«Aber sag, wo ist ‹das Volk›?»

Beim ersten Twitter-Wahlpodium blieben die Stadtberner Politikerinnen und Politiker weitgehend unter sich.

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«Bern, was willst du von mir?», fragte der Gemeinderatskandidat von den Jungen Grünliberalen kurz vor dem ersten Twitter-Wahlpodium. Bern schien die Frage nicht gehört zu haben. Denn es wollte nichts von Maurice Lindgren. Dafür wollte es etwas von Alec von Graffenried (GFL), der am Donnerstag zwischen 11 und 13 Uhr arg unter Druck geriet.

Mit Bern ist allerdings bloss das politische Bern gemeint. Denn die erhoffte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ohne politische Ambitionen blieb weitgehend aus. Ob die arbeitende Bevölkerung schlicht keine Zeit oder kein Interesse an einer Beteiligung hatte, muss offen bleiben. Immerhin wurde deren Absenz nach einer Stunde bemerkt. «Aber sag, wo ist ‹das Volk›?», fragte Gemeinderätin Ursula Wyss (SP).

«Ich bin nicht Lobbyist»

Organisatorin Melanie Mettler (GLP) wusste darauf auch keine Antwort. Dafür nutzte die Gemeinderatskandidatin das Podium für Werbung in eigener Sache – und gezielte Seitenhiebe. «Ich bin gewählte Parlamentarierin, nicht Lobbyist eines Baukonzerns», sagte sie an die Adresse von Graffenried. Der Manager des Baukonzerns Losinger Marazzi wurde wegen der Beteiligung des Unternehmens an der seit Jahren blockierten Planung auf dem Gaswerk-Areal kritisiert.

Es sei ein Fehler gewesen, die Planung Privaten zu überlassen, sagte Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB). Sie sei nicht «gegen Private», aber bei Planungen müsse das «Primat der Politik» gelten. Von Graffenried wies die Anschuldigungen von sich und gab den Schwarzen Peter weiter. Nicht Losinger-Marazzi, sondern der Gemeinderat habe «zu lange rumgeeiert».

Den Vorwurf liess wiederum Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) nicht auf sich sitzen: «Immer schön weg mit dem Schwarzen Peter – deine Strategie?», fragte er den Konkurrenten. Einen zumindest bedenkenswerten Schlusspunkt in der Gaswerk-Debatte setzte Melanie Mettler: «Eigentlich wäre es leicht: Stadt kauft Land, EWB saniert, Stadtplanung setzt Bedarf, dann kommen die Privaten.» Von Graffenrieds Antwort blieb diffus. Leicht wäre es schon, meinte er. «Aber meinst du, es wäre auch das Beste? Städtebau? Stadtfinanzen? Siedlungsqualität? Jugendzentrum?»

Die Unklarheit der Aussage mag am Medium liegen, denn von Graffenried ist kein Freund von Twitter. Er könne seine Haltung zur Unternehmenssteuerreform III (USR III) nicht auf 140 Zeichen reduzieren, sagte er im «Bund»-Porträt vor zwei Wochen. Seither hat er es offenbar gelernt. «Aktuelle Vorlage lehne ich ab. Eine Reform bleibt nötig», twitterte er zum Thema.

«Was ist eine Pnos?»

«Alle wollen mehr Geld ausgeben. Nur ich will sparen.» Im Unterschied zu von Graffenried gab Erich Hess (SVP) von Anfang an eine klare Zielscheibe ab. Schliesslich verhedderte er sich aber über lange Strecken in eine Reitschul- und Vorplatz-Debatte, die niemanden ausser ihn selber zu interessieren schien.

Den wohl eher unfreiwilligen Lacher des Tages lieferte Hess mit seiner Antwort auf die Frage nach seinem Verhältnis zur rechtsextremen Partei National orientierter Schweizer (Pnos). «Was ist eine Pnos?», fragte er etwas gar blauäugig. Die letzten zwanzig Minuten gab er nurmehr Wahlkampf-Parolen von sich, um sich schliesslich mit dem Satz «Muss zurück an die Arbeit» zu verabschieden. Immerhin ist es Bildungsdirektorin Teuscher gelungen, Hess noch ein Bekenntnis zur Notwendigkeit von Schulhaus-Sanierungen abzuringen.

Der Appell des Jungpolitikers

Das erste Twitter-Wahlpodium in der Geschichte der Stadtberner Politik hatte über weite Strecken den Charakter eines Stammtisches für Kandidierende. Und wie an jedem Stammtisch gab es auch jene, die den Anschluss nicht so richtig finden konnten, wie zum Beispiel der grünliberale Maurice Lindgren. «Lindgren wählen. Ihm kann nichts helfen», twitterte der Jungpolitiker. (Der Bund)

Erstellt: 17.11.2016, 20:25 Uhr

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