Stadt will ein Geschenk verkaufen

Vor fünfzig Jahren vermachte die Künstlerin Susanne Schwob der Stadt Bern ihr Haus. Doch nun will die Stadt es verkaufen – obwohl Schwob ihr Geschenk an die Bedingung knüpfte, dass es ein Künstlerhaus bleibt.

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Das Haus am Falkenhöheweg 15 im Berner Länggassquartier ist ein Künstlerhaus. Hier lebte und arbeitete die Kunstmalerin Susanne Schwob (1888–1967) – und sie wollte, dass das Haus mit dem auffälligen Atelierfenster im zweiten Stock auch nach ihrem Tod ein Künstlerhaus bleibt. Sie hat es der Stadt Bern «zur Förderung bildender Künste testamentarisch übereignet», wie auf dem Schild am Haus steht. Die «wichtigste Bedingung» im Testament der Künstlerin war, «dass ihr Haus nicht verkauft werden dürfe, sondern als ‹Susanne-Schwob-Haus› ausschliesslich zur unmittelbaren Förderung der bildenden Künste zu verwenden sei», vermeldete 1968 die «Neue Zürcher Zeitung».

Seither wohnten und arbeiteten dort ein halbes Jahrhundert lang Künstler. Doch nun will die Stadt das Haus verkaufen. Mit dem Erlös sollen andernorts Ateliers für Kulturschaffende, «speziell für Musikerinnen und Musiker», geschaffen werden, wie den «Leitsätzen der Kulturpolitik» zu entnehmen ist. Der Gemeinderat hat die Verordnung über den Susanne Schwob-Fonds im Hinblick auf den Verkauf bereits Ende 2013 angepasst. Mit dem Geld aus dem Erlös könnten «mehr Kulturschaffende von dieser Stiftung profitieren».

Einsprache gegen Zweckänderung

Doch darf die Stadt das Künstlerhaus, das ihr geschenkt wurde, einfach so verkaufen? Nein, findet die Nachbarin Barbara Kohler. Sie hat als Kind bei Susanne Schwob noch Malstunden genommen und lebt seit Jahrzehnten neben den dort einquartierten Künstlern. «Es waren immer Künstler da», sagt die Kunstliebhaberin. Sie findet es schade, wenn die jetzigen Bewohner, «für deren künstlerische Tätigkeit das Haus eine ideale Lösung ist», ausziehen müssen. Zudem würde der Verkauf Barbara Kohler als Juristin stören. «Wenn die Stadt ein Haus mit klaren Auflagen geschenkt bekommen hat, kann sie nicht plötzlich sagen, sie möge sich jetzt nicht mehr daran halten.» Kohler hat Beschwerde gegen die vom Gemeinderat beschlossene Änderung des Stiftungszwecks erhoben. Das Verfahren ist bei der kantonalen Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion hängig.

Der Anwalt von Kohler beruft sich auf den letzten Willen von Schwob, in dem sie das Haus der Stadt vermachte. «Die mir gehörende Liegenschaft Falkenhöheweg 15 darf von den eingesetzten Erben nicht veräussert werden», hielt die Stifterin dort fest. Und das Gebäude solle «ausschliesslich» zur Förderung der bildenden Künste verwendet werden – also nicht für Musikateliers.

Der Stadtpräsident schweigt

Der Berner Gemeinderat beruft sich im Rechtsverfahren auf eine Ausnahmeklausel im Testament, wonach die Stadt als Erbin berechtigt sei, die Auflagen «in meinem Sinn und Geist den veränderten Verhältnissen anzupassen, sofern sich das als unumgänglich notwendig erweisen sollte». Dies sei der Fall, findet die Stadt, das Künstlerhaus lasse sich nicht mehr im Sinne der Stifterin nutzen. Kein Verständnis für diese Sichtweise haben die Künstler Adrian Scheidegger und Valerian Maly, zwei der drei Mieter, die das Künstlerhaus demnächst verlassen müssen. «Das Schwob-Haus ist nicht nur ein inspirierender Ort für Künstler, sondern auch eine Adresse, die international wahrgenommen wird», sagt Maly. Das sah vor fünf Jahren auch die Stadt so. Sie lobte im Newsletter «Wohnstadt Bern» das Haus als «Inspirationsquelle».

Alexander Tschäppät, als Stadtpräsident der oberste Kulturverantwortliche, will sich «gegenwärtig nicht zum Thema äussern», wie Stadtsprecher Walter Langenegger auf Anfrage mitteilt. Dies wegen des hängigen Rechtsverfahrens. «Und auch weil Abklärungen mit der Beschwerdeführerin und anderen involvierten Personen laufen mit dem Ziel, eine Lösung zu finden.»

Stadt fordert Marktpreis für Haus

Der Hintergrund: Die Künstler haben der Stadt vorgeschlagen, eine Stiftung zu gründen, die das Künstlerhaus im Baurecht erwerben und «im Sinne von Schwob für zukünftige Künstlergenerationen weiterführen würde». Die Stadt wollte das Haus aber nur mit Grund und Boden und zu Marktpreisen an eine solche Stiftung verkaufen. «Zu derartigen Preisen könnte eine Stiftung ein Künstlerhaus unmöglich finanzieren», sagt Scheidegger. «Die beste Lösung bleibt, dass die Stadt das Haus behält und wie bisher als Künstlerhaus betreibt», betont er.

«Falls sich eine vernünftige Lösung ergibt, würde ich die Einsprache zurückziehen», sagt Kohler. Allerdings verhehlt sie ihre Skepsis angesichts eines allfälligen Verkaufs des Hauses an eine private Stiftung nicht. «Es wäre absurd, wenn die Stadt das Haus an eine private Trägerschaft verkauft, damit diese dann die Aufgabe weiterführt, welche die Stadt mit der Erbschaft übernommen hat.»

(Der Bund)

Erstellt: 19.05.2015, 19:11 Uhr

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