Ursula Wyss’ grosser Irrtum

Velofahrer auf Hauptverkehrsachsen zirkulieren zu lassen, ist falsch. Sie müssen auf eigenen Routen unbedrängt verkehren können. Ein Gastbeitrag von Bendicht Luginbühl.

Irrt nach Meinung unseres Gastautors auf der ganzen Linie: Ursula Wyss.

Irrt nach Meinung unseres Gastautors auf der ganzen Linie: Ursula Wyss. Bild: Valérie Chételat

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«Wyss will, dass die Velos auf den Hauptstrassen bleiben», zitiert der «Bund» die Berner Verkehrsdirektorin mit Ambitionen aufs Stadtpräsidium. Doch die Verkehrsdirektorin der Berner, sozusagen die Schirmherrin aller Radfahrer, irrt auf der ganzen Linie. Der fundamentale Irrtum der aktuellen Berner Verkehrspolitik betrifft die Fehlentwicklung, Velofahrer auf Hauptstrassen zirkulieren zu lassen, sie gar auf Hauptstrassen zu zwingen. Auf diesen Hauptstrassen lassen Wyss und ihre Vorgänger alle gemeinsam zirkulieren: Trams, Busse und den gesamten motorisierten Individualverkehr: Autos, Motorräder, Elektroroller und immer häufiger motorradschnelle Elektrovelos, beides neue Kategorien des motorisierten Individualverkehrs.

Die Auswirkungen dieses irrigen Verkehrskonzepts sind augenfällig: Statt flüssige Verkehrsadern zu schaffen, zwingen grüne und sozialdemokratische Verkehrspolitiker Autofahrer dazu, hinter Trams und Bussen an Haltestellen des öffentlichen Verkehrs zu stoppen, um gleich wieder loszufahren. Statt abgasarmer Verkehrsdispositionen bauen Berner Verkehrsplaner Stop-and-go-Fallen für die individuell motorisierten Verkehrsteilnehmer. Auf grossen Quartierachsen, wo bis vor wenigen Jahren für Velofahrer ein Ausweichen und Durchkommen möglich war, malten eifrige Kräfte des öffentlichen Dienstes Tausende von Parkfeldern quer in die Strassen, schufen für Millionen von Franken unnötige Beschilderungen und Betonhindernisse.

«In Parkplätze statt Velorouten zu investieren ist ein fundamentaler Fehler. »Bendicht Luginbühl

Es ist ein fundamentaler Fehler, auf gut geeigneten Durchgangsstrassen in Quartieren in quer gebaute Parkplätze zu investieren statt in flüssig gebaute Velorouten. Überall in dieser Stadt ist täglich festzustellen, wie krass falsch dieser Verkehrsfluss aufgegleist worden ist. Die grössten Verlierer sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer, die Velofahrer. Sie werden auf Hauptverkehrsachsen im übermächtigen Gesamtverkehr untergebracht. Auf vielen an sich geeigneten Durchgangsstrassen werden Radler gezwungen, sich im Stossverkehr um quer gestellte Parkplatz-Plantagen zu kämpfen, immer wieder verdrängt von Automobilisten, die sich auch ihren Weg suchen müssen.

Mehr Sicherheit für Velofahrer

Velofahrer müssen unbedrängt auf eigenen Routen zirkulieren können. Auf Routen, die getrennt sind von unterschiedlich schnellen und physisch deutlich massigeren Vehikeln wie Bussen, Trams, Motorrädern und Autos. Die Gefährdung des Velofahrers durch die Einwirkung von Masse und durch den Faktor Lärm ist beträchtlich.

Ursula Wyss dürfte sich zwanzig Prozent Veloverkehr dann wünschen, wenn sie bereit wäre, ihre Velo-Analyse grundlegend zu revidieren. Europaweit zeigen Beispiele, dass nur unter der Bedingung des getrennten Verkehrs die Vision einer Stadt von immer mehr Velofahrenden zur Realität werden kann. Bern lobt sich immer wieder, eine Velostadt zu sein. Das Gegenteil ist richtig: Bern hat viele motivierte Velofahrer, die einer irrlichternden Verkehrspolitik ausgesetzt werden. Berner Velofahrer werden dazu missbraucht, eine verquere Vision vom Ende des Autos in der Stadt umsetzen zu helfen – als unfreiwillige Speerspitzen des Widerstands gegen den motorisierten Individualverkehr. Doch eine vitale, prosperierende Stadt braucht auch eine automobile Mobilität für Gewerbe, für Dienstleister, für ältere Menschen und für Faulenzer, die sich so und nicht anders fortbewegen können oder wollen.

Es ist jetzt an der Zeit, die richtigen verkehrspolitischen Entwicklungen in die Wege zu leiten. Es ist an der Zeit herauszufinden, welche Politiker in der Lage sind, diese grossen Zusammenhänge zu denken. Velofahrer in Bern müssen eine Zukunft sehen, weg vom täglichen Risiko, überrollt zu werden beim Queren einer Kreuzung oder beim Abbiegen. Es braucht keine lächerlichen Brückenprojekte zwischen Quartieren, die Millionen von Steuerfranken verschlingen. Gefragt sind rasch umzusetzende, weitläufig konzipierte Verkehrsachsen für Velofahrer. Bern braucht eine intellektuelle und konzeptionelle Leistungssteigerung bezüglich der Velo-Strategie. Mit der gegenwärtigen Denk- und Umsetzungsleistung des verkehrspolitisch verantwortlichen Personals in Stadt und Kanton darf sich an Abstimmungs- und Wahltagen kein Velofahrer zufrieden geben. Und ein nächster Stadtpräsident ist nur wählbar, wenn er oder sie eine Mobilitäts- und Verkehrsstrategie zu verfolgen in der Lage ist, welche Velofahrer als visionär taxieren dürfen: die umfassend getrennte Führung von Routen für Velofahrer und solchen für den motorisierten Individualverkehr inklusive Tram und Bus.

Bendicht Luginbühl gilt als einer der Pioniere der Schweizer Mountainbike-Bewegung und als Begründer des professionellen Fahrrad-Journalismus in der Schweiz (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2015, 11:08 Uhr

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