Willkommen in der Nachbarschaft

Weil auf dem Berner Gaswerkareal gebaut werden soll, gerät das Jugendzentrum Gaskessel unter Druck. Doch auch andernorts im Kantonsgebiet müssen sich Kultur- und Jugendzentren immer öfter auf Nachbarn einstellen – und Kompromisse eingehen.

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Nach über 40 Jahren droht einem der ältesten Jugendzentren Europas das Ende. Auf dem alten Gaswerkareal an der Aare bei Bern muss der Gaskessel möglicherweise einer neuen Wohnüberbauung weichen. Noch bevor ein definitiver Entscheid gefallen ist, regt sich unter Anhängern des Jugendzentrums Widerstand. Die Stadt zeigt sich kompromissbereit und bietet einen neuen, zentralen Standort für das Jugendzentrum an.

Es ist kein einzigartiger Vorgang, der sich in Bern abspielt. Im Gegenteil: Die Geschichten scheinen sich vielerorts zu gleichen. Nach strukturellen Umbrüchen im letzten Jahrhundert zogen sich Industriebetriebe vom Stadtrand zurück und hinterliessen leere Gebäude und brache Flächen. Kultur und Jugend füllten die Lücken, schufen ihre Inseln.

Nach Jahrzehnten der Stadtflucht wird Wohnen im Zentrum wieder chic, und aus peripherem Niemandsland wird zentrales Bauland. Mit der neuen Nachbarschaft kommen die Konflikte, Proteste und Petitionen – aber auch die Kompromisse und die Zugeständnisse.

«Chessu» vs. Esplanade

Zum Beispiel Biel. Auch dort gibt es einen Gaskessel, und auch dort haben sich vor gut 40 Jahren Jugendliche einquartiert. Das Alternative Jugendzentrum (AJZ) stand über die nächsten drei Jahrzehnte auf unbewohntem, industriell verseuchtem Boden, umgeben von parkierten Autos. Nachbarschaftliche Konflikte blieben aus – mangels Nachbarschaft.

Nach der Jahrtausendwende bekundeten aber zunehmend private Investoren Interesse am Areal im Herzen der zweitgrössten Stadt des Kantons. Das AJZ wehrte sich mit einer Petition und schliesslich einer Beschwerde beim Statthalter. Die Angst vor möglichen Nachbarschaftsklagen und einer Einengung des Freiraumes spielte dabei ebenso eine Rolle wie der Protest gegen das «Profitdenken der Baulobby». Es kam zu politischen Verhandlungen und allseitigen Bekenntnissen zum AJZ.

Tiefgarage und Parkanlage

Das Stimmvolk gab schliesslich 2011 den Startschuss zu einem städtebaulichen Neuanfang um die sogenannte Esplanade. Bis 2017 sollen nach einer Tiefgarage und einer Parkanlage in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gaskessel rund 200 Wohnungen entstehen. Doch auch der «Chessu» muss umbauen – unter anderem im Bereich Lärmschutz.

«Die Situation wird sich für das AJZ zweifellos ändern», sagt heute der Bieler Stadtbaumeister Jürg Saager. Das Bekenntnis der Politik bleibe aber bestehen. Der Gemeinderat soll demnächst zu einem Umbauprojekt Stellung nehmen, das das AJZ selbst ausgewählt hat. Die Chancen stehen gut.

Mokka vs. Gerberkäse

Für Schlagzeilen hat im letzten Jahr auch das Thuner Kultlokal Mokka gesorgt. Auch hier wächst die Siedlung immer weiter an den «Planeten» von Stadtoriginal Pädu Anliker heran. Vor knapp 30 Jahren gründete dieser seine Café-Bar ebenfalls ohne Nachbarn auf einem verlassenen Industrieareal. Und doch war es ein Anwohner, der letzten Sommer einen wahren Sturm der Entrüstung lostrat. Der Statthalter gab der Beschwerde recht und verfügte, dass das traditionsreiche Freilufttanzfest Summerdance ab 22 Uhr ohne Musik auskommen müsse.

Gut 10'000 Mokka-Anhänger unterschrieben daraufhin eine Petition, und die Politiker rangen um Lösungen. Der Stadtpräsident stellte sich im März dieses Jahres in seiner Antwort auf die Petition entschieden auf die Seite der «urthunerischen Institution», verwies aber auf die Unabhängigkeit des Statthalters. Summerdance in seiner alten Form dürfte also Geschichte bleiben.

Aber die Nachbarschaft wächst weiter und kommt näher. Auf dem ehemaligen Gerberkäse-Areal, direkt vor dem Eingang des Mokka, sollen bis im nächsten Frühling unter anderem Wohnungen für Senioren entstehen. Auf beiden Seiten der Strasse wird man sich an die Nachbarschaft gewöhnen müssen.

Hangar vs. Jurablick

Der Siedlungsdruck wächst auch in der Agglomeration Bern. Fast 30 Jahre stand am Dorfrand von Ostermundigen das Jugend- und Freizeithaus Hangar allein auf weiter Flur. Einst ein Lagerhaus für Sportartikel, hat sich das bauliche Relikt zum «unentbehrlichen Stützpfeiler der Jugendarbeit der Gemeinde» gemausert. Dies betonte Gemeinderat Synes Ernst (CVP) an der Parlamentssitzung vor knapp zwei Wochen. Der Hangar wurde damals traktandiert, weil auch dort jüngst ruhebedürftige Nachbarn zugezogen waren. Der Motionär aus Reihen der SP berichtete von «Anfeindungen» gegen die Jugendlichen durch Anwohner der Überbauung Jurablickweg. Einen Steinwurf vom Hangar entfernt wurden dort mittlerweile 120 Reiheneinfamilienhäuser bezogen.

Dem Vernehmen nach störten sich nur gerade zwei Familien am Hangar. Dennoch haben diese mittlerweile einiges erreicht. Heute darf das Lokal keinen auswärtigen Vereinen mehr vermietet werden, der trommelnde Sambaverein wurde verbannt, grundsätzlich ist nur noch Hintergrundmusik erlaubt, und die Gemeinde hat Geld in die Hand genommen, um das Gebäude schalldicht zu machen. Und doch bleibt der Hangar in der Schwebe. Laut Gemeinderat Ernst steht eine kostspielige Dachsanierung an. Je nach Kostenfolgen müsse dann erneut grundsätzlich über die Zukunft des Hangars diskutiert werden.

Noch wurde freilich keines der genannten Kultur- und Jugendzentren geschlossen. AJZ, Mokka und Hangar dürfen weiterhin auf eine engagierte Anhängerschaft und eine breite politische Unterstützung vertrauen. Ob dies im Falle des Berner Gaskessels ebenfalls der Fall ist, wird sich zeigen müssen. Nach Drehbuch käme jetzt die Petition. (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2013, 07:41 Uhr

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