Streit um die Anzahl Autos in der Stadt Bern

Die Zahl der Autos in der Stadt Bern ist in den letzten Jahren auf 50'000 gestiegen, sagt der Gemeinderat. Laut den städtischen Statistikdiensten ist sie aber auf 37'200 Fahrzeuge gesunken.

Ob das Parkplatzangebot in der Stadt Bern der Nachfrage entspricht, ist unklar.

Ob das Parkplatzangebot in der Stadt Bern der Nachfrage entspricht, ist unklar.

(Bild: Valérie Chételat)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Wie viele Autos gibt es in der Stadt Bern? Die Frage scheint simpel zu sein, aber in einer politisch zerrissenen Stadt wird die Antwort zum Politikum. Das Grüne Bündnis (GB) verlangt in einer Motion eine Reduktion der Anzahl öffentlicher Parkplätze «um mindestens 10 Prozent», weil die Zahl der Autos abgenommen habe. Der Gemeinderat lehnt dies ab, weil die Zahl der öffentlichen Parkplätze in der Stadt Bern bereits heute eher abnehme, obwohl die Zahl der Personenwagen in den letzten zehn Jahren «um 2000 auf fast 50'000 Fahrzeuge angestiegen ist», wie es in der Antwort auf den Vorstoss heisst.

Laut SP-Grossrat Andreas Hofmann hat der PW-Bestand seit dem Jahr 1989 aber von 46'000 auf knapp 41'000 Fahrzeuge abgenommen. Er spricht von einer «Entmotorisierung» der Stadt.

«Eine Frage der Datenquelle»

Ob die Zahl der Fahrzeuge in der Stadt Bern nun zu- oder abnehme, «ist eine Frage der Datenquelle», sagt Verkehrsplaner Hugo Staub. Der Gemeinderat habe sich in seiner Antwort auf den GB-Vorstoss auf die statistischen Jahrbücher der Stadt Bern gestützt. Unter den 50'000 Fahrzeugen gebe es auch Autos von Handwerkern, Kleintransporter oder Businessfahrzeuge. Die Verkehrsplanung arbeite zwar mit diesen Zahlen, «sie sind für uns aber keine Schlüsselgrösse». Für die Planung seien die Ergebnisse von Verkehrszählungen oder von Untersuchungen über Quelle und Ziel des motorisierten Individualverkehrs massgebender.

Hofmann sei ein «seriöser Zahlenmensch». Er operiere aber wohl mit einwohnerbezogenen Fahrzeugstatistiken. «Ich behaupte nicht, dass die Zahlen von Hofmann falsch sind. Er geht aber von einer anderen Datengrundlage aus», sagt Staub. Er sei an einem Gespräch mit Hofmann und den Statistikexperten der Stadt sehr interessiert, dann werde man sehen, ob es eine Diskrepanz zwischen der Anzahl Autos und der Anzahl Parkplätze in der Stadt Bern gebe, sagt Staub.

Oder gar bloss 37'200 Autos?

«Die Datenlage ist verworren», sagt Thomas Holzer, Bereichsleiter der städtischen Statistikdienste. Die Zahlen in den statistischen Jahrbüchern stammten vom Bundesamt für Statistik (BFS). Dieses zähle alle Fahrzeuge mit Rechnungsadresse in der Stadt Bern. Dies betreffe auch Autos von Firmen mit Hauptsitz in Bern und Niederlassungen anderswo. So würden unter Umständen gar Autos mit Kontrollschildern anderer Kantone mitgezählt. Hofmann wiederum stütze sich auf eine kantonale Statistik. «Wir haben ihn ans Strassenverkehrsamt verwiesen.»

Um verlässliche Angaben über die Anzahl Fahrzeuge in Privatbesitz zu erhalten, sei aber eine dritte Statistik massgeblich: der Mikrozensus Mobilität und Verkehr, der ebenfalls vom BFS erhoben werde. Dabei seien im Jahr 2010 landesweit rund 60 000 Personen, in der Stadt Bern 1094 Personen, nach ihrem Fahrzeugbesitz befragt worden. «Die Stichprobe ist verlässlich genug für alle Stadtteile mit Ausnahme der Innenstadt», sagt Holzer. Der im Vorstoss genannte Anteil autoloser Haushalte in der Höhe von 53 Prozent stamme aus dem Mikrozensus. Am wenigsten Autos gebe es in der Länggasse und im Nordquartier, wo der Anteil autoloser Haushalte bei 63 beziehungsweise 62,2 Prozent liege. «Die grösste Fahrzeugdichte gibt es im Kirchenfeld und in Bern-West.» Der Anteil autoloser Haushalte beträgt dort bloss 42,4 Prozent (Kirchenfeld) beziehungsweise 40,7 Prozent (Bern-West).

Betrachte man die ganze Stadt in den letzten zehn Jahren, sei der Trend aber klar: «Die Zahl der Haushalte ohne Autos nimmt zu.» Wenn man die Zahlen von 2010 hochrechne, komme man auf 37'200 private PWs – eine Zahl, die sogar deutlich unter den von Hofmann genannten 41'000 Fahrzeugen liegt.

«Der Mikrozensus ist die Bibel»

Motionärin Stéphanie Penher findet es komisch, dass der Gemeinderat sich bei der Bestimmung der Anzahl Fahrzeuge nicht auf den Mikrozensus stützt. «Der Mikrozensus ist in Verkehrsfragen die Bibel.» Auch im letzten Verkehrsbericht der Verkehrsdirektion sei die vom Gemeinderat genannte Zahl von 50'000 Fahrzeugen in der Stadt nirgends zu finden. An der Anzahl Autos pro Haushalt als Referenzgrösse zur Beurteilung des Parkplatzangebots will Penher festhalten, obwohl auch Auswärtige die Parkplätze benutzen. «Es braucht Parkplätze für Handwerker. Aber es geht nicht an, dass Pendler mit dem Auto zur Arbeit nach Bern fahren», sagt Penher.

Der Bund

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