Unter 1400 Berner Wildpflanzen versteckte sich ein Unikum

Fast 100 Freiwillige arbeiten seit 2013 an einem Inventar über wilde Pflanzen in der Stadt Bern mit. Die Experten und Laien sind auf eine verblüffende Artenvielfalt gestossen.

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Matthias Raaflaub

Im Frühling 2014 machte Judith Schöbi eine einmalige Entdeckung. An einer abgelegenen Böschung im Berner Nordquartier stiess sie auf eine bisher in der Schweiz unbekannte Orchideenart. Das Bestimmungsbuch half ihr nicht weiter. «Ich bin nicht die grosse Orchideenkennerin», erzählt Schöbi am Telefon. Doch an ihr lag es nicht, dass sie die rosa Blume mit der einzigartigen Blüte nicht im Nachschlagewerk fand. Die Orchis italica, das Italienische Knabenkraut, stammt aus südlicheren Breitengraden. In der Schweiz war es bis dahin noch nie in freier Natur gefunden worden. Schöbi hatte das erste je dokumentierte Exemplar in der Schweiz gefunden. In der Botanikerszene ist das eine kleine Sensation. Wohl sind die Samen über die Verkehrswege nach Bern gekommen – auf einem Zug, oder als blinde Passagiere von Italien-Touristen. Dass die Orchidee zeitgleich wie im Süden auch im Berner Klima blühen konnte, ist aber durchaus von wissenschaftlichem Interesse.

Ehrenamtliches «Kartieren»

Auf die Suche nach Wildpflanzen hatte sich die 34-jährige Umweltnaturwissenschaftlerin zum ersten Mal im Frühling 2013 gemacht. Schöbi ist eine der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Floreninventars der Stadt Bern. Wie sie sind fast 100 Freiwillige in und um die Stadt Bern im Einsatz, um zu beobachten und wilde Pflanzen zu bestimmen und sie zu verzeichen. «Kartieren» nennt sich das im Jargon der Botaniker. Schöbi untersucht seit bald zwei Jahren einen ihr zugewiesenen Quadratkilometer des Stadtgebiets. Diesen Flecken kennt sie mittlerweile fast wie die eigene Hosentasche. Über 500 Wildblumen hat sie bereits notiert. Was neu blüht, fällt ihr sofort auf. Ursprünglich habe sie sich für die Mitarbeit beim Projekt gemeldet, um das im Studium gelernte Botanikwissen nicht einrosten zu lassen. Nach zwei «Vegetationszeiten» im Feld «fühle ich mich meinem Wohnort über seine Blumen enger verbunden», sagt sie.

Anlässlich einer Ausstellung in der Kornhausbibliothek ziehen die Verantwortlichen für das Floreninventar Zwischenbilanz. Seit dem Start des Projekts haben Freiwillige insgesamt 36'000 Funde auf dem Stadtgebiet gemeldet. Über 1400 Arten von Wildblumen sind dokumentiert, besonders seltene Exemplare sogar mit genauen GPS-Daten.

Am Projekt beteiligen sich interessierte Laien ebenso wie Profis. Lanciert wurde es in Zusammenarbeit mit der Bernischen Botanischen Gesellschaft. «Botanische Kenntnisse sind auf jeden Fall erforderlich», sagt Nik Indermühle, Biologe und Koordinator des Floreninventars. Mit einem Handbuch allein lässt sich nicht jede Wildblume sicher bestimmen, dafür ist Fachwissen gefragt. «Gewisse Arten sind auch für Botanik-Cracks schwierig voneinander zu unterscheiden», sagt Indermühle. Diesen Frühling bis Herbst gehen die Freiwilligen zum letzten Mal ins Feld. Doch bereits jetzt biete das Floreninventar ein Abbild der Artenvielfalt auf dem Berner Stadtgebiet, sagt Sabine Tschäppeler, die als Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie vonseiten der Stadt Bern für das Projekt verantwortlich ist. «Davor waren lediglich 800 Arten verbürgt, auch wenn man damit rechnete, dass es mehr sind», sagt sie. Andere Städte haben bereits Inventare ihrer Wildblumen erstellt, die Resultate in Bern stellten nun aber die Erwartungen in den Schatten.

Die erhobenen Daten werden in eine nationale Datenbank gespeist. Sie bieten der Stadt eine Grundlage, um den Artenschutz besser gewährleisten zu können. Die zuständige Fachstelle hat etwa bei Bauprojekten den Auftrag, ein möglichst genaues Bild über die tangierte Flora und Fauna zu liefern. Stadtgrün Bern unternimmt ausserdem Anstrengungen, um national gefährdete Arten breiter anzusiedeln.

Das wird im Falle der Orchis Italica aber nicht geschehen, wie Sabine Tschäppeler sagt. Zwar ist ihre Entdeckung in der Schweiz ein Hingucker. Die Orchidee werde hierzulande aber als ausländische Art nicht besonders gefördert.

Fotos aus dem Floreninventar sind bis zum 25. April in der Kornhausbibliothek Bern ausgestellt. Weitere Bilder auf
flora.derbund.ch

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