Vater und Sohn kommen an die Kasse

Krankenpfleger Thom Bernard und sein 10-jähriger Sohn Livio ziehen mit dem Zirkus durchs Land. Ab heute gastiert Nock in Bern, weshalb sich die beiden Berner auf ein Wiedersehen mit ihren Bekannten freuen.

Bild: Valérie Chételat

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Der 10-jährige Livio kennt das diesjährige Nock-Zirkusprogramm in- und auswendig. Er hat es schon etwa 50-mal gesehen. Eintritt bezahlt hat er nie, denn er lebt derzeit im Zirkus. Wenn die Truppe Flying Regio bei ihrer europaweit einzigartigen Doppeltrapeznummer ein Detail abändert, fällt es ihm auf. Livio reist ohne Mutter kreuz und quer durchs Land, aber nicht mutterseelenallein. Sein Vater arbeitet eine Saison an der Nock-Kasse: Das ist der Grund für den Tapetenwechsel. Thom Bernard ist Krankenpfleger und wollte einmal aus dem Alltag ausbrechen. Der 33-Jährige arbeitete im Inselspital in der Abteilung, in der kranke Straffällige gepflegt werden. Er liebt die Arbeit, bei der er mit friedlichen Verurteilten zu tun hat, aber auch mit gefährlichen Gewalttätern: «Es kann sein, dass sechs Polizisten das Bett umringen, wenn ich dem Patienten den Blutdruck messe.»

Das Stichwort Insel half mit, dass der Bewerber den Job beim ältesten und zweitgrössten Schweizer Zirkus bekommen hat. Verena Nock-Hochstrasser, Gattin von Seniorchef Franz Nock, war davon angetan, da sie dort – selbstverständlich ausserhalb des Hochsicherheitstrakts – stets gut behandelt worden sei. Nun sitzt Bernard an der Kasse, verkauft Billette, nennt Anrufern die Eintrittspreise und gibt Auskunft, wenn sich jemand allen Ernstes erkundigt, ob Nock Elefanten vermiete. Hie und da holt ihn der medizinische Hauptberuf ein: «Ein Artist klagte bei mir über Schmerzen in der Schulter.» Doch Bernard ist nicht Arzt, und Zeit für Sprechstunden hat er nicht, denn der Büro­kram ist uferlos: «Ich hole Bewilligungen ein, von deren Existenz ich vorher keine Ahnung hatte.»

Im Zirkus kanns spät werden

Wir sitzen im Pressewagen von Nock. Der Bub erzählt von der Schule: eine Lehrerin, vier Schüler in verschiedenen Schuljahren, Unterricht auf Französisch. Ja, die Lehrerin sei streng, sagt Livio, Hausaufgaben gebe es auch. Trotzdem ist vieles anders. Weil im Zirkus auch abends Vorstellungen stattfinden, darf er länger aufbleiben als zu Hause. Kürzlich wurde es sehr spät. Weil in Flamatt wegen eines durchgeweichten Standplatzes ein Gastspiel ausfiel, unternahmen die Artisten einen Ausflug nach Strassburg, um dort befreundete Artisten in einem berühmten französischen Zirkus zu treffen. «Da kam ich erst morgens um zwei Uhr ins Bett», sagt Livio stolz.

Sein Vater beeilt sich zu versichern, dass das eine Ausnahme sei – Livios Mutter, die das Zirkusexperiment sehr begrüsst, liest schliesslich auch Zeitung. Sie hätten es gut, versichern Vater und Sohn. Obwohl sie zu Hause in einem Haus mit viel Platz lebten, fehle es ihnen in der Enge des Wohnwagens an nichts. «Meine Playmobil-Spielsachen habe ich noch kaum hervorgenommen», sagt Livio. Die DVD-Sammlung bleibe im Schrank, sagt Thom Bernard: «Wir haben einen Film, sobald wir die Wohn­wagentüre aufmachen.»

Einmal zu Hause übernachten

Das Gastspiel in Bern ist ein besonderes, denn nun übernachten die beiden fast in Sichtweite ihres «normalen» Zuhauses. Livio freut sich, wenn seine Schulkameradinnen und -kameraden vom Spiegel auf die Allmend kommen. Vater Thom ist zwar mit seiner Unterkunft und dem Duschenwagen zufrieden, erwägt aber dennoch, während des Gastspiels einmal im nahen Zuhause zu übernachten, «wo ich aus dem Schlafzimmer direkt zur Dusche hinübergehen kann».

Es tönt wie die Ironie des Schicksals: Wenn Livio jetzt seine «normale» Schule im Spiegel besuchen würde, hätte er ebenfalls Zirkus. Klassenlehrer Simon Schwab, der bis vor zwei Jahren im Zirkus Nock unterrichtete, führt eine Projektwoche zum Thema Zirkus durch, die Livio nun verpasst. Jedenfalls fast. Er werde mit einem Klassenkameraden aus der Nock-Schule in seine Spiegel-Schule gehen – nun aber als Lehrer: «Brian wird erklären, wie man einen Handstand macht, und ich zeige es vor.»

Regen trinken

Wer so oft in der Vorstellung sitzt wie Livio, kann über seine Präferenzen im Programm profund Auskunft geben. Nebst den Brasilianern seien die Mus­tache Brothers, ebenfalls aus Brasilien, seine Idole. Die Schnurrbart-Sonnyboys verbinden spektakuläre Akrobatik mit Komik. Auch Roller Dalton aus Portugal imponieren ihm, die auf einer kleinen runden Platte wie verrückt auf Rollschuhen umherwirbeln.

Manchmal leiht sich Livio Skates bei Artistenkollegen aus – im Wissen, dass seine Künste auf Rollschuhen noch nicht ganz zirkusreif sind. Als Manegen-Aficionado, der einmal Artist werden will, kennt er schon jetzt Sprüche wie ein alter Zirküssler: «Einmal Sägemehl in den Schuhen, immer Sägemehl in den Schuhen.» Die Brasilianer, weiss Livio, verpacken diese Weisheit in andere Worte: «Wenn man den Regen, der am Zirkuszelt herunterläuft, auffängt und trinkt, dann hats einem für immer erwischt.»

Circus Nock: «Magic World», Allmend Bern, Premiere heute 20 Uhr, Gastspiel bis 7. Juni, (Dienstag 2. Juni, Familienrabatt), Tickets: www.nock.ch. (Der Bund)

Erstellt: 29.05.2015, 07:35 Uhr

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