«Tanz dich frei»: Der Tag danach

«Tanz dich frei – drei» hat in Chaos, Tränengas und Verwüstung geendet, deren Spuren auch am Sonntag noch deutlich sichtbar sind. Die Polizei und die Organisatoren haben sich inzwischen zu Wort gemeldet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Bahnhofplatz liegt am Sonntagmorgen immer noch der Geruch von Tränengas in der Luft. Das Chaos der vergangenen Nacht, als «Tanz dich frei - drei» teilweise in eine Strassenschlacht ausartete, ist weitgehend beseitigt. Der einige Stunden früher noch allgegenwärtige Teppich aus Abfall, Scherben und leeren Bierdosen ist entsorgt, die Putzequipen der Stadt sind jedoch immer noch am Werk. Die Nacht hat nichtsdestotrotz deutliche Spuren hinterlassen: Diverse eingeschlagene Schaufenster sind mit Holz abgedichtet worden, kaum eine Fassade weist nicht die eine oder andere Sprayerei auf.

Surreal wird die Szenerie bei der Reitschule: Hier dröhnen um acht Uhr morgens immer noch die Bässe aus einem letzten Soundmobil, für rund 50 Personen ist «Tanz dich frei» noch nicht zu Ende. Vor dem Bahnhofplatz ist die Polizei unterdessen dabei, die Zäune zu zusammenzupacken, die das Bundeshaus abgeschirmt haben. Hier ist die Tanzdemonstration in der Nacht erstmals eskaliert.

Abweichende Wahrnehmungen

Über Facebook haben sich am frühen Sonntagmorgen die anonymen Organisatoren des Anlasses zu Wort gemeldet. Ihr Communiqué schliessen sie mit den Worten: «Es ist schade, dass die Veranstaltung nicht friedlich zu Ende gefeiert werden konnte.» Zuvor legen sie ihre Sicht der Dinge dar. Gerade in Bezug auf den Hergang der Eskalation deckt sich dieser Bericht nicht mit den Beobachtungen von Augenzeugen, die bereits auf der Marschroute zum Bundeshaus eine «aggressive Stimmung» im schwarzen Block sowie diverse Sachbeschädigungen – etwa an der Bank Julius Bär und der schwedischen Botschaft – ausmachten.

«Nachdem die Demo friedlich und auf geplanter Route loslief, wurde die Strasse auf der Höhe der kleinen Schanze von Feuerwehrautos und Sanität gesperrt. Diese räumten jedoch die Strasse und gaben die Route frei. (…) Ein paar Leute rüttelten im Vorbeigehen am Hochsicherheitszaun und filmten mit Handys das Geschehen. Darauf hin setzte die Polizei Pfefferspray ein und der Wasserwerfer wurde eingesetzt. Anschliessend wurde auch Gummischrot und Tränengaspetarden eingesetzt. (…) Es wurden viele Menschen eingenebelt, Unschuldige gerieten in Panik, nicht wenige wurden verletzt», so der Wortlaut.

Die Organisatoren zeigen sich nicht erstaunt über den Ausgang des Abends, er passe zu der «Hetzkampagne» von Sicherheitsdirektor Reto Nause im Vorfeld. Dieser habe im Vorfeld vor einer Massenpanik gewarnt, diese mit dem Polizeieinsatz aber provoziert. «Mit dem Einsatz von Tränengas Massenpanik verhindern zu wollen, ist doof», so das Communiqué.

Friedliche Teilnehmer und Chaoten

Kurz vor neun Uhr am Sonntagmorgen hat sich auch die Polizei zu Wort gemeldet. Um halb zwölf habe «eine grosse Zahl Vermummter» die Sperre zum «Fluchtweg durch die Bundesgasse» – also Richtung Bundeshaus – durchbrochen. Die Blaulichtorganisationen hätten in der Folge den Weg zum Bundeshaus freigegeben. Um einen Überblick über die Menschenmassen zu erhalten, sei ein Helikopter aufgeboten worden.

Mit einem Grossteil der Soundmobile sei im Vorfeld vereinbart worden, die von der Stadt vorgeschlagene Ausweichroute über die Christoffel- und die Schauplatzgasse zu befolgen. Als sich die Stimmung in der Bundesgasse anheizte, habe die Polizei die Umzugsteilnehmer aufgefordert, nicht über die Bundesgasse zum Bundesplatz zu gelangen. «Es zeigte sich, dass der Grossteil der friedlichen Teilnehmenden dieser Aufforderung Folge leistete», schreibt die Polizei.

