Tschäppät erzürnt die Mineralwasserlobby

Die Berner Stadtverwaltung will weniger Flaschenwasser einkaufen und mehr Leitungswasser ausschenken. Die Schweizer Mineralwasserabfüller sehen sich als «Opfer einer unsinnigen Kampagne».

Brunnen- statt Flaschenwasser: Pressebild der Stadt Bern anlässlich des Beitritts zur Blue-Community-Initiative.

Brunnen- statt Flaschenwasser: Pressebild der Stadt Bern anlässlich des Beitritts zur Blue-Community-Initiative.

(Bild: zvg)

Adrian Sulc@adriansulc

Adelbodner, Appenzeller, Henniez, Passugger und Valser: Gleich fünf Mineralwassermarken standen am Montag auf den Tischen im Sitzungszimmer. Das unauffällige Getränk war für einmal Protagonist einer Pressekonferenz. Denn die Abfüller von Mineralwasser sehen sich «Verunglimpfungen und Attacken» ausgesetzt, wie Urs Schmid, der Präsident des Verbands der Schweizerischen Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten, ausführte.

Schlecht zu sprechen ist die Mineralwasserbranche derzeit auf die Stadt Bern – und besonders auf deren Präsidenten Alexander Tschäppät. Dies weil sich Bern im vergangenen Monat verpflichtet hat, weniger Mineralwasser auszuschenken zugunsten von mehr Leitungswasser. «Die Direktionen und Abteilungen werden angehalten, auf transportiertes Wasser zu verzichten und stattdessen auf Hahnenwasser zu setzen», schreibt Regula Buchmüller, Leiterin der Abteilung Stadtentwicklung, auf Anfrage.

An Sitzungen und im Kontakt mit den Einwohnern soll «wenn immer möglich» Leitungswasser in Karaffen aufgestellt werden. Auch bei städtischen Anlässen sollte Leitungswasser bereitgestellt werden.

«Sozusagen privatisiertes Wasser»

Dies geschieht im Rahmen der kanadischen Initiative Blue Community, die sich gegen die Privatisierung der Wasserversorgung richtet. Tschäppät bezeichnete damals die pro Jahr in der Schweiz getrunkenen 900 Millionen Liter Flaschenwasser als «sozusagen privatisiertes Wasser». Mineralwasserverbands-Präsident Schmid taxierte diese Äusserung am Montag als «untolerierbar».

Er betonte, dass Mineralwasser und Leitungswasser zwei «völlig unterschiedlich regulierte Produkte» seien: Mineralwasser dürfe nicht chemisch behandelt werden und müsse bei der Quelle abgefüllt werden. Mineralwasserquellen hätten deshalb mit Leitungswasser nichts zu tun. Und: «In der Schweiz gibt es keinerlei Bestrebungen, Leitungswasser zu privatisieren.»

Streit um Energieverbrauch

Tatsächlich wäre in diesem Punkt das Engagement der Blue-Community-Initiative in der Schweiz nicht nötig. Die Initianten wollen aber auch die Nutzung von Trinkwasser aus dem öffentlichen Leitungsnetz fördern. Es gehe in der Schweiz nicht um Wassermangel, sondern um die Ressourcen, die für Transport und Verpackung des Mineralwassers gebraucht werden, sagt Heinz Bichsel von der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn, welche hierzulande die Trägerschaft für Blue Communitiy übernommen hat. «Wasser mit dem Lastwagen herumzukarren, macht aus ökologischer Sicht keinen Sinn, wenn man ein funktionierendes Trinkwassernetz hat.»

In der Schweiz gebe es derzeit nicht die gleichen Diskussionen über die Privatisierung der Trinkwasserversorgung wie in Kanada, wo die Initiative entstanden ist. Deshalb seien die Blue-Community-Grundsätze für die Stadt Bern auch angepasst worden: «Es geht nicht darum, das Flaschenwasser zu verbieten, sondern darum, dass die Stadt Bern in ihren Büros auch Leitungswasser anbietet», sagt Bichsel.

«Mit Chlor und Ozon behandelt»

Christophe Darbellay ist mit dieser Argumentation nicht einverstanden. Der Walliser Nationalrat und CVP-Parteipräsident präsidiert auch die IG Mineralwasser, den politischen Arm des Mineralwasserverbands. Darbellay sieht die Mineralwasserunternehmen als «Opfer einer unsinnigen Kampagne» und wirft den Blue-Community-Initianten vor, sie wollten ein «qualitativ besonders hochstehendes Naturprodukt» verbieten, «bloss weil dieses in Flaschen abgefüllt wird».

Wolle man mit der Umweltschädlichkeit argumentieren, so der Walliser, müsse auf Folgendes hingewiesen werden: Leitungswasser sei «aufwendig behandelt und mitunter chemisch und physikalisch mit Chlor, Ozon und UV-Strahlen aufbereitet». Und ein Grossteil des Wassers gehe ungenutzt verloren. Das sei Energieverschleiss schlechthin, argumentierte Darbellay.

Auch Mineralwasserverbands-Präsident Urs Schmid betonte: «Leitungswasser aufzubereiten, ist teuer.» Es wisse nicht, ob Flaschen- oder Leitungswasser die bessere Ökobilanz habe, räumte er auf Nachfrage allerdings ein. Bei der Stadt Bern gibt man sich überzeugt, dass Leitungswasser «grüner» ist: «Sicher ist, dass das Abfüllen, das Gebinde und insbesondere der Transport von Wasser die Umwelt stärker belastet, als wenn das hochwertige Trinkwasser direkt durch Leitungen in die Haushalte gelangt», teilt Stadtentwicklungs-Leiterin Buchmüller mit.

Die Mineralwasserbranche darf demnach kaum darauf hoffen, dass die Stadt Bern wieder von ihrer Leitungswasser-Bevorzugung abrückt.

Der Bund

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