Berner Kultur

Zehn Jahre Progr – ein Haus voller KMU

Das Kulturzentrum im Herzen der Stadt Bern feiert ein rundes Jubiläum: Vor zehn Jahren zogen die ersten Kunstschaffenden in die dicken Sandsteinmauern ein. Ein Blick hinter 
die Kulissen.

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Draussen im schmuck dekorierten Innenhof des ehemaligen Progymnasiums am Waisenhausplatz sitzen viele junge Menschen und geniessen einen der letzten warmen Sommerabende. Die Atmosphäre ist entspannt, die Damen trinken gespritzten Weisswein, die Herren Bier. Drinnen in der Bar Turnhalle herrscht zu dieser Zeit noch Flaute, was dem Personal die Möglichkeit verschafft, sich auf den späteren Ansturm von Partygängern vorzubereiten.

In der Aula im ersten Stock laufen die letzten Vorbereitungen für einen Swing-Tanzabend, und die hell erleuchteten Fenster einiger Ateliers, die über das ganze Gebäude verteilt liegen, verraten, dass hier offenbar noch gearbeitet wird. Der Progr-Gebäudekomplex bietet in seinen Mauern nämlich nicht nur kulturelle Veranstaltungen – pro Jahr sind es deren etwa 400 –, sondern auch rund 200 Kulturschaffenden einen Arbeitsplatz. Beinahe wäre aber alles anders gekommen.

Im Jahr 2004 stand das ehemalige Progymnasium leer, weil es sanierungs­bedürftig war. Geplant war, dass zwei Jahre später ein Umbau beginnen sollte, um zukünftig die Abteilung Gegenwartskunst des Kunstmuseums Bern zu beheimaten. Ein Kollektiv rund um Christoph Reichenau, den damaligen Kultursekretär der Stadt Bern, schlug vor, die Räumlichkeiten bis zum Baubeginn kulturell zu nutzen, und so wurden die ehemaligen Schulzimmer kurze Zeit später in Ateliers für Kulturschaffende umfunktioniert. Der Progr als Begegnungs- und Schaffensort für Künstler war geboren.

Weil im Anschluss die Auslagerung des Kunstmuseums aus finanziellen Gründen scheiterte, verlängerte die Stadt den Vertrag für die kulturelle Zwischennutzung um weitere drei Jahre. Gleichzeitig lancierte sie einen Wett­bewerb, in welchem die zukünftige Verwendung des Gebäudes bestimmt werden sollte. Das Rennen machte hierbei die Zürcher Investorin Allreal AG, welche am Waisenhausplatz ein Gesundheitszentrum zu realisieren gedachte.

Damit waren aber wiederum die im Progr arbeitenden Kunstschaffenden nicht glücklich, weswegen sie der Stadt ein Kaufangebot für die Liegenschaft am Waisenhausplatz vorlegten. In einem formell fragwürdigen Entscheid beschloss das Parlament daraufhin, die Künstlerinitiative dem Allreal-Projekt in einer Volksabstimmung gegenüberzustellen, und nach einem höchst emotional geführten und turbulenten Wahlkampf sagte das Berner Volk am 17. Mai 2009 mit deutlichen 66 Prozent Ja zur weiteren künstlerischen Nutzung des ehemaligen Progymnasiums.

Ein Haufen Spezialisten vor Ort

Atelier 359: Fotografin Nadine Andrey nimmt Retouchen an einem Architekturmodell vor, Grafiker Christoph Frei erstellt eine Infografik für Berufsbildner.

Atelier 109: Heinz Lauener und Clemens Wild stellen ihre Pappmaché- und Holz­figuren für die kommenden Ausstellungen am Progr-Fest zusammen.

Das Haus am Waisenhausplatz steht heute unter der Schirmherrschaft der Stiftung Progr, wobei der Kulturbetrieb ausschliesslich aus den Mietzinseinnahmen finanziert wird, also ohne Fördergelder über die Runden kommt. Was gegen aussen wie ein einheitliches Projekt wirken mag, ist im Innern ein Konglomerat aus verschiedensten Elementen.

Nebst den kulturell ausgerichteten Gastro­betrieben Turnhalle und Lehrerzimmer und den Galerien und Begegnungsräumen im Parterre finden sich in der Liegenschaft rund 70 Ateliers, in denen kulturelle Institutionen ihrer Arbeit nach­gehen und Kunstschaffende aus unter­schiedlichsten Sparten tätig sind. Am häufigsten vertreten ist Musik, gefolgt von der bildenden Kunst, daneben wird im Haus aber auch Tanz, Performance, Literatur, Design, Grafik, Film, Mode, Foto­grafie und Media-Art betrieben.

Atelier U66: Der Akkordeonist Mario Batkovic komponiert Stücke für ein neues Solo­album.

Atelier 010: Die Programmiererin Wanda Bracher erstellt eine Webseite für eine Institu­tion, welche Kulturschaffende in geschäft­lichen Belangen unterstützt.

Es sind rund 200 Personen, die im alten Progymnasium ihrer Arbeit nachgehen. «Für Kunstschaffende ist der Progr eine tolle Basis, es hat alles im Haus, wenn man etwas sucht», erklärt Peter Aerschmann, der im Atelier 355 Videoinstallationen programmiert und auch im Stiftungsrat des Progr einsitzt. So könne zum Beispiel für ein Projekt schnell vor Ort ein Team von Spezialisten aus unterschiedlichen Gebieten zusammen­getrommelt werden.

