«Warum putzen die das nicht einfach selber?»

Die Sanitäranlagen im Berner Asylzentrum Hochfeld werden mehrmals täglich gereinigt – von den Bewohnern. Nachdem schockierende Video­aufnahmen publik geworden waren, gab es einen Ortstermin. Die Gründe für das Problem liegen auch bei der Überbelegung.

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Hat das Stadtberner Asylzentrum Hochfeld ein schwerwiegendes Problem mit der Hygiene? Schaut man sich die Medienberichte der vergangenen Monate an, scheint die Frage berechtigt. Die Bewohner beklagen sich über Bettwanzen, und am Freitag berichtete der «Bund» von einer Videoaufnahme, die das Zentrum in ein wenig vorteilhaftes Licht rückt: Ein Asylsuchender filmte mit seiner Handy­kamera Fäkalien auf dem Toiletten­boden, Abwasser, das aus dem Abfluss quillt, blutige Papierfetzen auf einer Ablage und dunkle Flecken an der Decke.

Als Folge dieser Aufnahme luden am Freitag Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsdienstes, und Zentrumsleiter Michael Jungo Medienschaffende in die Zivilschutzanlage. Die Bilanz: Von Blut­spuren oder Fäkalienresten keine Spur, dafür roch es stark nach Javelwasser. Weder Rivas noch Jungo wollten jedoch die Videoaufnahmen im Detail kommentieren. Für beide ist aber klar: Wenn so viele Menschen auf engem Raum leben, können Verschmutzungen auftreten.

Dreimal täglich würden die Sanitäranlagen gereinigt, die gezeigten Bilder seien daher ein «Sonderfall». Laut Jungo stammen die Bluttupfer von einem ­Bewohner, der sich beim Rasieren ­geschnitten hatte, die dunklen Flecken zeugten vom Versuch, den Bettwanzen mit dem Feuerzeug den Garaus zu machen. «Die Aufnahmen wurden wahrscheinlich kurz vor einem Putzeinsatz gemacht. Und zu den Fäkalienresten meinte Rivas: «Diese Menschen kommen von überall her – teilweise können sie gar nicht wissen, dass man sich auf eine Schüssel setzen muss, weil sie dieses System schlicht nicht kennen.» Fuss­abdrücke auf Klobrillen seien keine Seltenheit. Laut Jungo ist es daher wichtig, den Neuankömmlingen zu Beginn gewisse Gepflogenheiten zu vermitteln.

«Die Jobs sind sehr begehrt»

Derweil häufen sich die Kommentare der Online-Leser des «Bund», welche an die Untätigkeit der Bewohner appellieren. Sie lassen sich auf die folgende Formel herunterbrechen: «Warum putzen die das nicht einfach selber?»

Die Antwort scheint auf den ersten Blick einfach: Die Putzeinsätze übernehmen nämlich, wie bei den anderen Asylunterkünften im Kanton Bern auch, die Bewohner selber – es ist ein Teil des ­Beschäftigungsprogramms. «Die Jobs sind sehr begehrt», sagt Jungo. «Aber auch hier gilt es, diesen Menschen zuerst einmal zu zeigen, wie man putzt.» So hätten viele noch nie einen Lappen benutzt, geschweige denn Putzmittel. «Von den Asylsuchenden darf ausserdem erwartet werden, dass sie einen Beitrag zur Sauberkeit in den durch sie benutzten Anlagen leisten», ergänzt ­Rivas. Die Videoaufnahme zeigt, dass ­offenbar nicht alle diese Verantwortung wahrnehmen.

Hartnäckiges Ungeziefer

Zur Beseitigung der Bettwanzen können die Bewohner allerdings nur bedingt beitragen. Die Zentrumsleitung hat eine externe Firma beauftragt, das Ungeziefer zu bekämpfen. Doch bei den vielen Neuankömmlingen – pro Woche sind es mehrere Dutzend – ist dies eine Sisyphusarbeit: Die Wanzen harren hart­näckig in Gepäck und Kleidung aus. «Wir waschen beim Eintritt alles mit 60 Grad, die Koffer frieren wir wenn möglich ­vorübergehend ein», so Michael Jungo. Es genüge aber, eine einzelne Socke zu übersehen, und schon sei die Plage wieder zurück. Der Wanzenbefall soll aber mittlerweile kein Problem mehr sein.

