«Und was machen denn die Jungen hier so?»

Für einmal öffneten die Berner Clubs ihre Pforten bei Tageslicht. Auf Clubsafari mit interessierten Nachtleben-Laien.

Einblick in eine fremde Welt: Die Club-Safari beim Halt im Dachstock.

Einblick in eine fremde Welt: Die Club-Safari beim Halt im Dachstock. Bild: Valérie Chételat

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So eine Safari ist ja durchaus ein Abenteuer, auch wenn heutzutage die Grosswildjagd eher verpönt ist und Kimme und Korn zumeist durch Sucher und Objektiv ersetzt werden. Etwas vermessen wäre es wohl auch, Bern als Grossstadtdschungel oder wild-urbane Steppenlandschaft zu bezeichnen. Wenn die Bar- und Clubkommission Bern (Buck) zu einer «Clubsafari» einlädt, liegt sie dennoch nicht ganz falsch, schliesslich steht «Safari» in seiner ursprünglichen Bedeutung schlicht für jede Form des Reisens – ein «längerer Spaziergang» ist davon nicht ausgenommen, zumindest weiss das Wikipedia. Und ja – etwas fremd und abenteuerlich mag die Clubkultur dem Uneingeweihten schon erscheinen, mit ihren düsteren Lokalen, der überlauten Beschallung und den abseitigen Betriebszeiten.

«Big Five» heisst die Gruppe aus Büffel, Elefant, Löwe, Leopard und Nashorn, die ein erfolgreicher Safari-Tourist gesehen haben sollte. Es bräuchte eine gehörige Portion Chuzpe, um ohne weitere Diskussion zu behaupten, dass die Betriebe Bonsoir, Bierhübeli, ISC, Dead End und Dachstock die Big Five des Berner Nachtlebens sind, doch ohne sie käme eine solche Diskussion aber auch nicht aus. Zumindest sind es die fünf Lokale, die den Spaziergängern an diesem Samstagnachmittag die Türe öffnen, um einen Einblick zu gewähren in die Parallelwelt ihrer nächtlichen Betriebsamkeit.

Tanzen, reden, trinken

«Ja, und was machen denn die Jungen hier genau?» – die Frage fällt früh, an der ersten Station im Club Bonsoir, unter dem Pflaster der berüchtigten Aarbergergasse. Das Setting entspricht zugegebenermassen nicht dem üblichen. Die Stuhlreihen auf der Tanzfläche stehen bereit, um die Zuhörer der anstehenden Podiumsdiskussionen zu empfangen, die wie die Safari Teil des «Tages der offenen Clubtür» sind. Wenn der Platz aber frei ist, wird hier, gemäss der Zusammenfassung einer Club-Nacht von Bonsoir-Co-Geschäftsführer Marco Belz «Musik gehört, getanzt, geredet, an der Bar einen Cocktail getrunken und so zwischen drei und fünf Uhr geht man nach Hause». Im ansehnlichen Grüppchen, etwa 20 Personen haben sich der umtriebigen Kulturfrau und Journalistin Gisela Feuz und dem Buck-Sprecher und Veranstalter Terry Loosli angeschlossen, dominieren die älteren Semester – und die Frauen. Vielleicht sind sie neugieriger, mutiger als die Männer, rätselt Feuz, oder aber sie wollen einfach genauer wissen, wie und wo sich der Nachwuchs in den wochenendlichen Nächten rumtreibt.

Warum die Musik laut sein muss

Im Dachstock der Reitschule outet sich denn auch eine Teilnehmerin als Mutter, deren mittlerweile erwachsenen Söhne sich offenbar schon früh in der Reitschule vergnügt haben. Wenn diese nirgendwo reingekommen seien, in der Reitschule seien sie immer willkommen gewesen. «Wie ist denn das hier mit der Alterskontrolle?», will sie darum wissen. Ob jemand schon Alkohol trinken dürfe, kontrolliere man an der Bar, heisst es. Auch die Sicherheit ist ein Thema. In der Reitschule und auf dem Vorplatz sorgt dafür die hauseigene Security, das «Wellness-Team». Man habe durchaus versucht, mit auswärtigen Firmen zusammenzuarbeiten, doch diese hätte das Fingerspitzengefühl vermissen lassen.

Schliesslich wird auch die Frage, warum denn Clubmusik so laut sein muss, dass sie bisweilen zu nachbarschaftlichen Konflikten führt, beantwortet. Ab 96 Dezibel fühle sich der Körper, als wäre er im freien Fall. Clubmusik sei eben auch ein körperliches Erlebnis, sagt Tontechniker Mischu Loosli und führt gleich vor, wie laut die gesetzlich maximal erlaubten 100 Dezibel sind. Laut sei es schon, sagt eine ältere Dame. Doch nach dieser Demonstration könne sie diesen Reiz durchaus nachvollziehen. Trotzdem sei es nicht gut, wenn sich die Jungen die Ohren kaputt machten, «wider besseres Wissen».

Der sozial engagierte Club

Passend zur bürgerlichen Vergangenheit – hier hatte Rudolf Minger zu Anfang des letzten Jahrhunderts die Bauern- und Gewerbepartei gegründet – geht es im Bierhübeli ums Geschäft. Gegen ein halbes Jahr beträgt die Vorlaufzeit für einen Anlass, manchmal auch mehr. Zum Ende der Tour wird im «vielleicht ältesten Berner Club», dem 43-jährigen ISC, demonstriert, wie sich eine Band mit dem Tontechniker auf einen Auftritt vorbereitet, nach diesem Soundcheck geht es zum Kurzkonzert der Band und zum Apéro.

Dazwischen aber wagt sich das Grüppchen in den verrufenen Privatclub Dead End – auf Wunsch einer Teilnehmerin, die sich alleine nicht dahin getraut. Das Publikum hier sei nicht immer einfach, es sei ein Sammelbecken für alle, die nach einer durchtanzten Nacht noch nicht genug hätten, erklärt Feuz. Der Empfang fällt jedoch besonders herzlich aus. Die Sympathien vollends auf seiner Seite hat der Club, als Gastgeber Sid erklärt, was es mit dem Lokal auf sich hat: Wer unten feiert, finanziert die 20-plätzige Notschlafstelle im oberen Stock und ein Gassenküchen-Angebot. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2013, 07:49 Uhr

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