«Wir sind solid unter den 200 der international besten Unis»

Samstagsinterview

Die Uni Bern produziere keine arbeitslosen Akademiker, sagt Martin Täuber. Er ist gegen Zulassungsbeschränkungen.

Martin Täuber, Rektor der Universität Bern

Martin Täuber, Rektor der Universität Bern

(Bild: Valérie Chételat)

Rudolf Burger
Marcello Odermatt@cellmob

Herr Täuber, was sagt Ihnen die Zahl 157?
157? Im Moment nichts.

Das ist der Platz der Uni Bern im internationalen Ranking des Magazins «Times Higher Education». Sind Sie zufrieden mit diesem Rang?
Gemessen an den Voraussetzungen, welche die Universität Bern hat, ist das ein sehr guter Rang. Wir sind solid unter den 200 der international besten Unis.

Aber hinter den Universitäten von Zürich, Basel, Lausanne und hinter den beiden ETH.
Das ist so, es gibt aber Schweizer Universitäten, die noch weiter hinten rangieren. Diese Rankings sind auch keine exakte Wissenschaft. Es ist einfacher, gut rangiert zu werden, wenn man sich im angelsächsischen Raum befindet und wenn die Uni zu einer grossen, bekannten Stadt gehört. Und es spielt auch eine Rolle, wie gut eine Universität finanziell unterstützt wird. Grösse und Finanzkraft sind wohl die wichtigsten Kriterien. In beiden Bereichen hat Bern keine optimalen Voraussetzungen.

Ist die Uni Bern unterfinanziert?
Im Vergleich zu anderen grossen kantonalen Universitäten erhalten wir weniger öffentliche Gelder. Dies gilt erst recht im Vergleich zu den ETH, die gegen 80 Prozent ihres Budgets vom Bund erhalten.

37 Prozent Ihres Budgets von rund 780 Millionen kommen vom Kanton. Mit 50 Prozent wären Sie also bei einem Ranking weiter oben?
Nicht sofort, aber mehr Geld gäbe uns mehr Flexibilität, um grössere Programme zu entwickeln und um Leute zu rekrutieren, die sonst nicht nach Bern kämen. Wir könnten mehr Leute anstellen, die hauptsächlich forschen. Heute sind viele unserer Dozierenden zu einem grossen Teil mit Lehrtätigkeit beschäftigt.

In der aktuellen Spardebatte im Grossen Rat ist die Uni aber ungeschoren davongekommen. Haben Sie erfolgreich lobbyiert?
Wir weisen schon lange darauf hin, dass uns weitere Kürzungen stark treffen würden. Es ist aber auch das Verdienst des Erziehungsdirektors, der dezidiert die Meinung geäussert hat, dass die Universität im Verhältnis zu ihrer Qualität zu wenig Geld hat. Im Rahmen der Sparbemühungen wurde deutlich, dass die Universität im Vergleich zum Referenzwert unterdurchschnittlich finanziert ist, nämlich bei 90 Prozent. Unser Budget ist in den letzten Jahren trotz steigender Studierendenzahlen gleich hoch geblieben.

Das Sparen geht weiter. Befürchten Sie, dass Sie in der nächsten Runde an die Kasse kommen?
Es ist uns völlig klar, dass wir nicht absolut geschützt sind. Der Leistungsauftrag der Uni mit dem Kanton ist an Finanzzahlen gebunden. Wir hoffen, dass diese Zahlen eingehalten werden. Aber es ist klar deklariert worden, dass diese Zahl im nächsten Jahr genau überprüft werde und es keine Sicherheit gebe, wenn wieder massiv gespart werden müsse.

Sollten Sie nicht vermehrt auf Drittmittel setzen, wie dies andere Universitäten tun?
Das machen wir schon lange, und zwar sehr erfolgreich. Bezogen auf die Grundfinanzierung werben wir schweizweit am meisten Drittmittel ein.

Im Fokus steht derzeit die Unterstützung der Universitäten durch die Privatwirtschaft. Die UBS zahlt der Uni Zürich 100 Millionen. Hätten Sie das Geld auch genommen?
Das ist eine gute Frage, die sich nicht gestellt hat, weil die UBS leider nicht auf die Idee gekommen ist, uns anzufragen.

