Ursula Wyss steigt in Kulturpolitik ein

Die Berner SP-Gemeinderätin will rund 200'000 Franken in Kunst im öffentlichen Raum investieren. Die Gegner wittern Wahlkampf.

Kunst im öffentlichen Raum: Der Christophorus auf dem Bahnhofplatz.

Kunst im öffentlichen Raum: Der Christophorus auf dem Bahnhofplatz. Bild: Adrian Moser

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Geht es nach Ursula Wyss, soll die Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Stadt Bern (TVS) künftig deutlich mehr Geld für Kultur ausgeben als bisher. Heute fliessen rund 40 000 Franken pro Jahr aus der Direktion in den Fonds für Kunst im öffentlichen Raum (Kiör). Rund 200'000 Franken sollen es in Zukunft sein. «Das wäre ein Quantensprung», sagt Peter Schranz, stellvertretender Leiter der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern. Sein Amt, das zur Präsidialdirektion gehört, verwaltet den Fonds.

TVS-Direktorin Wyss hat ihr Angebot im «Bund» vom letzten Samstag vorgestellt. Das zusätzliche Geld soll vor allem den Quartieren zugute kommen und dort temporäre Kunstprojekte an geeigneten Standorten ermöglichen.

Anlass für das Angebot der TVS-Direktorin ist die Revision des Reglements für Kunst im öffentlichen Raum. Diese ist bereits in Gang, doch das revidierte Reglement muss noch von den politischen Behörden, also Gemeinde- und Stadtrat, bewilligt werden.

Wird es bewilligt, legt es fest, dass von der gesamten Bausumme, welche die TVS investiert, ein Prozent in den Fonds für Kunst im öffentlichen Raum fliesst. Bisher gilt dies nur für den wertvermehrenden Teil der Investitionen. Dadurch zahlt die TVS schon heute jährlich rund 40'000 Franken in den Kiör-Fonds.

Die TVS hat nach eigenen Angaben eine Investitionsquote von 30 Millionen Franken pro Jahr. Simon Küffer, stellvertretender Generalsekretär, rechnet damit, dass die TVS den Fonds gemäss dem neuen Kiör-Reglement mit jährlich rund 200'000 Franken speisen würde.

Im Sinne der Kulturstrategie

Dieses Geld müsse die Direktion aber nicht einsparen, sagt Küffer auf Anfrage. Das Kulturprozent käme bei Baukrediten zur Anwendung und sei Bestandteil der Investitionsrechnung. «Der Betrag erscheint uns angesichts der hohen Investitionsquote als absolut vertretbar.»

«Die Frage ist, ob Interventionen oder Dekoration geplant sind»Bernhard Giger, Leiter Kornhausforum

Die Idee, Kunst in die Quartiere zu bringen, findet Bernhard Giger, Initiant der Berner Kulturkonferenz im letzten Herbst, «grundsätzlich gut» und durchaus im Sinne der neuen Kulturstrategie.

Auch dass die TVS von sich aus mehr Geld für die Kultur einsetzen will, sei im Sinne der neuen Kulturstrategie. Im Januar wurde am Berner Kulturforum gefordert, dass die Kulturfragen verwaltungsübergreifend behandelt werden. «Letzten Samstag habe ich mich allerdings gefragt, ob es einen Wahlkampf braucht, damit sich bei der Kunst im öffentlichen Raum etwas bewegt», sagt Giger.

Wahlkampf oder nicht?

Für die politischen Gegner ist denn auch klar: «Frau Wyss will sich vor den Stadtpräsidiums-Wahlen profilieren», sagt SVP-Stadtrat Alexander Feuz. Er sitzt in der Kommission für Planung, Verkehr und Stadtgrün des Stadtrats (PVS).

Sein Parteikollege Roland Jakob, der in der Kommission für Soziales, Bildung und Kultur (SBK) sitzt, findet die Ausgaben nicht nötig. Er begrüsse zwar mehr Kunst im öffentlichen Raum, jedoch nicht mit «Quersubventionierungen» finanziert.

Ganz anders sieht es SP-Stadtrat Fuat Köçer. Er sitzt mit Jakob in der SBK. «Von Kunst kann man nie genug haben», sagt er. Das Angebot der TVS-Direktorin sieht er daher nicht als Wahlkampf, sondern als «Sachpolitik, wie sie sein sollte».

Auch der Alt-Stadtrat und Präsident der Quartierkommission Dialog Nordquartier, Urs Frieden (GB), sieht keinen Wahlkampf in Wyss’ Vorschlag. «Mit Kunst im öffentlichen Raum kann sich kein Politiker profilieren», sagt er. Das Thema sei zu umstritten.

Bedürfnisse im Quartier beachten

Frieden gefällt die Vorstellung, dass für die Quartiere etwas getan werden soll. «Es ist aber wichtig, dass die Bedürfnisse der Quartierbewohner sorgfältig abgeklärt werden.»

Denn es könne im Quartier rasch Unverständnis wecken, wenn für Kunstwerke Geld ausgegeben werde, während für andere Bedürfnisse keines vorhanden sei, etwa für die Renovation des Tellplatzes. «Sie wird seit Jahren abgelehnt, weil das Geld fehlt», sagt Frieden.

Bernardo Albisetti, Präsident der Quartierkommission Bümpliz Bethlehem (QBB), rechnet in seinem Quartier ebenfalls mit unterschiedlichen Reaktionen auf das Angebot. «Ein sorgsam gestalteter, lebendiger öffentlicher Raum wird sicher geschätzt.» Doch glaube er, dass die Bevölkerung skeptisch auf die Kunstwerke reagiere, wenn sie den Leuten nicht gefielen.

Für den Kulturschaffenden Bernhard Giger ist daher wichtig, wie die Kunst in den Quartieren umgesetzt werden soll. «Die Frage ist, ob Interventionen oder Dekoration geplant sind», sagt er. Konzepte seien gefragt, die die Quartiere belebten, so wie es letzten Sommer im Labor auf der Schützenmatte geschehen sei. «Skulpturen aber, die niemand beachtet, bringen nichts.» (Der Bund)

Erstellt: 03.05.2016, 11:37 Uhr

Ursula Wyss

Vorsteherin der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Stadt Bern (Bild: Valérie Chételat)

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