Veganer Protest auf kleiner Flamme

Tierrechtlerinnen propagieren im Eichholz den fleischlosen Grillspass.

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Wenn die Sommerhitze an die Aare lockt, dann werden ihre Ufer zu Altären des Fleisches. Am frühen Samstagnachmittag steigt im Aarebad Eichholz von elf Feuerstellen der Rauch auf, die grüne Wiese füllt sich unaufhaltsam mit den Leibern der Sonnenhungrigen. Doch an diesem Sommertag erhält das Fleisch Konkurrenz. «Schmeckt wie Poulet», sagt eine junge Bernerin zwischen zwei vergnügten Bissen in ihr Soja- Medaillon. Die junge Frau, die eben im Bikini der türkisen Aare entstiegen ist, lässt sich die Speise von Aktivisten und Aktivistinnen des Vereins Tier-im-fokus.ch (TIF) offerieren. Die Veganer wollen den Badegästen das fleischlose Grillieren schmackhaft machen – Tofuwürste brutzeln auf einem kleinen Rost, Salate warten auf der Theke.

Tofuwurst und ein Lächeln

«Grilling without killing» nennt sich diese Aktion, mit der auf das Leid jener Tiere aufmerksam gemacht werden soll, die auf dem Grill landen. Auf einem Flugblatt wird von einem Muni namens Odysseus berichtet, der nie versucht habe, «sich ins Fleischermesser zu stürzen oder sich seine Eingeweide herauszureissen». Die unverblümte Rhetorik kontrastiert mit dem Auftreten der Gruppe im Eichholz. Zur Tofuwurst serviert die Frau mit der Grillzange ein Lächeln, Veganismus und Tierrechte thematisiere sie nur, wenn die Leute das selber ansprächen, so sagt sie.

Nicht immer hält sich TIF so klar zurück: In der Berner Innenstadt waren seine Aktivisten und Aktivistinnen schon öfters im Tierkostüm und als Metzger verkleidet anzutreffen; sie protestierten etwa gegen das Wintergrillen auf dem Waisenhausplatz. Der 2009 mit Sitz in Bern gegründete Verein zählt rund 300 Mitglieder und engagiert sich auf verschiedenen Ebenen. So ermöglicht er einer Handvoll Rindern im Emmental ein «möglichst selbstbestimmtes Leben» und betreibt im Internet eine kritische Informationsplattform zur Nutztierhaltung, auf welcher etwa Filme aus Schweinezuchten publiziert werden – «um zu zeigen, wie es dort wirklich aussieht», so Vorstandsmitglied Tobias Sennhauser.

Radikale Tierschützer?

Im Stil dürfte der Verein manchen irritieren, Küken oder Kälber werden in den Publikationen als «Kinder» bezeichnet, Muttertiere als «Mamas». TIF hat ein ungewöhnliches Verhältnis zum Nutztier, stellt es auf eine Stufe mit dem Menschen. Präsidentin Gabrielle Christen, hauptberuflich für eine Menschenrechtsorganisation tätig, fordert denn auch: «Das Recht auf Unversehrtheit, Freiheit und Leben sollte auch für nichtmenschliche Tiere gelten.» Auch das Recht, Tiere zu nutzen oder zu besitzen, wird damit infrage gestellt.

Dass die Schweiz dafür nicht bereit ist, zeigte sich 2008. Als der Berner Philosoph Klaus Petrus, heute bei Tier im Fokus im Vorstand, öffentlich den Besitz von Haustieren und die Tiernutzung hinterfragte, wurde er in den Medien scharf kritisiert. Auch die Debatte um Radikalität in der Tierrechtsbewegung, ausgelöst durch Anschläge unbekannter Tierschützer auf ein Schweizer Pharmaunternehmen, traf ihn direkt. Dem Philosophen wurde Nähe zu kriminellen Tierschützern unterstellt, was er aber klar dementierte.

Fledermauscurry statt Soja

Unterhält man sich am Ufer der Aare mit der besonnen sprechenden TIF-Präsidentin Gabrielle Christen, scheint die Diskussion müssig: Der Verein halte sich in Wort und Tat an die Gesetze, stellt sie klar. «Gewalt, ob gegen Personen oder Sachen, widerspricht unserer Philosophie.» Das findet im Eichholz Anklang: «Die Aktion ist cool», urteilt eine Studentin. Fleisch möge sie gerne, Tiere aber auch. «Hier wird auf eine gute Art zum Nachdenken angeregt.» Auch einem Ehepaar schmeckt das Essen, am Veganismus stört die beiden allerdings der Luxusfaktor: «Auf Weltreise in Indonesien gab es Fledermauscurry oder nichts.»

Nebst dem Interesse an den Veganern wächst im Eichholz auch die Zahl der Grillfeuer beständig. Auf einem nahen Rost schmoren Bratwürste. Der Mann mit der Grillzange sagt: «Ich bin von Natur aus Fleischesser. Wenn diese Leute hier ihre Meinung vertreten, ist das mutig.» (Der Bund)

Erstellt: 08.07.2013, 09:22 Uhr

Kein Tier auf dem Grill: Veganerinnen propagieren an der Aare den Fleischverzicht. (Bild: Valérie Chételat)

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