Sie sagen «leider» . . .
100 Millionen von einer Bank, die bezüglich ihrer Reputation nicht die besten Zeiten durchlebt hat, sind kein uneingeschränkter Segen. Ich weiss, dass dieses Geschenk auch der Universität Zürich Kopfschmerzen bereitet hat. Hätten wir das Geld genommen? Ich weiss es nicht. Allerdings halte ich es für sehr problematisch, dass diese doch sehr grosse Gabe – letztlich ist das Geld, das dank der Bevölkerung verdient wurde – nur an eine Universität vergeben wird.

Weshalb ist das problematisch?
Weil damit ein Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Universitäten hergestellt wird. Auch bei uns gibt es das Fach Ökonomie. Eine solche Spende erlaubt es einer Bank, mit einer sehr grossen Kelle anzurichten und damit Wettbewerb und Wissenschaft zu beeinflussen.

Sie haben den Zürcher Appell, in dem sich viele Professoren um die Unabhängigkeit der Universitäten sorgen, aber nicht unterzeichnet.
Nein. Grundsätzlich sage ich auch nicht, private Spenden seien problematisch, zumindest nicht bei den Beträgen, von denen wir in Bern reden. Bei einer so grossen Summe für eine Universität kann man aber schon fragen, ob da nicht Probleme entstehen. Aus dem Vertrag mit der UBS wird ersichtlich, dass zwar nichts Unethisches vereinbart wurde, dass aber doch eine gewisse Annäherung zwischen der UBS und dem wissenschaftlichen Bereich entstanden ist.

Auch die Uni Bern hat Sponsoren: Novartis, Mobiliar, BKW, Securitas.
Das stimmt. Wir sagen ja nicht, das sei falsch, und haben daraus auch nie ein Geheimnis gemacht. Bei uns sind insgesamt neun Professuren gestiftet – ohne irgendwelche Ansprüche der Stifter. Das Volumen dieser Professuren beträgt rund zehn Millionen Franken. Das hat sich über die Jahre entwickelt, und die Vereinbarungen dazu sind transparent.

Sie haben keine geschwärzten Passagen in diesen Vereinbarungen, wie im Fall UBS - Uni Zürich?
Nein, die Verträge sind nicht eingeschwärzt, aber auch nicht öffentlich, auch wenn ich meine, dass sie gezeigt werden könnten. Es brauchte da aber den Konsens, dass alle Universitäten solche Vereinbarungen öffentlich machen. Es ist aber auch legitim, dass ein privater Spender nicht unbedingt in den Zeitungen erscheinen möchte, wenn er zig Millionen gespendet hat.

Ist die Freiheit der Lehre nicht gefährdet, wenn eine Firma einen Professor bezahlt?
Diese Gefahr muss man ernst nehmen. Deswegen halten unsere Verträge explizit fest, dass die Freiheit von Lehre und Forschung garantiert ist. Der Stifter kann nicht mitreden bei der Art der Forschung oder der Wahl der Methode . . .

. . . und bei der Wahl des Professors?
Nein. Es gab eine Ausnahme, als ein Stifter mit einer Person in einer Berufungskommission vertreten war. Das würden wir nicht mehr zulassen. Die Wahl muss nach den üblichen akademischen Regeln ablaufen.

Geht es angesichts der knappen öf- fentlichen Gelder für die Uni darum, mehr private Gelder zu holen?
Das ist ein Element der Zukunft in einem hoch kompetitiven Umfeld. Wir bewerben uns alle um die gleichen Gelder, die gleichen guten Studierenden, die gleichen guten Dozenten. Ob sich das immer mehr auch in Richtung eines professionellen Fundraisings, eines Wettkampfs um private Gelder entwickelt, muss sich zeigen.

Die Anzahl Studenten an der Uni Bern steigt. 17'000 sind es heute, 6,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Wo liegt das Maximum? Bei der Grösse der Hörsäle für ein paar besonders grosse Fächer . . .

. . . und das sind?
Jus, Psychologie, Betriebswirtschaft, Geografie – das sind die vier chronisch überbelegten Fächer. Den Juristen stehen jetzt im Von-Roll-Areal grössere Hörsäle zur Verfügung. Jetzt haben wir vor allem bei den Psychologen und Betriebswirten Platzprobleme.

