Frauenmusik

Wo sind die musizierenden Helvetias?

Nur rund 10 Prozent der Musiker im Jazz-, Pop- und Rock-Bereich sind weiblich. In der Berner Musikszene ist das Phänomen bekannt, doch über die Gründe können die Clubveranstalter nur mutmassen. Der Verein Helvetiarockt versucht Gegensteuer zu geben.

Dank Workshop entstand etwa die Band Arriving Somewhere.

Dank Workshop entstand etwa die Band Arriving Somewhere. Bild: Rolf Fassbind

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Die hatten eine Frontfrau. War ganz gut. Also für eine Frau», wusste letzte Woche ein Besucher nach dem Konzert der schwedischen Punk-Band The Baboon Show im ISC-Club in Bern zu berichten. Die Aussage verdeutlicht zweierlei: Frauen sind nach wie vor eine Minderheit in der Welt von jaulenden Stromgitarren und werden am Parameter Mann gemessen. Tatsächlich gehört eine Band wie The Baboon Show mit gleich zwei Ladys in ihren Reihen zu den Ausnahmeerscheinungen, wie ein Blick auf das Programm der vergangenen Saison verrät: Seit September 2013 sind dato im ISC-Club insgesamt 172 Musizierende auf der Bühne gestanden, wovon 22 weiblich waren, was einem Schnitt von 12 Prozent entspricht.

Im benachbarten Bierhübeli, bekannt für Anlässe populärer Natur, sieht es noch schlechter aus: Von 58 Konzerten waren bei gerade mal 16 Bands Frauen engagiert, umgerechnet ergibt sich daraus ein Anteil von rund 8 Prozent. Auch die Be-Jazz-Veranstaltungen im Liebefeld kommen mit 36 Frauen von insgesamt 406 Auftretenden auf eine Quote von nur 9 Prozent. Selbst der Frauenraum der Reitschule kann die eigene Vorlage – der Frauenanteil einer gebuchten Band muss mindestens 50 Prozent betragen – nur dank gezielter Suche, guter Vernetzung und der Tatsache, dass im Frauenraum viel weniger Konzerte durchgeführt werden als in einem herkömmlichen Konzertlokal, erfüllen. In Bern selber gibt es momentan nur etwa zehn Formationen, die im Frauenraum auftreten dürften, wobei die Hälfte davon Duos sind.

Förderung ohne Opferhaltung

Diesem Umstand wollen die Macherinnen von Helvetiarockt Abhilfe schaffen. Die Koordinations- und Vernetzungsstelle, die 2010 von den beiden Luzernerinnen Judith Estermann und Isabel Portmann ins Leben gerufen worden ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in der Populär-, Jazz- und Rockmusik in der Schweiz anzuheben, sodass musizierende Ladys dereinst keine Minderheit mehr darstellen. Hand reichen soll dabei die gleichnamige Online-Plattform, die in erster Linie zur Information und Vernetzung dient und Musikerinnen sichtbar machen soll. Zurzeit sind rund 300 Musikerinnen aus allen Landesteilen registriert. Die Bernerin Regula Frei, die bei Helvetiarockt seit 2012 als Geschäftsstellenleiterin fungiert, definiert die Haltung der Koordinationsstelle so: «Es geht bei uns keinesfalls darum, eine Opferhaltung einzunehmen. Im Gegenteil. Musizieren mit Männern macht sehr Spass. Es würde halt einfach noch mehr Spass machen, wenn da mehr Frauen wären. Damit läge der Fokus dann auch weniger auf dem Frausein, sondern vielmehr auf der musikalischen Leistung als solcher.»

«Frauen zu erobern»

Bezüglich der Gründe, warum im Jazz-, Pop- wie auch im Rock-Bereich frappant mehr Männer auf Bühnen stehen, gibt es bis anhin kaum wissenschaftliche Studien, sondern in erster Linie Vermutungen und landläufige Gemeinplätze. «Der Urgrund des Musizierens besteht darin, Frauen zu erobern», so etwa die Erklärung von Thomas D., Mitglied der deutschen Hip-Hop-Gruppe Die fantastischen Vier. Rudolf Löffel, der für das Booking in der Rössli-Bar der Reitschule zuständig ist, meint, dass grössenwahnsinnige Posen, wie sie von Rockbands häufig zelebriert würden, halt eher eine Männerangelegenheit seien. Ursina Anderegg aus dem Frauenraumkollektiv nennt Stereotypisierung als Einflussfaktor und glaubt, dass Frauen deswegen auch eine höhere Hemmschwelle hätten, überhaupt mit dem Musizieren zu beginnen. Daniel Fischer, Booker im ISC, vermutet, dass Frauen vielleicht zu wenig risikofreudig seien, um das harte und kräftezehrende Tourleben auf sich zu nehmen, und ein befreundeter Gitarrist formuliert salopp: «Frauen überlegen zu viel, Männer machen einfach.»

