Von Tumulanten und Müllsündern

Das Berner Stadtarchiv hat am Samstag Akten und Dokumente zum Thema 600 Jahre Lärm, Littering und Beschwerden präsentiert.

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Lärm, Littering, Gestank, Gezänk und Tumulte trieben Berns Stadtväter um, da waren Fast Food, Take-away und Nachtleben noch gar nicht erfunden. Ob über «geräuschvolle Spiele», «nächtliche Musikaufführungen», «herumschwärmende Kinder» oder Tuchfärber, die mit ihrer Ware den Stadtbach verschmutzten – ein Blick in die Akten des Stadtarchivs zeigt: Reklamiert wurde immer schon und sich beschwert erst recht. Zum Schweizer Archivtag am Samstag hat das Stadtarchiv Bern hervorgeholt, was sonst lieber unter den Teppich gekehrt wird: Berns «Ghüder-, Krawall- und Beschwerde-Geschichte» der letzen 600 Jahre.

Für das stimmungsvolle Ambiente haben die Mitarbeitenden des Stadtarchivs eigens auf dem Bären-, dem Waisen- und dem Kornhausplatz noch die nötige Dekoration beschafft: Vergammelte Bananenschalen, zerknitterte Schokoladenpapierli, Plastiktüten, Verpackungen und Getränkeflaschen. Müll aus Berns Gassen eben, sorgfältig drapiert um einen alten, rot-schwarz geflammten Abfalleimer. Daneben vermitteln Fotobücher mit alten Schwarzweissaufnahmen einen Eindruck, wie sich die Bernerinnen und Berner noch im letzten Jahrhundert ihres Kehrichts entledigten: Bis in die späten 1930er-Jahre wurde der Hausmüll mit Fuhrwerken einfach zur «Käfergrube» – dem heutigen Libellenweg – gekarrt und dort abgeladen. Auch am Könizberg befand sich eine Abfalldeponie: Dort türmten sich Konserven – «Mülltrennung» der etwas anderen Art.

1403: Dreck im Stadtbach

Bezüglich «Mülltrennung» musste die Obrigkeit aber schon viel früher einen Pflock einschlagen. «Die Leute haben einfach allen Dreck in den Stadtbach gekippt», sagt Stadtarchivar Roland Gerber. Die Berner Stadtsatzung zur Reinhaltung des Stadtbachs, datiert vom 18. Juni 1403, versuchte, dem Einhalt zu gebieten: «Das niemand vor Vesper in den Stadtbach nichts schütten soll, was da ist unsauber. Wer aber das trotzdem täte, den sollen die Vennerweibel oder die anderen Weibel, die das sehen, zur Stunde bestrafen ohne Gnade, und sollen von ihnen einziehen 3 Schillinge Stebler.» Der Pferde Blut durfte ebenso wenig in den Bach fliessen, wie die Wundschärer ihre Aderlassbecken nicht zu zeitig auswaschen durften. «Und sollen die Vennerweibel schwören, jeden Tag dem Stadtbach entlang zu gehen und aufzupassen, vor allem samstags!»

Einen Raum weiter geht es in der Ausstellung weitaus heftiger zur Sache: Petarden, Schreie und Krawall. Über einen Bildschirm flimmern Aufnahmen der Zaffaraya-Räumung auf dem Gaswerkareal 1987. Daneben, still und leise, Zeitdokumente des Käfigturmkrawalls 1893: Sie erzählen von den beteiligten «Tumulanten» und wie es ihnen ergangen ist. Nach beiden Polizeieinsätzen – der eine mit Tränengas, der andere mit Säbeln – wurde die Stadt mit Beschwerden und Protestbriefen eingedeckt. Die Trouvaillen aus den Beständen vermitteln einen Eindruck davon, wie sich das Vokabular der Empörung gewandelt hat.

Beschwerdeformular für den Müllbär

Wer nach dem Rundgang Lust verspürt, auch seinem eigenem Ärger Luft zu verschaffen, der findet beim Ausgang übrigens ein «Beschwerde- und Entrüstungsformular». Wahlweise darf man sich über alles, die Stadt im Allgemeinen oder das Stadtarchiv im Besonderen, beschweren. Die Beschwerdebögen – einmal in den Schlund des «Müllbärs» geworfen – landen dann allerdings nur auf der Internetseite des Stadtarchivs – und nicht auf dem Schreibtisch von Stadtpräsident Alexander Tschäppät.

(Der Bund)

Erstellt: 04.11.2012, 14:23 Uhr

Der einst umstrittene «Müllbär» nimmt Beschwerden entgegen. (Bild: Valérie Chételat)

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