Wird in der Lorraine ein Bordell vergoldet?

Die Stadt will in der Lorraine für drei Millionen Franken ein Bordell kaufen, dessen Schliessung sie vor Gericht erstritten hat. Im Quartier stellt man Fragen.

Am Lagerweg 12 bieten seit Jahren Sexarbeiterinnen ihre Dienste an. Die Stadt will die Immobilie kaufen, nachdem sie die Schliessung des Bordellbetriebes erstritten hat.

Am Lagerweg 12 bieten seit Jahren Sexarbeiterinnen ihre Dienste an. Die Stadt will die Immobilie kaufen, nachdem sie die Schliessung des Bordellbetriebes erstritten hat. Bild: Manu Friederich

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Noch ist am Lagerweg 12 im Berner Lorraine-Quartier das horizontale Gewerbe beheimatet, seit Jahren bieten hinter den roten Balkonjalousien Sexarbeiterinnen ihre Dienste an. Geht es nach der Stadt Bern, dürfte der Liegenschaft allerdings eine senkrechte Karriere bevorstehen: Drei Millionen Franken hat die städtische Liegenschaftsverwaltung dem Besitzer für das Bordell geboten, die Offerte liegt DerBund.ch/Newsnet vor. Das Angebot erfolgt aus der Siegerposition: Ende Juli erst hat das Bundesgericht die städtische Verfügung bestätigt, dass der Bordellbetrieb schliessen muss – der Liegenschaftsbesitzer hat sich vergeblich gewehrt.

Sorge vor «schleichender Gentrifizierung»

Ungeachtet davon, ob der Rechtsstreit im Hinblick auf den Kauf der Immobilie geführt worden ist oder nicht, stellt sich die Frage: Was soll aus dem Lagerweg 12 werden? Im ehemaligen Arbeiterquartier schürt das Vorgehen der Stadt Ängste: «Mit grosser Sorge» beobachte man eine schleichende Gentrifizierung im Quartier, schrieb der Verein Läbigi Lorraine nach Bekanntwerden des Angebotes an den Gemeinderat gewandt. Es brauche in der Lorraine vordringlich «Wohnmöglichkeiten für junge Erwachsene in Ausbildung, Raum für Wohngemeinschaften und günstige Wohnungen für Familien mit kleinem Einkommen.» Damit im Quartier der günstige Wohnraum erhalten bleibt, solle die Stadt die Liegenschaft für ihr eigenes Portefeuille erwerben oder einen gemeinnützigen Wohnbauträger berücksichtigen, verlangt Läbigi Lorraine. «Ein Weiterverkauf an Private wäre für uns unverständlich.» Der Verein fürchtet teure Sanierungen und Spekulationen.

«Was geschieht am Lagerweg?»

Auch im Stadtrat ist nicht unbemerkt geblieben, dass die Stadt ihre Finger nach der Liegenschaft ausstreckt. «Was geschieht am Lagerweg?» verlangt Luzius Theiler (GPB-DA) in einer Interpellation vom Gemeinderat zu wissen. «3 Millionen Franken sind ein bemerkenswert hoher Preis in Anbetracht der Parzellengrösse und des eher schlechten Bauzustandes», findet er. Für Lorraine-Verhältnisse resultiere ein Quadratmeterpreis «jenseits von gut und böse». «Das zahlt nur, wer abreissen und Luxuswohnung bauen will», so Theiler.

Wissen will Theiler auch, ob der «grosszügige» Kaufpreis mit der Überbauung am Centralweg 9 zusammenhängt, welche die Stadt seit nunmehr 5 Jahren plant. Er argwöhnt, dass man mit dem Angebot baurechtliche Schwierigkeiten im Überbauungsprojekt ausräumen will. Laut Lagerweg-Liegenschaftsbesitzer Roland Staudenmann verletzen die dort geplanten Balkone nämlich Grenzabstände zu seiner Liegenschaft. Er drohte bereits mit Einsprachen.

Die Karten auf den Tisch legen

«In meinen Augen versucht man die Zustimmung für das Projekt am Centralweg zu erkaufen», sagt Theiler. Oder aber, die Stadt wolle das «mit grossem Aufwand und Kosten entwickelte» Projekt ganz fallen lassen und stattdessen unter Einbezug der benachbarten Parzellen komplett neu planen. Wie der Verein Läbigi Lorraine stellt sich Theiler gegen den Verkauf an Private: Die Stadt habe die Pflicht, den Bestand an städtischen Grundstücken zu erhalten und zu vermehren. «Nur mit Bodenbesitz kann sie Einfluss auf die Quartierentwicklung nehmen und so der Gentrifizierung entgegenhalten.»

Die städtische Liegenschaftsverwaltung will einzig das Kaufangebot bestätigen. Derweil ist Theilers Interpellation als dringlich erklärt worden und der Gemeinderat muss die Karten sehr bald auf den Tisch legen. Dann wird die Lorraine erfahren, ob ihr Bordell vergoldet wird.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2012, 20:07 Uhr

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