«Wir versuchen den Kindern eine Stimme zu geben»

Interview

Bereits heute stehen den Kindern in vielen Schulhäusern Schulsozialarbeitende als Vertrauenspersonen zur Seite. Diese Woche entscheidet der Grosse Rat über die Zukunft des Angebots.

Simone Gaberell ist seit fünf Jahren Schulsozialarbeiterin in Ostermundigen.

Simone Gaberell ist seit fünf Jahren Schulsozialarbeiterin in Ostermundigen.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Mit welchen Problemen beschäftigt sich eine Schulsozialarbeiterin?
Meistens geht es um Streitereien unter den Schülerinnen und Schülern. Früher haben sie diese selber gelöst, heute holen sie uns hinzu. Das ist eine Form der Gewaltprävention, weil die Kinder so üben können, auf eine faire Art und nicht mit den Fäusten Konflikte zu lösen. Es beschäftigen uns aber auch Kinder, die zu Hause physisch oder psychisch misshandelt werden.

Können Kinder ihre Streitereien nicht mehr selber lösen?
Doch, viele tun das auch. Zu mir kommen vor allem unterlegene Kinder, denen die Lösungsstrategien oder der Rückhalt in der Gruppe fehlen. Diese kommen in Schulen ohne Schulsozialarbeit oft unter die Räder.

Wie merken Sie, dass ein Kind Opfer häuslicher Gewalt ist?
Häufig fallen solche Kinder auf, weil sie Tests nicht mehr von den Eltern unterschreiben lassen oder die Unterschrift fälschen.

Wie können Sie helfen?
In Gesprächen analysiere ich die Situation. Dass die Kinder mit jemandem sprechen können, entlastet sie bereits. Dann versuche ich abzuschätzen, welche Fachstellen beigezogen werden müssen und stelle die Kontakte her.

Warum können sich Lehrer oder Schulleiter nicht um die Probleme kümmern?
Die Lehrperson hat gar nicht die Möglichkeit, spontan in einem separaten Raum ein längeres Gespräch mit einem Schüler zu führen. Und der Schulleiter ist eher für die schulischen Massnahmen oder Sanktionen zuständig, was nicht eben vertrauensbildend wirkt. Ein grosser Unterschied ist auch die Ausbildung. Gerade bezüglich Gesprächsführung sind wir besser ausgebildet. Mit einem Kind über seine Sorgen zu sprechen, braucht sehr viel Fingerspitzengefühl.

Wie gewinnen Sie deren Vertrauen?
Wichtig ist der Ruf einer Schulsozialarbeiterin. Ich sage den Kindern immer, dass ich der Schweigepflicht unterstehe und Informationen nur mit deren Zustimmung weitergebe. Die Kinder sollen das Gefühl haben, dass sie mitbestimmen können, was mit ihnen geschieht.

Wie messen Sie die Wirksamkeit Ihrer Arbeit?
Wenn die Kinder wiederkommen, habe ich meine Arbeit gut gemacht. Und wenn ich sehe, dass Kinder, die isoliert waren, wieder Kontakte knüpfen, ist das ebenfalls ein gutes Zeichen. Dann frage ich bei den Kindern natürlich auch nach, ob sich etwas verändert hat.

Besteht die Gefahr, dass die Lehrkräfte alle sozialen Probleme an die Schulsozialarbeit abschieben und damit die notwendige Beziehungsarbeit zwischen Lehrern und Schülern zu kurz kommt?
Trotz Schulsozialarbeit hat eine Lehrkraft die Chance, Vertrauensperson für die Kinder zu sein. Das Kind soll aber die Wahl haben. Ein Lehrer ist von seiner Aufgabe her immer auch Bewerter und eignet sich deshalb aus Schülerperspektive manchmal nicht als Vertrauensperson. Viele Kinder hätten niemanden, dem sie sich anvertrauen könnten, wenn es uns nicht gäbe.

Mit Erziehungsberatung, Vormundschaftsamt, Sozialamt oder Jugendarbeitern gibt es bereits zahlreiche Hilfsangebote. Warum braucht es jetzt noch die Schulsozialarbeit?
Die Niederschwelligkeit ist entscheidend. Ein Kind, das zu Hause geschlagen wird, weiss nicht, dass es zum Sozialamt gehen kann. Wir versuchen, den Kindern eine Stimme zu geben. Zu allen anderen Stellen wird das Kind hin vermittelt, zu uns kommt es freiwillig.

Wo braucht es Schulsozialarbeit?
Wenn man will, dass sich Kinder autonom Hilfe holen können und ihre Anliegen Gehör finden sollen, dann braucht es überall Schulsozialarbeit. In sozial weniger belasteten Quartieren, wo die Lehrkräfte genügend Kapazität haben, Probleme selber anzugehen, braucht es sie aber sicher weniger dringend.

Es gibt Gemeinden, in denen Schulsozialarbeiter für acht Schulhäuser zuständig sind. Ist das sinnvoll?
Nein, wenn man nicht regelmässig präsent ist, geht die Niederschwelligkeit verloren. Man muss die Kinder kennen, und die Kinder müssen einen kennen.

Der Kanton soll neu 30 Prozent der Kosten übernehmen. Zufrieden?
Es wäre sicher ein Erfolg. Eigentlich wollen wir aber mit anderen Sozialarbeitenden oder den Lehrern gleichgestellt werden. Solange wir von den Gemeinden angestellt sind, bleiben wir Spielball der kommunalen Finanzpolitik.

Der Bund

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