Atelier 358: Matteo Taramelli arbeitet an einer Soundinstallation, welche auf einem kinetischen System basiert.

Atelier 264: Filmemacherin Laila Kühni sucht Festivals für ihren Dokumentarfilm «Der Antiquar am Hirschengraben».

Bei 200 Leuten im Haus ist es aber auch verständlich, dass nicht jeder jeden kennt, und zudem sei der Progr ja nicht ein grosses Kollektiv, sondern vielmehr ein Haus bestehend aus vielen kleinen KMU, verdeutlicht Aerschmann. «Ein Künstler ist ja schlussendlich nichts ­anderes als ein KMU und zahlt Steuern, gleich wie zum Beispiel ein Coiffeur.»

Atelier 209: Sonam Brauen arbeitet an ­einer Installation mit Menschenhaar zum Thema «Den Körper verlassen».

Atelier 361: Der Fotograf Martin Bichsel stellt eine Rechnung aus.

Seit dem turbulenten Wahlkampf im 2009 ist es medial ruhig geworden um den Progr. Diese Ruhe wird von der Öffent­lichkeit hinter vorgehaltener Hand zuweilen auf eine vermeintliche Untätigkeit der Kunstschaffenden zurück­geführt. Rodja Galli (visuelle Gestaltung, Atelier 259) nennt das Problem beim ­Namen: «Was oft von aussen nicht wahrgenommen wird, ist die Tatsache, dass die Ateliers meist reine Arbeitsstätten sind und das Resultat anderswo, eben in Galerien und auf Bühnen, gezeigt wird.»

Anders ausgedrückt: Nicht alles, was im Haus entsteht, ist auch im Haus sichtbar. Die Theatermusik, die Christian Brantschen in seinem Atelier 105 komponiert hat, gibt es momentan beim Gurtenthea­ter zu hören, Mano Khalils (Atelier 159) preisgekrönter Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» wurde in Kinosälen in der ganzen Schweiz gezeigt, und die raumfüllenden Installationen von Zimoun (Atelier 357) sind zurzeit in Mannheim, Belgrad und Seoul ausgestellt.

Atelier 307: Die bildende Künstlerin ­Salome Egger bereitet die Performance «green, green, green» vor, ihre Doktorarbeit im ­Bereich der Kunstforschung.

Atelier 255: Beate Hörlezeder vom Kammer­orchester Camerata Bern rechnet Konzerttickets ab.

Nicht alle bezahlen gleich viel

Während oben emsig gearbeitet wird, ­gehört die Turnhalle im Parterre des ­Gebäudes zu den meistfrequentierten Bars in der Stadt. Tagsüber treffen sich hier Mütter oder Väter mit Kinderwagen zu Kaffee und Kuchen, Geschäftsleute verköstigen sich am Mittagsbuffet, und des Abends wird dem feuchtfröhlichen Partyvolk ordentlich viel Gerstensaft ­ausgeschenkt. «Jawohl, der lokale Bier­lieferant ist glücklich über uns», bestätigt Turnhallen-Betriebsleiter Michael Fankhauser lachend. Selbstverständlich schauen auch die Atelierbesitzer aus den oberen Stockwerken regelmässig in der Turnhalle vorbei.

Seit Anbeginn sei klar gewesen, dass die Bar die Funktion einer Drehscheibe im Haus übernehmen solle, erklärt Fankhauser, und entsprechend sei es nichts als recht, den Progr in seiner Funktion als Kunstproduktionsstätte auch finanziell zu unterstützen. Das tut die Turnhalle insofern, als alle Ateliermieter vergünstigt Getränke beziehen können an der Bar.

Zudem bezahlt das Lokal einen höheren Mietpreis pro Quadratmeter an die Stiftung, als dies die Künstler tun. Stiftungsratsmitglied Peter Aerschmann erklärt: «Der Zweck unserer Stiftung war und ist es, günstige Atelier- und Ausstellungsräume zur Verfügung zu stellen. Entsprechend gelten für die kommerziell ausgerichteten Betriebe im Erdgeschoss andere Beträge.»

Eine Maschine, die läuft

Wer hinter den dicken Sandsteinmauern des ehemaligen Progymnasiums eine wilde Künstlerkommune erwartet, die nichts anderes tut, als ein Lotterleben zu führen und rauschende Feste zu feiern, der verkennt die Kulturstätte. Ganz im Gegenteil hat sich der Progr in den letzten zehn Jahren zur schweizweit bekannten Institution gemausert, die in erster Linie auf seriöse Kunstproduktion ausgerichtet ist.

Die Verwaltung der Ateliers ist klar organisiert, die Mieter und Mieterinnen sind gar durch einen Progr-­internen Mieterverein vertreten. Das Neben­einander von kommerzieller Nutzung und Kunstproduktion funktioniert einwandfrei, ja Kunst und Kommerz reichen sich hier die Hand. Die Turnhalle hat sich mit ihrem vielseitigen Musik­programm als wichtige Konzertstätte etablieren können und ist dank dem Veranstalter Bee-Flat speziell im Bereich inter­nationaler Jazz federführend im Raum Bern. Nach zehn Jahren läuft die Maschine Progr wie geschmiert. (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2014, 10:53 Uhr

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