Velotaugliche Hauptstrassen

Nur sichere und direkte Velorouten auf den Hauptstrassen 
machen Bern zur echten Velostadt. Ein Gastbeitrag von David Stampfli.

Die Thunstrasse ist für Velofahrer ein Gräuel.

Die Thunstrasse ist für Velofahrer ein Gräuel. Bild: Michael Schneeberger

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In seinem Tribüne-Artikel «Ursula Wyss’ grosser Irrtum» vom 30. April schlägt Mountainbike-Pionier Bendicht Luginbühl eine Verlegung des Veloverkehrs von den Haupt- auf die Nebenstrassen vor. Schnell wird klar, dass Luginbühl mit seinem Mountainbike eher in den Bergen unterwegs ist als auf den Strassen von Bern. In seinem ganzen Artikel schafft er es nicht, ein einziges Beispiel für eine Veloroute auf einer Berner Nebenstrasse zu nennen. Das ist aber auch keine Überraschung: Veloachsen auf Nebenstrassen mögen in der Theorie zwar gut klingen, in der Praxis sind sie nur in wenigen Fällen umsetzbar. Ein gutes Beispiel für eine vom übrigen Verkehr abgetrennte Veloachse ist die geplante Panoramabrücke zwischen Lorraine und Länggasse. Es ist verwunderlich, dass Luginbühl gerade diese Velobrücke als «lächerliches Projekt» abtut, entspricht sie doch genau seinen eigenen Forderungen. Dank der Panoramabrücke könnten die Velofahrenden die heikle Strecke Lorrainebrücke–Bollwerk–Bahnhof sicher umfahren.

Umwege vermeiden

Da drängt sich der Verdacht auf, dass es Luginbühl gar nicht so sehr um die Anliegen der Velofahrenden geht. Sein ganzer Artikel ist geprägt vom Gejammer über die Einschränkungen für den motorisierten Individualverkehr. Möchte Luginbühl einfach den Veloverkehr von den Hauptstrassen weghaben, damit dieser den motorisierten Individualverkehr dort nicht aufhält? Jedenfalls erliegt Luginbühl selbst einem grossen Irrtum, wenn er meint, der Veloverkehr lasse sich fördern, indem er auf Nebenstrassen verbannt wird.

Wer mit dem Velo pendelt oder einkaufen geht, möchte direkt von A nach B kommen. Denn wer ausschliesslich mit der eigenen Muskelkraft vorwärtskommt, vermeidet Umwege. In der Stadt Bern liegen die direkten Routen aber auf den Hauptstrassen. Das liegt einerseits an der Topografie, die nicht viele verschiedene Routen zulässt. Andererseits ist Bern sehr stark auf das dicht bebaute Zentrum mit der Altstadt und dem Bahnhof ausgerichtet. Dieses Zentrum erreicht man meistens nur über eine der hohen Aarebrücken, die naturgemäss in der Verlängerung von Hauptstrassen stehen. Gute Velorouten müssen also über die Hauptstrassen führen.

«Es braucht breitere Velostreifen und grüne Wellen für Velos auf den städtischen Hauptstrassen. »David Stampfli

Selbstverständlich ist es denkbar, den Veloverkehr auf gewissen Abschnitten über Nebenstrassen zu leiten. Aber Nebenstrassen, die genau parallel zu den Hauptachsen liegen, sind rar. Und wenn es tatsächlich solche Routen auf Nebenstrassen gibt, werden die Velofahrenden ständig wegen des Rechtsvortritts oder durch manövrierende Autos aufgehalten. Dennoch liessen sich mit den entsprechenden Massnahmen einige Nebenstrassen zu Velobahnen umbauen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Route Beundenfeldstrasse–Militärstrasse im Breitenrain als Ausweichroute für die vom Tram befahrenen Moser- und Rodtmattstrasse.

Oft liegt aber keine gute Ausweichroute vor, oder sie ist unvollständig. Wer beispielsweise mit dem Velo vom Thunplatz zum Ostring fahren will, kann zwar über die Steiner- oder die Ensingerstrasse ausweichen. Aber spätestens beim Egelsee ist Schluss. Will man nicht durch verschiedene enge Quartierstrassen fahren müssen, landet man automatisch wieder auf der Thunstrasse, der stark befahrenen Hauptachse. Die Thunstrasse ist heute für den Veloverkehr ein Gräuel. Kaum Velostreifen, je zwei Autospuren, mehrere Tramlinien und insbesondere der Burgernzielkreisel machen das Velofahren zur Tortur.

Grüne Wellen für Velos

Da keine gute Nebenroute existiert, sollte stattdessen die Hauptstrasse velotauglich gemacht werden. Die Stadt muss die Thunstrasse in den nächsten Jahren ohnehin sanieren. Das ist der richtige Moment, um auf dieser Strecke endlich eine gute Veloverbindung zu realisieren. Wenn man mindestens eine Autospur aufheben würde, hätten auf beiden Seiten 1,5 bis 2 Meter breite Velostreifen Platz. Wenn zudem die Lichtsignale besser auf den Veloverkehr abgestimmt sind, hat die Thunstrasse tatsächlich das Zeug zu einer attraktiven Veloroute.

Dasselbe gilt für die meisten städtischen Hauptstrassen: Es braucht breitere Velostreifen und grüne Wellen für Velos. Mit der Velo-Offensive will Ursula Wyss den Anteil Velofahrende auf 20 Proznet verdoppeln. Dieser zusätzliche Veloverkehr kann nicht einfach über Quartierstrassen geleitet werden. Nebenstrassen mögen in gewissen Fällen zwar eine gute Ausweichmöglichkeit bieten, aber erst sichere und direkte Velorouten auf den Hauptstrassen machen Bern zur echten Velostadt.

David Stampfli ist Präsident von Pro Velo Bern, SP-Stadtrat und täglich in Bern auf dem Velo unterwegs. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2015, 10:51 Uhr

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