Umstritten bleiben die Schwimmhalle und der Gaskessel

Sie wollen, dass das Gaswerkareal öffentlich zugänglich bleibt und bezahlbare Wohnungen gebaut werden. Am Samstag äusserten sich Quartierbewohner zur Überbauung auf dem Areal bei der Aare.

Hansjörg Ryser, Präsident des Quartiervereins Schönau-Sandrain, traut dem Planungsbericht nicht.

Hansjörg Ryser, Präsident des Quartiervereins Schönau-Sandrain, traut dem Planungsbericht nicht. Bild: Valérie Chételat

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Einmalig schön und grün, lauschig und lärmig, verwunschen und vergammelt: So beschreiben Quartierbewohner das Gaswerkareal in Bern. Rund 70 von ihnen haben sich am Samstag im Gaskessel getroffen, um über die geplante Überbauung auf dem Areal zu diskutieren. Die Stadt und Energie Wasser Bern (EWB), die Grundeigentümerin, möchten dort eine grosse Wohnüberbauung mit rund 200 Wohnungen sowie ein Schwimmbad mit 50-Meter-Becken realisieren.

Mit deren Planung war die Berner Totalunternehmung und Immobilienentwicklerin Losinger Marazzi beauftragt worden. Nach mehreren Workshops, an denen etwa auch Quartiervertreter, Naturschutzverbände und Vertreter des Jugendzentrums Gaskessel einbezogen waren, hatte die Firma im September einen Synthesebericht vorgelegt. Damit waren die Quartiervertreter aber nur mässig zufrieden.

«Das eine ist, angehört zu werden, das andere, tatsächlich eingebunden zu sein», sagte etwa Hansjörg Ryser, Präsident des Quartierleists Schönau-Sandrain, im Vorfeld der Veranstaltung. Die Schlussfolgerungen im Synthesebericht seien relativ unverbindlich formuliert, die herbeigezogenen Zahlen für das Verkehrskonzept lückenhaft. Den motorisierten Verkehr zu limitieren, den die neue Überbauung nach sich ziehen werde, sei denn auch eines der wichtigsten Anliegen des Leists. So plane Losinger Marazzi nebst 250 bis 350 oberirdischen Parkplätzen für Anwohner 30 bis 50 Plätze für Schwimmhalle-Besucher im Parking des Brückenkopfes.

«Die Planer schätzen, dass allein 1000 Personen täglich die Schwimmhalle besuchen», sagt Ryser. Somit müssten viel mehr Parkplätze im Brückenkopf realisiert werden. Ungenau seien auch die Annahmen, die den Durchgangsverkehr betreffen. «Der Bericht geht von 60 Prozent Durchgangsverkehr auf der Marzili- und der Sandrainstrasse aus. Die städtische Verkehrsplanung aber hat 90 Prozent gezählt. Noch mehr Fremdverkehr ist nicht akzeptabel.» Auch der ÖV-Anschluss sei völlig ungenügend geklärt. «Für Anwohner und Schwimmhalle-Besucher braucht es einen Ausbau der Buslinie 30.»

Gaskessel zu wenig beachtet

Laut Daniel Imthurn, Co-Präsident der Quartiervertretung QM3 und GLP-Stadtrat, bestehe im Quartier auch die Angst, dass «zu viel und zu hoch» gebaut werde. Auch er hegt «grosse Bedenken», was die Erschliessung des Areals betrifft. Zudem sei die Rolle des Jugendzentrums Gaskessel zu wenig ausgeführt worden. Im Synthesebericht war festgehalten worden, «es lohne sich in städtebaulicher Hinsicht zu überprüfen, ob der Gaskessel im Rahmen einer möglichen Gesamtentwicklung weichen sollte».

Daran stört sich auch Francisco Droguett, Teamleiter des Vereins Gaskessel. «Wir hätten uns gewünscht, dass der Gaskessel pointierter in den Bericht einfliesst», sagt er. Grundsätzlich begrüsse er es, dass auf dem Areal «etwas läuft», das Jugendzentrum müsse aber so bestehen bleiben. «Wenn man Wohnungen möchte, muss man das Jugendzentrum als städtebauliche Tatsache in die Planung miteinbeziehen.» Droguett bestreitet zudem, dass ein «hohes Konfliktpotenzial» mit einer Wohnnutzung bestehe, wie der Bericht festhält. «Wir haben kaum je Lärmbeschwerden.»

Alec von Graffenried, Leiter Immobilienentwicklung von Losinger Marazzi und grüner Nationalrat, wehrt sich gegen die Vorwürfe. «Wie der Verkehr organisiert werden soll, wird erst anhand eines konkreten Projekts ermittelt. Wir haben uns nicht auf fixe Zahlen gestützt, sondern sind von einem Normbedarf ausgegangen.» Von Graffenried spricht von einem Dilemma. «Auf einer Seite müssen wir nachweisen, wie viel Kapazität das Verkehrssystem zulässt, andererseits wollen wir den Verkehr so weit wie möglich reduzieren, zum Beispiel durch teilweise autoarmes Wohnen.»

Bezüglich Gaskessel sagt von Graffenried, man werde keine Lösung ohne die Jugendlichen planen. Er persönlich sehe den «Chessu» als eine «Ikone» an, die einen hohen Stellenwert habe. Und schliesslich gibt es aus dem Quartier auch weniger skeptische Stimmen. René Hell, Präsident des Marzili-Dalmazi-Leists, findet, es müsse «jetzt endlich etwas gehen auf diesem Areal». «Wir fühlen uns sehr gut einbezogen in die Planung. Und irgendjemand muss diese ja in die Hand nehmen», sagt er. Das Verkehrsaufkommen werde mit der Überbauung nicht so stark zunehmen.

Familienwohnungen gefordert

Am Samstag lag es nun an den Quartierbewohnern, auf Zetteln zu notieren, was ihnen besonders am Herzen liegt: etwa, dass der Brätliplatz bleibt, Familienwohnungen entstehen, das Areal bis zum Baustart zwischengenutzt werden kann und dass das Areal für die öffentliche Nutzung zugänglich bleibt. Aus den Antworten entsteht ein Leitfaden, der in die weiteren Planungsschritte mit einfliessen soll.

Mit der Veranstaltung zeigten sich Ryser und Imthurn zufrieden. Nun sei es möglich, ein Fazit zu ziehen, das die Anliegen der Quartierbewohner berücksichtige, sagte Imthurn. «Wenn auch der Gaskessel und die Schwimmhalle umstritten bleiben, so besteht im Quartier doch der Konsens darüber, dass auf dem Areal gebaut werden soll.» Aus den Antworten werde nun ein Leitfaden geschrieben, der in die weiteren Planungsschritte einfliesse. Die Mitwirkungsveranstaltung sei ein wichtiger Parameter, um die Planung zu konkretisieren, sagte auch von Graffenried. «Es ist uns wichtig, dass die Entscheide mitgetragen werden.»

Bis Ende 2014 muss die Grundeigentümerin EWB damit beginnen, das Areal zu sanieren und von den Altlasten zu befreien. Drei Architekturbüros werden im Rahmen einer Testplanung bis im kommenden Sommer Vorschläge für die Nutzung des Areals erarbeiten. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2013, 06:52 Uhr

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