Was für ein Hingucker!

Vor 75 Jahren wurde der Neubau der Gewerbeschule in der Lorraine eingeweiht. Danach war allerdings Schluss mit dem Neuen Bauen in dieser Stadt.

Danach kam nichts mehr, auch nicht für Hans Brechbühler, den Architekten, der mit seinem Wurf auf einen Schlag berühmt wurde.

Danach kam nichts mehr, auch nicht für Hans Brechbühler, den Architekten, der mit seinem Wurf auf einen Schlag berühmt wurde. Bild: Adrian Moser

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«Kristall» nannte Hans Brechbühler (1907–1989) seinen erstplatzierten Entwurf für den Neubau der Gewerbeschule in Bern 1935. Magisch schimmert der Kopfbau an der Lorrainebrücke noch heute im Abendlicht, wenn die Spiegelungen der rasterförmigen Glasfassade mit den Farben der Brüstungen und steinernen Fassadenteile einen harmonischen Gesamt­eindruck hervorzaubern. Kein Wunder, dass der Bau als ein Hauptwerk der Moderne angesehen wird, zumal er nach sorg­fältiger Restaurierung als Flaggschiff der Gewerblich-Indust­riellen Berufsschule Bern (Gibb) in neuem Glanz erstrahlt.

Als er entstand, waren die Zeiten rauer. Angesichts der hohen Arbeits­losigkeit legten Kanton und Gemeinde 1934 ein Arbeitsbeschaffungsprogramm im Umfang von knapp 20 Millionen Franken auf. So entstanden neben der Gewerbeschule unter anderem die Feuerwehrkaserne, das Staatsarchiv und der Tierpark Dählhölzli. 2000 Arbeiter und Handwerker sowie zahlreiche Unternehmen konnten bei der Gewerbeschule, die nun alle Abteilungen unter einem Dach vereinigen sollte, in der rasant kurzen Bauzeit von 1937 bis 1939 Beschäftigung finden. Architektonisch war das Gebäude für bernische Verhältnisse ein Hingucker: der achtgeschossige aufgeständerte Hauptbau auf Pfeilern mit offener Erdgeschosshalle, die strenge Rasterbauweise, die gleichwohl mit Kalkstein verkleidete Fassade, die seitlich ab­gesetzten gläsernen Treppenhäuser und eine grosszügige, dynamisch aus- gestaltete Dachterrasse.

Eine Affäre mit Le Corbusier

Der Bezug zum Pavillon de Suisse der Pariser Cité Universitaire (1931/32) ist stets gesehen worden, wurden doch hier Le Corbusiers fünf Punkte program­matisch umgesetzt, etwa der Ständerbau, die freie Vorhangfassade sowie die Dachterrasse. Brechbühler arbeitete für wenige Monate im Büro von Le Corbusier, als der Bau entstand. Entscheidende Unterschiede zum Pavillon Suisse liegen jedoch in der symmetrischen Grund­konzeption der Gewerbeschule sowie in der Wahl einer Stahl­beton­skelett­konstruktion aus wirtschaftlichen Gründen gegenüber der Stahl­skelett­­bauweise. Brechbühlers Bau stand für Typisierung, Konstruktionsehrlichkeit, Vereinfachung und Wirtschaft­lichkeit; alles Eigenschaften, die auch in der Gewerbeschule inhaltlich umgesetzt werden sollten.

Als Besonderheit waren Richtung Aarehang die Werkstätten dem Bau vorgelagert, als elegante, stützenfreie Eisenfachwerkhalle, für die Walter Tobler verantwortlich zeichnete. Diese Trennung von Werkstätten und Schultrakt markierte, wie Dieter Schell bemerkt hat, einen signifikanten Rück- schritt gegenüber modernen Schul­konzeptionen, wie sie das Bauhaus (1926, Gropius) oder die Hochschule für Gestaltung in Zürich (1932, Steger/Egender) verkörperte.

Ins Reich der Legende gehört, dass der Bau gegen den Widerstand der Behörden durchgesetzt werden musste. Gemeinde und Kanton agierten getrennt, aber seit 1929 entwickelte sich Bern zu einem Kristallisationspunkt der städtischen Moderne mit den wegweisenden Bauten Salvisbergs (Suva-Haus, Universitäts­institute), der Landesbibliothek und der Ka-We-De. Dieser Tatsache wurde 1932 mit dem Sonderheft über Bern in der Avant­gardezeitschrift «Die Neue Stadt/Das Neue Frankfurt» unter der Redaktion von Josef Gantner Rechnung getragen.

Zurück in den Schoss der Heimat

Brechbühlers Gewerbeschule, die sein Erstlingswerk darstellte und ihn mit einem Schlag berühmt machte, stand am Endpunkt dieser Entwicklung. Er konnte übrigens später nicht mehr an diese Leistung anknüpfen. In Bern, wie auch anderswo, passte sich die Architektur den Grundsätzen der Geis- tigen Landesverteidigung an, wofür die Erweiterung des Patentamts (Genfergasse) und der programmatische Innenneubau des Berner Rathauses stehen (beide 1940–1942). Dieser Aspekt schien auch in der Festschrift zur Gewerbeschule 1939 auf, unter dem Slogan «Durch Berufsbildung zur nationalen Gemeinschaft», eine Programmatik, die ganz im Gegensatz zur internationalen Moderne des Neubaus stand.

Bernd Nicolai ist Professor für Architektur- geschichte und Denkmalpflege am Kunsthistorischen Institut der Universität Bern und Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams. (Der Bund)

Erstellt: 12.10.2014, 13:05 Uhr

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