«Wir behandeln in Burma alle Patienten gleich»

Philippe Schucht?Der Berner Insel-Professor bildet in Burma einheimische Neurochirurgen aus. Das arme Land braucht sie dringend.

Neurochirurgie auch für Mittellose in Burma: Philippe Schucht.

Neurochirurgie auch für Mittellose in Burma: Philippe Schucht. Bild: Valérie Chételat

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Neurochirurgie in Burma? Man bringt es kaum zusammen: die hoch spezialisierte Medizin und das arme Land. Neurochirurgie-Professor Philippe Schucht, eben aus Burma zurückgekehrt, antwortet wie Dr. Beat Richner in Kambodscha, nur dass sich jener so richtig echauffiert, wenn jemand diese Frage stellt. Schucht sagt: «Auch arme Menschen haben das Recht auf eine wirksame medizinische Behandlung.» Der Bedarf an Neurochirurgen sei in dem 50-Millionen-Land gross. Gerade einmal drei Spezialisten gab es dort vor einigen Jahren. Inzwischen sind es 49. Immer noch zu wenig, aber eine frappante Steigerung, die einiges mit dem Berner Inselspital-Professor zu tun hat.

Schucht erläutert an einem Beispiel, weshalb die Disziplin so wichtig ist. In Asien sind Motorräder das Auto des kleinen Mannes. Da sitzen drei oder vier Personen, darunter oft Kinder, auf einem Töff, der sich in den halsbrecherischen Verkehr stürzt – im wahrsten Sinne. Helme sind beinahe unbekannt, sodass es viele Verkehrsverletzte gibt. «Ist ein junger Mann nach einem Unfall schwer behindert, ist das für die Familie eine Katastrophe.» Der künftige Ernährer der Familie falle weg. Sehr verbreitet sind auch Hirnhautbrüche, Meningozelen. Schucht zeigt das Bild einer jungen Frau in Burma, das ihm jemand geschickt hat mit der Bitte, diese Patientin beim nächsten Besuch anzuschauen. Über der Nase wölbt sich eine Ausbuchtung wie ein Geschwür. Genetisch bedingt und in Folge eines Folsäuremangels während der Schwangerschaft, weisen viele Kinder Meningozelen auf: Durch ein Loch im Schädel dringt ein Teil des Hirns nach aussen, nur von Haut bedeckt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn eine solche Person nachts im Dunkeln mit dem Kopf irgendwo anstösst. Ausserdem werde eine Frau mit dieser Erkrankung kaum je heiraten können, sagt Schucht. «Mit einem ein- bis zweistündigen Eingriff durch einen spezialisierten Chirurgen ist die Person geheilt.»

Burma hat ein staatliches Gesundheitssystem nach britischem Vorbild – «mit allen Vor- und Nachteilen», wie Schucht vielsagend anfügt. Im Prinzip sei es gratis. Doch für Bauern auf dem Land, die von der Geldwirtschaft weitgehend unberührt seien, seien 500 Franken ein Vermögen. Sie müssten in eine Stadt reisen, was vielen ohnehin nicht geheuer sei. Verbrauchsmaterial hätten sie mitzubringen, zudem blieben sie die ganze Zeit beim Patienten, weshalb Verpflegungskosten anfielen. «Arme Leute sind dadurch faktisch von spezialisierter medizinischer Hilfe ausgeschlossen.» Hier kommt der Verein Swiss Neurosurgeons International ins Spiel (siehe Text rechts).

Das Thema Rohingya ist bei uns derzeit hochaktuell. Schucht sagt, er kenne die unterschiedlichen Positionen zu dieser muslimischen Minderheit, die auf der Flucht ist. Welche davon «wahr» sei, wisse er nicht. Wenn er und sein Team in Burma hülfen, geschehe dies völlig unparteiisch. «Wir wurden von Behörden nie angewiesen, dass wir bestimmte Patienten vorrangig oder andere nicht behandeln sollen.» Die Triage erfolge einzig nach medizinischen Kriterien. Der Zugang zum Gebiet, wo die Minderheit der Rohingyas lebt, sei nie behindert worden, hält Schucht fest.

Wenn er in Burma operiert oder an zwei Unis doziert, nimmt er Inlandflüge mit Propellermaschinen. «Das ist fast wie Busfahren», sagt der Chirurg: Die Maschine schalte etliche Zwischenlandungen ein. Schucht mag die Menschen in dem Land, das bis vor wenigen Jahren von der Militärregierung völlig abgeschottet war. Mit einem rechthaberischen Befehlston komme man dort nicht weit. «Die Menschen sind überhaupt nicht konfrontativ, sondern sprechen so lange miteinander, bis sie eine Lösung gefunden haben, die für alle stimmt.» Burmesen seien äusserst lernwillig. Sie notierten sich die Instrumente, die man für die Operation brauche, merkten sich alles genau, und nach einmaligem Üben sitze die Methode. Es sei Hilfe zur Selbsthilfe: Schweizer Ärzte bilden burmesische aus. Diese wiederum behandeln tagtäglich Patienten und geben ihr Wissen weiter. «Der Effekt ist exponentiell, die Investition effektiv und nachhaltig.» Auch Schucht hat viel gelernt. «Gut ausgebildete Ärzte können auch mit einfacheren Mitteln hervorragende Medizin praktizieren.» (Der Bund)

Erstellt: 27.11.2017, 06:54 Uhr

Burma

Gezielter Effort – grosser ErfolgIm Jahr 2010 gründete der am Inselspital tätige Neurochirurgie-Professor Philippe Schucht den Verein Swiss Neurosurgeons International (SNI). Mit anderen Neurochirurgen ist der kinderlose Schucht inzwischen ein Dutzend Mal nach Burma gereist, um Patienten zu operieren und einheimische Ärzte weiterzubilden. Bis vor kurzem gab es praktisch keine Spezialisten für Neurochirurgie. Es sei eine grosse Freude zu sehen, wie man «mit einem gezielten Effort enorm viel erreichen kann». Im November war er mit den Insel-Kolleginnen Janine Abu-Isa und Irena Zubak erneut in Burma, in der Zeit, als die Welt das Flüchtlingsdrama der Rohingyas zur Kenntnis nahm. Die Hilfe erfolge unparteiisch, sagt Schucht, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit spiele keine Rolle. Der Verein erhält in der Schweiz keinerlei staatliche Beiträge, sondern wird direkt von Einzelpersonen unterstützt. Diese übernehmen beispielsweise eine Patenschaft für eine Operation für 500 Franken oder für die Weiterbildung eines burmesischen Arztes zum Neurochirurgen, was etwa 10 000 Franken kostet. (mdü)

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