Thuns Wählende haben doppelt verloren

Kommentar

Die Thunerinnen und Thuner reiben sich ungläubig die Augen: Keine zwei Wochen nachdem sie ihre Stadtregierung neu bestellt haben, kündigt mit dem SVP-Mann Carlo Kilchherr einer der fünf Frischgekürten bereits an, das Amt erst gar nicht anzutreten.

Er habe damit gerechnet, bei einer Wahl nur während anderthalb Tagen für die Stadt arbeiten zu müssen – und daneben hauptberuflich weiter sein Malerunternehmen führen zu können, so Kilchherrs gestrige Botschaft an die Wählerinnen und Wähler.

Kilchherrs Engagement als Unternehmer in allen Ehren: Die Begründung des Volkspartei-Vertreters zeugt von wenig Respekt für das Volk als Wahlkörper. Die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt mit 43 000 Einwohnern dürfen erwarten, dass sich ein gewählter Vertreter im Exekutivamt mit vollem Einsatz für das Gemeinwesen engagiert – und nicht auf einen 30-Prozent-Job spekuliert, der so nebenbei erledigt werden kann. Darauf, dass Kilchherr und die SVP mit ihrem Vorgehen spekulierten, deutet leider vieles hin. Der alte Gemeinderat hatte die Pensenaufstockung bereits 2009 aufgegleist und die Parteien mehr als fünf Monate vor den Wahlen über ihre Empfehlungen an das neu zu wählende Gremium orientiert. Kilchherrs Begründung, erst Mitte November davon erfahren zu haben und deshalb keinen vorzeitigen Rückzug erwogen zu haben, ist vor diesem Hintergrund hanebüchen und wenig glaubhaft.

Mit dem Salto rückwärts des SVP-Vertreters sind die Thuner Wählerinnen und Wähler nach dem 28. November gleich zum zweiten Mal die Geprellten. Bereits der Entscheid der SP, nach dem ersten Wahlgang kampflos auf das Stadtpräsidium zu verzichten, wird einen Teil der Wählerschaft vor dem Hintergrund der angekündigten Richtungswahl verärgert haben. Der Rückzug eines gewählten Vertreters noch vor dem Amtsantritt dürfte nun weitere Teile des Elektorats nachhaltig irritieren. Ein guter Start in eine neue Legislatur sieht anders aus.

Der Bund

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