Haben Universitäten nicht auch eine Leitungsfunktion? So viele Psychologen, wie momentan ausgebildet werden, braucht es doch gar nicht.
Diese Aussage ist umstritten, und sie wird auch zu Soziologen, Philosophen und überhaupt zu Geisteswissenschaftlern gemacht. Realität ist aber, dass 90 Prozent unserer Studierenden innerhalb eines Jahres nach Abschluss angestellt sind und gut verdienen. Wir produzieren keine arbeitslosen Akademiker.

Vielleicht noch nicht? Der Blick in die Zukunft ist immer unsicher. Ich weiss nicht, ob plötzlich ein Heer arbeitsloser Soziologen oder Psychologen durch Berns Strassen zieht . . . Realität ist aber auch, dass Politik und Gesetz im Moment keine Regulierung der Zulassung vorsehen.

Ausser bei den Medizinern.
Das ist ein Spezialfall. Als Mediziner halte ich das für richtig, weil das Medizinstudium sehr teuer ist. Früher wurde nach ein, zwei Jahren die Schraube so angezogen, dass viele ihr Studium aufgeben mussten. Das war nicht sehr effizient. Mit dem Eignungstest wird jetzt nur ein Drittel zugelassen, und wir verlieren im weiteren Studium nicht mehr als zehn Prozent.

Zulassungsbeschränkungen bei anderen Fächern sehen Sie nicht?
Es gibt sie aus Sicherheitsgründen auch bei den Sportwissenschaften, weil Sportanlagen nur für gewisse Kapazitäten ausgelegt sind. Eine Erweiterung der Zulassungsbeschränkungen wird immer wieder diskutiert. Ich habe lange im amerikanischen System gearbeitet und kann einer Vorselektion viel abgewinnen, bei der man versucht, jene aufzunehmen, von denen man sich akademisch am meisten verspricht. Die Schattenseite ist aber, dass die Selektion dann häufig jene bevorzugt, die sich das auch leisten können. Diskussionen um Zulassungsbeschränkungen finden in der Politik keine Resonanz.

Vom amerikanischen System wissen Sie, was dort an Gebühren verlangt wird. Im Vergleich dazu sind die Schweizer Unis billig.
Sicher, aber es ist eine Qualität, dass bei uns weniger nach ökonomischen Möglichkeiten selektiert wird. Es ist für uns keine Option, die Studiengebühren drastisch zu erhöhen.

750 Franken pro Semester sind es heute. Wäre eine Erhöhung bis 1000 Franken angesichts der knappen Finanzen nicht möglich?
Studiengebühren sind für die Sanierung der Finanzen nicht entscheidend. Bei 750 Franken machen die Einnahmen etwa 19 Millionen jährlich aus. Würde man sie verdoppeln, gäbe es zwar einige Millionen mehr, bei einem Budget von insgesamt 780 Millionen würden diese Mehreinnahmen die möglichen Nachteile nicht überwiegen. Es ist ein schützenswertes Gut, dass Leute, die studieren wollen, nicht aus ökonomischen Gründen vom Studium abgehalten werden. Ich glaube auch, dass es beim Stipendienwesen Verbesserungen geben sollte.

Immer mehr Studenten bedeuten auch, dass der Lehrkörper immer grösser wird. Wie steht es mit dem Anteil der Deutschen, der in der Öffentlichkeit zum Thema wurde?
Die Zahlen sind relativ stabil, wir haben in unserem Lehrkörper zirka 45 Prozent Ausländer, darunter auch eine relevante Zahl Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland. Das hat unter anderem damit zu tun, dass der Nachwuchs in der Schweiz knapp ist.

Machen Sie zu wenig, um den eigenen Nachwuchs zu fördern?
Wir haben die Nachwuchsförderung zu einem strategischen Schwerpunkt an der Universität Bern gemacht. Auch in der schweizerischen Hochschulszene findet eine aktive Diskussion über Verbesserungen bei der Nachwuchsförderung statt. Man hat zum Beispiel die Löhne für Doktoranden angehoben und bemüht sich auch um spezielle Lösungen für Frauen und um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Der Erfolg ist bisher . . .

. . . ausgeblieben?
. . . in einzelnen Bereichen sichtbar, es gibt immer noch viel Platz für Verbesserungen. Die brauchen aber entsprechende Mittel.

Geht es bei der Suche nach dem akademischen Personal nicht darum, die Besten der Besten zu gewinnen, egal, woher sie kommen?
Da gibt es eine klare Antwort: Wir gehen immer nach Qualität. Gleichzeitig muss man sagen, dass sich Qualität nicht per Massstab am Oberarm messen lässt.

