Abenteuerland

«Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi staunt über zwei Dutzend Rezepte für Gersten-Suppe. Und überhaupt: Wunderbarer Föderalismus!

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Hanna Jordi

In Biel darf nicht gezündelt werden, in Bern aber schon. Seit sogar das Feuerwerkverbot zum Nationalfeiertag am 1.  August von Verwaltungskreis zu Verwaltungskreis unterschiedlich gehandhabt wird, darf man sich wieder ernsthaft Sorgen über den innerschweizerischen Zusammenhalt machen.

Nicht mal eine Dürre kriegen wir als Gesamtnation hin. Dabei wäre ein interkantonales Feuerverbot eine einmalige Chance gewesen, die Kantonsdünkel aussen vor zu lassen, über alle Landesteile hinweg in einen meditativen Singsang zu verfallen und sich als Einheit zu fühlen. Vom Lago Maggiore bis uf Wäggis zue, vom Lac Léman bis zum Simelibärg. Ein einig Volk von Brüdern, die das Feuerzeug im Hosensack und die Cervelat im Frigo lassen.

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Grenzen und Ungleichheiten, wohin man sieht. Da ist es nicht verwunderlich, wenn ein Nationalgefühl in der Schweiz eher Glückssache bleibt. Natürlich gibt es sie, die integrativen Momente, aber sie sind allzu oft nur auf Regionen bezogen und selbst dort nicht uneingeschränkt wirksam. Der «Tatort» am Sonntagabend etwa, bei dem sich ein Grossteil der Deutschschweizer zur staatlich geförderten Schulterfrottage versammelt, schliesst schon nur all jene Mitbürgerinnen aus, die einen Minimalanspruch an Drehbuch und Besetzung stellen.

Von der berühmten Bündner Gerstensuppe gibt es nicht etwa ein Rezept, nein, sondern gute zwei Dutzend. Mit und ohne Rippchen, mit und ohne Ei, sogar die Bohnen sind umstritten. Ähnlich ist es beim Finanzausgleich: ein einfaches Prinzip eigentlich, aber viele, viele Meinungen dazu unter Gottes Kostgängern.

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Im Tessin haben sie zwar die allgemein beargwöhnten Grenzreisenden als identitätsfestigenden Faktor, aber spätestens wenn der Tessiner dann zum Bauherren wird, schert er aus. Dann ist er heilfroh um die kräftigen Burschen aus dem Friaul und dem Veltlin, die mit kernigen Akzenten und pitoyablen Stundenansätzen kastanienbewaldete Täler mit Bausünden versehen. Und wenn im Oktober dann unser Bundeshaus neu bestückt wird, tritt auch die helvetische Form des Kontinentalplattendrifts wieder in Kraft: der Röstigraben. Es ist zum Haareraufen.

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Höchste Zeit also, sich damit abzufinden, dass die Schweiz ein schwer fassbares Gebilde ist. Das hat viele Vorteile, die man sich im Alltag zu selten vergegenwärtigt. Zum Beispiel schützt uns das mangelnde Wissen über unsere Mitmenschen aus anderen Landesteilen davor, vom Ausschuss der dortigen Populärkultur belästigt zu werden. Oder sagt Ihnen der Name Nabilla etwas? Eben.

Die Schweizerin ist Reality-­TV-Kapazität mit Wohnsitz in Genf und sagt von sich, ihre Brüste widerspiegelten ihre Persönlichkeit. Die Frau wird alle zwei Tage durch die Gazetten der Welschschweiz getragen. In den Deutschschweizer Medien? Fehlanzeige. Fragt man umgekehrt einen Romand, wer oder was ein Vujo Gavric ist, zuckt er verständnislos die Schultern. Der Röstigraben ist, das wissen viele nicht, auch eine Schmutzschleuse.

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Der andere Vorteil kommt in Form eines Reflexes, den man sonst nur aus der frühen Phase der Reiseliteratur kennt: fassbar machen durch Halbwissen und Klischees. Die Schweiz mit ihren komplex verästelten Kulturen verleitet dazu, sich willfährig in Vorurteilen zu ergehen. Knorrige Walliser, zackige Zürcher, leichtlebige Tessiner, was sind wir ein lustiges Völkchen.

Viele Berner sind im Bereich der Romandie besonders gefährdet. Manche von uns, ich kann mich nicht ausnehmen, fallen bei der blossen Erwähnung der Westschweiz einem blinden Exotismus anheim. In absolut unzulässiger Art und Weise überhöhen wir die Finesse der welschen Seele und scheren die Romands als distinguierte Vertreter der Gattung Mensch über einen Kamm.

Wir gehen seltsam berührt auf Ruinenbesichtigung in jurassischen Dorfzentren und lassen bei der Treberwurst den Darm dran, weil es die Einheimischen auch so handhaben. Ja, wir verhalten uns wie Touristen – und befinden uns dabei im eigenen Land. Das ist ein Privileg. Manch anderer, der nicht Schweizer ist, muss weit reisen und viel bezahlen für so ein Erlebnis, und nicht bloss drei Mal nichts wie im Jura. Ein Hoch auf uns.

Hanna Jordi ist Leiterin des «Bund»-Online-Ressorts. Sie war am Wochenende am Paléo-Festival in Nyon und ist begeistert: Im Welschland gibt es keinen Matsch, auch nicht nach Starkregen.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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