Stadt Bern

«Wankdorf-City erinnert an La Défense»

Die SBB eröffnen heute ihren Hauptsitz in Wankdorf-City. Im Berner Stadtrat hält sich die Begeisterung über das Büroviertel in Grenzen.

Bürowüste oder urbanes Stadtviertel: Wankdorf-City löst im Stadtrat gemischte Gefühle aus.

Bürowüste oder urbanes Stadtviertel: Wankdorf-City löst im Stadtrat gemischte Gefühle aus. Bild: Valérie Chételat

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Von «Neu-Bern» war die Rede. Von einer «Kernfusion des Wachstums» und einem «Kraftriegel im Norden». Die erste Etappe von Wankdorf-City riss Stadtplaner Mark Werren in der «Berner Zeitung» einst zu eindrucksvollen Bildern hin. Die Begeisterung der Behörden stiess im Stadtrat aber seit jeher auf Skepsis. Kritik löste insbesondere der geringe Wohnanteil der Überbauung aus, der in der ersten Etappe null und in der zweiten Etappe 50 Prozent beträgt. Noch vor zwei Jahren versuchten Exponenten von SP, GLP und GFL mit einem Vorstoss zumindest einen geringen Wohnanteil in einem Teil des Geländes durchzusetzen. Die Fläche sei «bereits konsumiert», beschied ihnen der Gemeinderat. Es entspreche «einer gewissen Marktlogik», dass die Investoren kein Interesse am Wohnungsbau in der ersten Etappe gefunden hätten.

«Hurra, ein Wirtschaftsviertel»

Die heutige Eröffnung des neuen SBB-Hauptsitzes mit 1800 Mitarbeitenden stösst im Stadtrat denn auch auf ein entsprechend flaues Echo. «Hurra, jetzt hat die Stadt Bern ein Wirtschaftsviertel», sagt GB/JA-Fraktionschefin Stéphanie Penher mit ironischem Unterton. Die gute Erschliessung der dereinst 4000 Arbeitsplätze durch den öffentlichen Verkehr sei sicher lobenswert. «Aber die erste Etappe Wankdorf-City erinnert an La Défense bei Paris», sagt die grüne Politikerin unter Anspielung auf Europas grösste Bürostadt. Nach Feierabend werde das Quartier ausgestorben sein.

Die insgesamt 46,4 Millionen Franken, welche die Stadt in die Aussenraumgestaltung investiert habe, sei «ein hoher Betrag für die Mittagspause von Büroangestellten», sagt Penher. Die Stadt Bern müsse beim Bau von Büros nun auf die Bremse treten. In der zweiten Etappe Wankdorf-City müsse es einen Mindestanteil an preisgünstigem Wohnraum von einem Drittel der Fläche geben, wie dies die vom Volk angenommene Initiative «Wohnen für alle» vorsehe. «Gemeinnütziger Wohnungsbau ist auch im Hochhaus möglich», sagt Penher.

«Im Büroteil von Wankdorf-City kann man um 18 Uhr die Lichter löschen», sagt SP-Stadträtin Gisela Vollmer. Die Planung der zweiten Etappe dürfe auf jeden Fall nicht mit einem «Top-Down-Verfahren» an die Hand genommen werden. Zur Planung von Quartierstrukturen brauche es auch den Einbezug des Quartiers im Rahmen eines partizipativen Prozesses. «Zu einem lebendigen Nutzungsmix gehören ja auch Beizen, Geschäfte, Kitas und Schulen», sagt Vollmer. Auch Lukas Gutzwiller (GFL) spricht sich für eine «neue Evaluation» der zweiten Ausbauetappe aus und verweist zur Begründung auf die Wohnbau­initiative. Laut SVP-Fraktionschef Roland Jakob muss dabei ein Augenmerk auf den Bau von Wohnungen für den Mittelstand gelegt werden. «Bern braucht keine Schickimicki-Wohnungen für Singles», sagt Jakob.

SBB und Post «an Bern gebunden»

Ein positiveres Echo gibt es von der FDP. Fraktionschef Bernhard Eicher weist darauf hin, dass es dank dem Bau der ersten Etappe von Wankdorf-City gelungen sei, die SBB, die Post und die Bauunternehmung Losinger Marazzi als Arbeitgeber längerfristig an die Stadt Bern zu binden. «Mit dem Mix der Überbauung als Ganzes sind wir zufrieden. Für den Wohnungsbau der zweiten Ausbau­etappe müssten wohl oder übel die Bestimmungen der Wohnbauinitiative Anwendung finden, zumindest was den städtischen Anteil am Grundeigentum betreffe, sagt Eicher.

Wohnbauinitiative gilt nicht

Die Skepsis der Politik in Bezug auf den Wohnungsbau der zweiten Etappe geht auf die einst von der Stadt präsentierten Visionen zurück. Da war die Rede von «Single-Türmen», in denen kleine Wohnungen für Doppelverdiener und Pendler geschaffen werden sollen. Vor zwei Monaten gab die Stadt schliesslich bekannt, dass die Mobiliar-Versicherungen und die Bauunternehmung Losinger Marazzi auf dem Stadt-Anteil der zweiten Etappe eine «qualitativ hochstehende Überbauung mit 50 Prozent Wohnanteil» realisieren werde.

Der Nutzungsmix soll nun «städtebaulich interessant» werden und die Wohnnutzung «breit segmentiert». Die Bestimmungen der Wohnbauinitiative werden aber nicht gelten, weil das Volk die Überbauungsordnung 2004 genehmigt hat. «Die Initiative kann nicht rückwirkend angewendet werden», sagt der städtische Liegenschaftsverwalter Fernand Raval. (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2014, 10:54 Uhr

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