Alle Aussagen, so platt sie teilweise sein mögen, verdeutlichen: Der Akt des Musizierens ist stark mit gängigen Gender-Klischees verbandelt, die, überspitzt formuliert, in etwa so lauten: Männer fühlen sich blendend in der Öffentlichkeit, trommeln gerne auf Dingen herum, wahlweise auf der Brust oder auf dem Schlagzeug, gebrauchen ihre Gitarren als Penisverlängerungen und machen Musik, um möglichst viele Weiber ins Bett zu kriegen. Frauen haben das nicht nötig, passen sowieso nicht ins Rampenlicht und sollen deswegen besser zu Hause den Kindern Schlaflieder vorsingen.

Die Nachhaltigkeit solch stereotyper Klischees nennt auch Journalistin Tine Pletsch in ihrem Essay «Frauen in der Popkultur» als einen der Gründe für die niedrige Frauenquote. Zudem stellt Pletsch die These auf, dass Frauen, die in männliche Tätigkeitsfelder eindringen, mit Geringschätzung, Desinteresse oder Misstrauen konfrontiert würden, was die Aussage von Thomas D. in einem Interview mit dem deutschen Magazin «Die Bunte» zu bestätigen scheint: «Frauen in der Musik sind selten ernst zu nehmen. Sie haben entweder keine Band oder keine echte Aussage und können deswegen höchstens als Sängerin von Nutzen sein.»Natürlich ist nicht jeder Musiker ein archaischer und hormongesteuerter Silberrückengorilla. Angesichts der gerade mal 10 Prozent Evas unter den musizierenden Adams beinhalten die Klischees vielleicht aber doch ein Quäntchen Wahrheit. Erziehung, Zuschreibungen und Wertungen – kurz: Sozialisation – sind doch auch wesentliche Gründe für die tiefe Frauenquote. Regula Frei von Helvetiarockt zumindest will dies ändern und bietet extra Workshops für musizierende Frauen an (vgl. Kasten). Denn, so sagt sie: Männer nützten bestehende Netzwerke in der Musikwelt besser und aggressiver, und jungen Mädchen fehlten reale weibliche Vorbilder. (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2014, 08:24 Uhr

Female Band-Workshops

Der Förderverein Helvetiarockt setzt sich für die Nachwuchsförderung junger Musikerinnen ein. So wurden in den letzten acht Monaten in Zusammenarbeit mit Musikschulen oder Clubs in vier Kantonen Workshops durchgeführt, in denen junge Frauen an ihren Bandkompetenzen feilen konnten. Mit der Hilfe von Leiterinnen – alle selber Musikerinnen unterschiedlichster Couleur – haben vier Formationen in Genf, Winterthur, Zug und Bern getüftelt, geprobt, improvisiert und dabei den Umgang mit Bühnen- sowie Studiotechnik geübt. So sind 40-minütige Live-Repertoires entstanden, welche am Sonntag im Kulturzentrum Progr einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Mit diesen Female Band-Workshops hat Helvetiarockt eine Form der nachhaltigen Frauenförderung in der Musikwelt geschaffen. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen seien positiv gewesen, berichtet Regula Frei von Helvetiarockt. Und die Mädchen würden viel mehr Selbstvertrauen an den Tag legen im Band- und Bühnenumfeld. Entsprechend klar sei, dass diese Workshops wieder durchgeführt würden. Die nächste Staffel beginnt im Oktober, neu gar an zehn verschiedenen Standorten in der Schweiz. Der Anlass im Progr beginnt am Sonntag in der Turnhalle um 13.30 Uhr.

Artikel zum Thema

Evelinn Trouble: Ihr Name ist Programm

Die Zürcher Musikerin über ihr neues Album, Elefanten und ihr Traumkonzert. Mehr...

Vom Buttermädchen zum Vamp

Priska Zemps Künstlername ist ernster zu nehmen, als er klingt: Heidi Happy hat sich im Progr als virtuose Musikerin gezeigt. Und sie wirkte so glücklich, wie sie heisst. Mehr...

Bizarre Figuren im Underground

KulturStattBern MoMA, Serge Nyfelers Off-Galerie in der Matte, ist ein Unikum. Wer passt da besser hin als Silke Thoss, die musizierende Malerin oder malende Musikerin aus Hamburg? Zum Blog

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse in Düsseldorf, Deutschland, transportiert. Sie wird zu einer Wassersportmesse geliefert. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...