reinhards wollten helle und günstige Wohnungen mit viel Aussenraum für Arbeiterfamilien schaffen. Das ist nun bald siebzig Jahre her. Seither haben sich die Bedürfnisse grundlegend gewandelt.

Sanierung wäre Fambau zu teuer

Familien mit mehreren Kindern in einem Zimmer sind heute die Ausnahme. «Die Grösse der Wohnungen entspricht nicht mehr den Bedürfnissen der Mieterschaft», sagt Walter Straub, Geschäftsführer der Genossenschaft Fambau. Zudem erfüllten die Gebäude die heutigen Anforderungen bezüglich Behindertengerechtigkeit, Brandschutz und Erdbebensicherheit nicht mehr. Eine Analyse durch ein externes Büro habe gezeigt, dass eine Sanierung der 273 Wohnungen teuer und bautechnisch kaum machbar wäre. «Es bleibt nur der sozialverträgliche Ersatzneubau», sagt Straub. Die Fambau geht von einem Investitionsvolumen in der Höhe von 100 bis 120 Millionen Franken aus.

Umbau in drei Etappen

Die neue Überbauung soll mindestens 350 Wohnungen in mehreren Gebäuden umfassen. Die neuen Bauten werden wahrscheinlich ein bis zwei Stockwerke höher gebaut als die bestehenden dreigeschossigen Wohnblöcke. «Einzelne Gebäude könnten auch acht bis zehn Stockwerke hoch sein», sagt Straub. Gemäss einer an der ETH eingereichten Masterarbeit aus dem Jahr 2011 könnte die heutige Bruttogeschossfläche bei einer Änderung des Nutzungsmasses um 25 Prozent erhöht werden. Dies entspricht einer zusätzlichen Wohnfläche von rund 7000 Quadratmetern.

Laut Straub sollen Abriss und Neubau der Siedlung voraussichtlich in drei Etappen stattfinden. So könnten die betroffenen Mieter während der Bauarbeiten innerhalb der Siedlung oder in eine andere Fambau-Liegenschaft umziehen. Die neu erstellten Wohnungen in der Meienegg werden in Kostenmiete vermietet. Eine Dreizimmerwohnung wird 1400 bis 1500 Franken kosten. Bisher lagen die Zinsen tiefer. Zu sozialen Härtefällen soll es laut Straub aber nicht kommen. «Im Fambau-Portefeuille gibt es noch genügend Wohnungen mit tieferen Mietzinsen.» Zudem wäre im Fall einer Sanierung mit deutlich höheren Mietzinsen zu rechnen, sagt Straub.

«Zwingend zu erhaltendes Objekt»

Zur Realisierung des Vorhabens ist die Ausarbeitung einer Überbauungsordnung nötig, die dem Volk vorgelegt werden muss. Mit der Stadt Bern hat die Fambau eine entsprechende Planungsvereinbarung unterzeichnet. Bis Ende 2017 soll eine Testplanung vorliegen. «Läuft es optimal, kann die Bevölkerung Ende 2019/Anfang 2020 abstimmen», sagt Straub. Der Baubeginn für die erste Etappe wäre demnach ab 2021 möglich.

Das grösste Hindernis bis dahin sind wohl die Einwände der Denkmalpflege. Denn Siedlung und Gebäude werden in den Inventaren von Stadt und Kanton als «erhaltenswert» eingestuft. Die Meienegg figuriert zudem im Bundesinventar der schützenwerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung. Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege hatte vor zwei Jahren empfohlen, den Grad des Schutzes zu erhöhen, da die Siedlung ein «zwingend zu erhaltendes Objekt» darstelle. Aufgrund der vom Grossen Rat beschlossenen Senkung des Anteils denkmalgeschützter Gebäude habe er dieser Empfehlung aber nicht nachkommen können, sagt der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. Er will die Fachmeinung der Denkmalpflege bei der Festsetzung der Überbauungsordnung und im Rahmen des Baugesuches einbringen.

Drohender Gutachterstreit

Bei der Fambau ist man davon wenig beeindruckt: «Das Bundesinventar ist für mich nicht entscheidend», sagt Straub. Die Meienegg liege gemäss dem neuen Stadtentwicklungskonzept (Stek 2016) in einem Gebiet mit hohem Entwicklungspotenzial. Die denkmalschützerischen Einwände basierten letztlich auf einem «Glaubenskrieg». Die Fambau habe zur Meienegg ein Gutachten bei einem ausgewiesenen Fachmann für Denkmalpflege erarbeiten lassen. «Gemäss diesem Gutachten steht einem Abriss der Siedlung grundsätzlich nichts im Wege», sagt Straub. Die Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem (QBB) ist bisher über das Vorhaben nicht informiert. Präsident Bernardo Albisetti sieht den Ersatzneubau Meienegg im Kontext einer grösseren Sanierungswelle im Stadtteil. «Ein Grossteil der Bausubstanz muss in den nächsten Jahren saniert oder gar ersetzt werden.» Dies sei zurzeit die grösste Herausforderung für Bern-West. Jeder Einzelfall müsse gesondert betrachtet werden. «Denkmalpflege darf aber nicht zu Denkverboten führen», sagt Albisetti.

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