Wem gehört der Bahnhof?

Der Bahnhof ist ein Ort der Begegnung, daran will die SBB festhalten. Trinkende Jugendliche sind trotzdem nicht unbedingt willkommen. Eine Studie beleuchtet, wie der Bahnhof vom Alki-Wohnzimmer zum Einkaufszentrum wurde.

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«Der Anspruch einer Gruppe von Leuten, an einem zentralen Ort Platz zu besetzen, kollidiert mit der freien Zirkulation der Pendler und der Reisenden.» Als Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) das sagte, sprach er nicht von den Grüppchen trinkender und rauchender junger Menschen am Bahnhofvorplatz, die dieser Tage Schlagzeilen machen. Tschäppäts Aussage ist ziemlich genau fünf Jahre alt und der Stapi stellte im Stadtparlament damals klar, dass am neuen Bahnhof keine offene Alkiszene mehr geduldet würde.

Zirkulation am Bahnhof

Die Anekdote gewinnt an Aktualität, wenn die Öffentlichkeit wieder einmal über Freiheiten und Repression rund um den Berner Bahnhof diskutiert. Kürzlich wurde bekannt: Die SBB stösst sich an Jugendlichen, die an Feierabenden und im Ausgang den Bahnhofvorplatz in Beschlag nehmen. Diese behinderten die «freie Zirkulation» und den Zugang, hat die SBB verlauten lassen und angekündigt, etwas dagegen unternehmen zu wollen.

In den Medien ist daraufhin eine kurze Debatte entbrannt. Der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) ortete eine «ungute Stimmung» am Vorplatz, linke Stadtpolitiker witterten neue «Repressalien». Die Suche nach den Wurzeln der Situation endete an der Ladentheke, wo Nause den «Billigalkohol» geisselte. Auf der Gegenseite wurde ein jüngst gesprochenes Bundesgerichtsurteil bemüht, wonach der Bahnhof öffentlicher Raum sei und die Jugendlichen das Recht hätten, sich dort aufzuhalten. Dabei ging fast vergessen, dass die Stadt bei Ausgestaltung, Nutzung und Regulierung dieses öffentlichen Raumes ja durchaus mitgeredet hat.

Bern, die Imagepflegende

Es ist noch keine zehn Jahre her, dass der Berner Bahnhof Heimat einer offenen Alkiszene war, dass 30 bis 40 Randständige die Tage am «Stein» in der Christoffelunterführung zubrachten. Die Bahnhofsneugestaltung und die neue Bahnhofsordnung – das Stimmvolk hatte sie im Referendum gutgeheissen – setzten dem 2008 ein Ende. Seither gelten im Perimeter strengere Regeln: Betteln ist verboten, Sitzen oder Liegen auf dem Boden und auf Treppen wird nicht geduldet. Hunde ohne Leine ebenso wenig. Rauchen darf man nur noch in gekennzeichneten Zonen und nach 22 Uhr wandert kein Alkohol mehr über die Ladentheken. Auch die Sitzgelegenheiten im Bahnhof wurden damals stark eingeschränkt.

Mit der Frage, weshalb sich die Randständigen in der Schweiz zunehmend aus dem Bahnhofsbild verabschiedet haben, beschäftigte sich auch die Forschung. Eine Studie des Institutes für Sucht- und Gesundheitsforschung der Universität Zürich vergleicht den Umgang verschiedener Schweizer Städte mit Trinkerszenen im öffentlichen Raum. Die Bundesstadt erhält in der Studie aus dem Jahr 2011 den Titel «Die Imagepflegende» verliehen. Der Imagepflege und der Wiederherstellung eines «sauberen, ordentlichen und gepflegten Stadtbildes» komme in der Stadt Bern im Umgang mit Randständigen eine wichtige Rolle zu, ist darin zu lesen.

Die Autoren stellen die Verdrängung der Randständigen von öffentlichen Plätzen in Zusammenhang mit einer «zunehmend konsumorientierten Ökonomisierung des öffentlichen Raumes». Im Klartext: Damit die Leute konsumieren, müssen sie «ungestört zirkulieren» können und «ein Gefühl von Sicherheit» vermittelt erhalten.

«Die Bahnhöfe sind soziale Brennpunkte», sagt Corina Salis Gross am Telefon; sie war die Forschungsleiterin der Studie. Der Bahnhof sei von jeher ein Ort gewesen, wo sich auch Randständige aufhielten. Mit der Kommerzialisierung habe sich das stark verändert: «Wo jedes Benehmen stört, das nicht konsumentenfreundlich ist, haben Randständige keinen Platz mehr».

«Ein Bahnhof bietet nie Ruhe»

Silvio Flückiger sieht die Veränderungen am Bahnhof aus anderer Perspektive, er ist Leiter der städtischen Organisation Pinto, die seit 2005 das Zusammenleben sozialer Gruppen im öffentlichen Raum fördert. Er beurteilt die Entwicklung weit weniger kritisch als Forscherin Salis Gross. Zwar sagt auch er: «Das ist kein Bahnhof mehr zum Verweilen. Das ist ein Transitbahnhof und ein Einkaufszentrum.» Allerdings sieht Flückiger darin auch Vorteile für die Randständigen: «Ein Bahnhof bietet nie Ruhe. Andere Aufenthaltsmöglichkeiten schaffen viel bessere Rückzugsgebiete.» Auch würden die Abhängigen in kleinen Gruppen weniger konsumieren. «Die Alternativen sind vorhanden», betont Flückiger.

Bereits während des Bahnhofsumbaus hätte man die Szene auf die Veränderung vorbereitet, «das war keine Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Politik.» Fazit: «Aus unserer Warte ist es positiv, dass es am Bahnhof keine grösseren Randständigenszenen mehr gibt.»

«Bahnhöfe sind belebte Zonen»

Heute stehen am Bahnhof ohnehin nicht mehr die Randständigen im Fokus, sondern die Jugendlichen am Bahnhofvorplatz. Lässt die fortgeschrittene Kommerzialisierung des Bahnhofes nun auch Ihnen keinen Platz mehr? «Bahnhöfe sind belebte Zonen», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig. Das wolle man nicht in Frage stellen. Und dennoch will die SBB die Ansammlung von Personen beim Haupteingang nicht hinnehmen – zumindest, «sofern dadurch der Personenfluss und die Zirkulation für Reisende beeinträchtigt wird», wie Ginsig einschränkt.

Geht es der SBB also nicht darum, die «anrüchigen» Szenen aus dem sauberen Bahnhofsbild zu verbannen? «Es gibt kaum einen Schweizer Bahnhof ohne Szenenbildung», sagt SBB-Sprecher Ginsig. «Das ist normal – Bahnhöfe sind Treffpunkte.» Die Frage bleibt damit aktuell: Wem gehört der Bahnhof?

DerBund.ch/Newsnet

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