Sie wollen auch 25 Prozent Frauen.
Wir halten uns strikt an die Regel, dass wir bei zwei gleich gut qualifizierten Kandidaten der Frau den Vorzug geben. Wir versuchen die Person zu engagieren, die am besten ins Profil der ausgeschriebenen Stelle passt.

Ist es für Akademiker in der Schweiz eine Stelle in der Privatwirtschaft verlockender als an der Uni?
Das mag so sein, wir empfinden das aber nicht als negativ. Wer speziell talentiert ist für Forschung oder Lehre, der soll an der Uni bleiben. Auch die Privatwirtschaft soll von unseren gut qualifizierten Abgängern profitieren.

Es gibt an der Uni den Trend zur Verpolitisierung. Der Fall Mörgeli hat in Zürich zum Rücktritt des Rektors geführt. Wäre das auch in Bern möglich?
Es tut mir leid für Andreas Fischer. Was die Verpolitisierung betrifft – es ist gut, dass es in Bern diesbezüglich relativ ruhig ist. Grundsätzlich hat der Rektor eine eher schwache Position. Er wird von aussen vielleicht als CEO wahrgenommen, der mit der Peitsche knallt, aber der Rektor ist in unserem System ein Primus inter Pares. Er kann Strategiediskussionen anstossen, aber letztlich hat er wenig Macht. Im Moment, wo er den Support der Professoren verliert, wackelt sein Stuhl.

Ihr Stuhl wackelte im Fall Mader - Strik nicht. Da gab es mindestens den Ansatz einer Verpolitisierung.
Die heisse Phase war die nach dem Antrag der UPD, man müsse Herrn Strik kündigen. Da haben wir uns strikt an juristische Regeln gehalten, die Ruhe bewahrt und sind zum Schluss gekommen, dass für eine Kündigung nicht genügend Gründe vorliegen. Die Regierung hat uns schliesslich recht gegeben.

Frau Mader hat erklärt, es sei ein Zeichen der Schwäche, dass die Uni an einem ungenügend qualifizierten Mitarbeiter festgehalten habe.
Für uns war die Qualifikation von Herrn Strik nie ungenügend.

Heute Samstag findet der Dies academicus statt, ein alter Zopf . . .
Es gibt viele alte Zöpfe. Es ist wichtig, an gewissen Traditionen festzuhalten. Die Leute kommen gerne, wir zeigen uns und danken allen, die uns unterstützen. Als ich Rektor wurde, haben wir uns überlegt, den Dies zu modernisieren, aber der Konsens war, ihn zu belassen, wie er ist.

Wissenschaftlich hat er keine grosse Bedeutung.
Nein, es gibt nur die akademische Rede eines Professors, der effektiv über ein wissenschaftliches Thema redet. Der Rest ist Begrüssung und die Ansprache des Mittelbaus oder der Studierenden, die meistens etwas gepfefferter ist.

Wer hält die wissenschaftliche Rede?
Vizerektor Christian Leumann. Er ist Chemiker.

Da geht es um Moleküle . . .
Nicht nur, sondern beispielsweise auch um die Übertragung von Forschungsresultaten in Medikamente, also auch um Forschungsresultate und ihre Bedeutung für die Wirtschaft.

Wie werden die Ehrendoktoren verteilt?
Primäres Kriterium ist die wissenschaftliche Leistung. Die Fakultäten schlagen Leute vor, die sich in ihrem Fachgebiet verdient gemacht haben und womöglich einen Bezug zu Bern haben.

Welche wissenschaftliche Leistung hat Frau Merkel 2009 den Ehrendoktor der Uni Bern verschafft?
Die Universitätsleitung beschloss damals, dass zusätzlich zu den Ehrendoktoren der Fakultäten auch ein universitärer Dr. h.c. vergeben werden könne, so an Frau Merkel als prägende europäische Politikerin. Leider fand sie noch nicht Gelegenheit, den Titel persönlich abzuholen.

Ein Zeichen für die geringe Bedeutung der Uni Bern?
Ich nehme an, dass Frau Merkel ziemlich beschäftigt ist. Wir haben ihr nie übel genommen, dass sie bisher nicht erschienen ist. Vielleicht kommt sie, wenn sie nicht mehr im Amt ist.

Der Bund

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