Den Moment der Eskalation schildert die Polizei so: «Zahlreiche Vermummte rissen die Absperrungen der Rettungsachse vor dem Bundeshaus teilweise nieder. Sie griffen dabei die Einsatzkräfte massiv mit Wurfgegenständen und Pyrotechnika an.» Da sei es zum Einsatz des Wasserwerfers, von Gummischrot und Reizstoff gekommen, worauf sich die Chaoten in kleinere Gruppen teilten und sich in der Innenstadt mit der Polizei duellierten.

30 Hospitalisierte, Plünderungen, Sachbeschädigungen

Die Bilanz des Abends: Die Sanitätspolizei zählte in der Nacht 50 Einsätze, 30 Personen mussten ins Spital gebracht werden, zusätzlich wurden 20 Beamte der Polizei und ein Beamter der Transportpolizei verletzt. Über 70 Scheiben und Vitrinen seien zu Bruch gegangen, teilweise wurde geplündert. Die Polizei schätzt einen Sachschaden in der Höhe von «mehreren hunderttausen Franken». 61 Personen seien angehalten worden.

Auch das Inselspital Bern publizierte am Sonntag eine unrühmliche Statistik zum Anlass: 61 Patienten seien in der Nacht auf Sonntag behandelt worden – viermal mehr als an einem gewöhnlichen Wochenende, heisst es in der Medienmitteilung. Schlag-, Schnitt-, Sturz- und Tränengasverletzungen prägten das Bild in der Notaufnahme. Mehrere Patienten hätten einen Augenarzt benötigt.

Nause vs. Facebook

Einig in ihrem Fazit sind sich die Polizei und die Verfasser des Communiqués auf der «Tanz dich frei»-Seite übrigens in einem Punkt: bei der Zahl der Teilnehmenden. Beide Parteien sprechen von 10'000 Leuten.

Von Seiten der Stadt wollte am Vormittag noch niemand Stellung nehmen. Der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause ist für die Medien nicht erreichbar. Lediglich gegenüber dem «SonntagsBlick» bekräftigte er gestern das Ansinnen, Facebook zur Rechenschaft zu ziehen. «Es geht nicht an, dass sich Facebook um die auf seiner Seite publizierten Inhalte foutiert», lässt sich Nause zitieren.

Am frühen Sonntagnachmittag haben Sicherheitsdirektion und Kantonspolizei an einer gemeinsamen Medienkonferenz Stellung zu den Ereignissen genommen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.05.2013, 08:55 Uhr

Artikel zum Thema

«Tanz dich frei»: Ausschreitungen bis in die Morgenstunden

Die zu Beginn friedliche Tanzdemonstration ist in einem Meer aus Tränengas versunken. Gewaltbereite Demonstranten richteten massive Schäden an. DerBund.ch/Newsnet war vor Ort und berichtete live. Mehr...

Tanz dich ins Tränengas

Nach der «Tanz dich frei»-Parade in Bern kam es zu heftigen Ausschreitungen. Vermummte zerstörten Schaufenster und Billettautomaten. Bis am frühen Morgen setzte die Polizei Tränengas ein. Mehr...

«Tanz dich frei»: Ein Ritt auf dem Rap-Mobil

Während die Vorhut beim «Tanz dich frei» für die politischen Parolen zuständig ist, sorgen die Soundmobile für die Unterhaltung. Wer sich ein Stück chauffieren lässt, lernt einiges über die Organisation des Anlasses. Mehr...

Bildstrecke

«Tanz dich frei» 2013: Chronologie

«Tanz dich frei» 2013: Chronologie Die eingangs friedliche Tanzdemonstration «Tanz dich frei» hat nach Ausschreitungen in Tränengas und Verwüstung geendet.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Mamablog Tierisch viel Spass mit den Wölfli

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Verzweiflungstat: Ein Anwohner leert im Stadtteil Quezon der philippinischen Stadt Manila einen Einer voll Wasser ins Flammenmeer. Gegen 300 Familien wurden durch den Grossbransd obdachlos.(23.Mai 2018)
(Bild: Aaron Favila/AP) Mehr...