Laut Rivas stellt die Unterkunft im Hochfeld keine Ausnahme dar. Die Ursache des Problems liege bei den Empfangs- und Verfahrenszentren. Asyl­suchende würden dort nicht auf Krätze, Läuse und Bettwanzen untersucht – und landeten ohne diesbezügliche Kontrolle in den Asylzentren. «Dieses Problem muss auf Bundesebene angegangen werden, die Kantone machen bereits Druck.» Eine einmalige Ungeziefer-Bekämpfung koste mehrere Tausend Franken.

Überbelegung ist ein Problem

Die Hygienemängel, die im Video gezeigt werden, mögen eine Momentaufnahme sein – oder nicht. Nur durch mangelndes Pflichtbewusstsein einzelner Bewohner dürften sie sich aber kaum erklären lassen. Problematisch wirkt sich auch die Überbelegung aus, wie dies Rivas und Jungo durchblicken liessen. ­Gemäss ihnen macht dieses Problem aber nicht nur dem Zentrum-Hochfeld zu schaffen, das mittlerweile zu 107 Prozent belegt ist. Die provisorische Not­unterkunft in der Berner Länggasse soll voraussichtlich bis 2017 bestehen bleiben. Die Bemühungen des Kantons, weitere Asylunterkünfte zu schaffen und ­bestehende zu entlasten, erweisen sich als schwierig. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2014, 08:44 Uhr

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Zusätzliche Asylunterkünfte: Ostermundigen wehrt sich

Die Flüchtlingswellen stellen die Behörden vor ein grosses Problem: Pro Woche kommen 80 bis 120 Asylsuchende allein in den Kanton Bern – die bestehenden Asylunterkünfte sind bereits überbelegt. Auf die Bitte des Regierungsrates an die Gemeinden, zusätzliche Asylunterkünfte zur Verfügung zu stellen, reagierte einzig Riggisberg. Deshalb erklärte der Regierungsrat Ende Juli die Situation im Asylwesen kurzerhand zur Notlage: Sechs Gemeinden sind nun gezwungen, Zivilschutzanlagen zur Verfügung zu stellen. Eine davon ist Ostermundigen – erfreut über das Vorgehen ist man dort aber nicht, wie aus einer Medienmitteilung hervorgeht. Zwar seien die Gemeindeverantwortlichen grundsätzlich gerne bereit, «das Ihre dazu beizutragen, wenn der Kanton Bern zusätzliche Asyl­suchende aufnimmt». Die kurzfristige Massnahme löse aber Erstaunen aus, da die Gemeinde Ostermundigen bereits signalisiert habe, «dass keine Möglichkeiten bestehen, weitere Asylsuchende unterzubringen» – dies umso mehr, weil lediglich 6 der insgesamt 362 bernischen Gemeinden «zu dieser so genannten Notmassnahme» verpflichtet würden. Der Regierungsrat hat eine unterirdische Zivilschutzanlage anvisiert. Diese könne aber nicht «innert nützlicher Frist» geöffnet werden, da vorgängig bauliche Massnahmen vorgenommen werden müssten. Eine unterirdische Unterkunft für die Unterbringung von traumatisierten Flüchtlingen sei zudem «mehr als fraglich». Der Gemeinderat Ostermundigen verweist auf Gebäude im Grossraum Bern, die oberirdisch Raum bieten und leer stehen. Laut Iris Rivas, Leiterin des Migrationsdienstes des Kantons Bern, sind unterirdische Anlagen zwar nicht optimal. Doch die Bereitschaft, Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, halte sich in Grenzen, man sein froh um jede Möglichkeit. Dabei kämen auch private Liegenschaften infrage. «Die bisherigen Anbieter haben dafür aber Subventionen verlangt, die schlicht unser Budget sprengen.» (gss)

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