Von der Ohrfeige zum Vierfachmord

Am Anfang des «Safari-Mordes» stand eine Ohrfeige, die der Wirt einer Putzfrau gegeben hatte. Danach folgte eine Eskalation, die in einer der schlimmsten Taten in der Schweizer Kriminalgeschichte endete.

Polizisten laden in der Nacht vom Montag, 27. Juli, auf Dienstag, 28. Juli 1998, einen Sarg in den Leichenwagen.

Polizisten laden in der Nacht vom Montag, 27. Juli, auf Dienstag, 28. Juli 1998, einen Sarg in den Leichenwagen.

(Bild: Keystone Ruben Sprich)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Kein Terroranschlag, keine Drogen- oder Geldgeschichte: Das Motiv für den «Safari-Mord», eine der schlimmsten ­Taten in der Schweizer Kriminalgeschichte, gab jahrelang zu Spekulationen Anlass und wirft bis heute Fragen auf. Bei den polizeilichen Ermittlungen war relativ rasch klar, dass die Tat Safari- Wirt Garip Kirmizikaya gegolten hatte. Die drei anderen Opfer, zwei türkische Angestellte des Lokals und ein Schweizer, waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Im Prozess in Istanbul, der am Mittwoch mit einer lebenslänglichen Haftstrafe für den Angeschuldigten Mustafa K. geendet hat, stand ein Streit zwischen dem Safari-Wirt und einer Putzfrau im Vordergrund, der einige Tage vor der Tat stattgefunden hatte. Auch der Bruder des Wirtes vertritt diese ­Auffassung.

Eine versuchte Entführung?

Laut Fikri Kirmizikaya hatte sein Bruder bei dem Streit eine Putzfrau derart stark geohrfeigt, dass sie mit Arztzeugnis krankgeschrieben werden musste. Die Frau wandte sich in der Folge an den nun in Istanbul verurteilten Mustafa K. mit der Bitte um Sühne für die Tat. Mustafa K. war Mitglied der in der Türkei verbotenen kommunistischen Partei TKP-ML, die sich dem bewaffneten Kampf gegen die Regierung verschrieben hat. Mit einem Parteikollegen habe Mustafa K. kurze Zeit später seinen Bruder aufgesucht, damit sich dieser bei der Putzfrau entschuldige, sagt Kirmizikaya.

Sein Bruder habe sich aber verbal und schliesslich physisch zur Wehr gesetzt. Auch bei einem weiteren Besuch von Mustafa K. mit zwei Mitstreitern der TKP-ML habe sich sein Bruder mit Gewalt zur Wehr gesetzt. Am Abend des 27. Juli 1998, um 22.30 Uhr, tauchte Mustafa K. schliesslich mit mehreren schwer bewaffneten Mitstreitern vor dem Restaurant an der Belpstrasse auf. Ein Teil der Waffen dürfte aus den Beständen der TKP-ML gestammt haben. «Die Männer haben meinen Bruder entführen wollen», sagt Fikri Kirmizikaya.

Den Killern die Tür geöffnet

Sein Bruder habe sich zu dieser Zeit im Büro aufgehalten, das sich im Keller des Lokals befand. Da die Türe zum Restaurant Safari bereits abgeschlossen war, klopften Mustafa K. und seine Leute an. Der Koch und der Kellner kannten Mustafa K., sodass sie ihren Killern die Tür öffneten. Die beiden riefen daraufhin Garip Kirmizikaya an, damit er hinaufkomme, um seinen Besuch in Empfang zu nehmen.

Wer dann zuerst schoss und wer wen tötete, ist auch Fikri Kirmizikaya unklar. Sein Bruder, der Koch und der Kellner sowie der zufällig vor Ort anwesende Schweizer Automatenverkäufer verstarben im Kugelhagel. Einer der Täter muss verletzt worden sein, wie verschiedene Zeugen der nachfolgenden Flucht berichteten. Klar sei, dass sein Bruder im Besitz einer Pistole gewesen sei und er diese in der darauf folgenden Schiesserei auch eingesetzt habe. «Mein Bruder hat die Gewalt nicht gescheut.» Er sei jedoch ein unpolitischer Mensch gewesen, der auch nie einer Partei angehört habe, sagt Kirmizikaya.

Eine Frage der Ehre

Die Eskalation von der Bagatelle zum Vierfachmord führt der Bruder des ­Safari-Wirtes auf einen traditionellen Ehrbegriff zurück. «Es gibt auch im 21. Jahrhundert noch viele Türken, die so denken.» Der bernische Staatsanwalt Stephan Neuhaus will sich zum «Safari- Mord» nicht mehr äussern («Bund» von gestern). So bleibt offen, wie er die Interpretation von Kirmizikaya einordnet.

Laut Yetkin Gecer, dem Schweizer Anwalt von Fikri Kirmizikaya, geht es bei dieser Darstellung aber um mehr als eine persönliche Ansicht. «Es handelt sich nicht nur um die feste Überzeugung meines Mandanten, sondern auch um diejenige der Istanbuler Staatsanwaltschaft, der das türkische Gericht in seinem Urteil von dieser Woche gefolgt ist», sagt Gecer.

Der Bund

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