Stadt Bern soll vegane Menüs anbieten

Das vegetarische und vegane Ernährungsangebot in städtischen Institutionen soll ausgebaut werden. Im Unterschied zu Basel versucht es der Verein Sentience Politics in Bern aber nicht mit einer Volksinitiative.

Auch in Kitas und Tagesschulen soll es vegane Menüs geben. Laut Experten ist es damit alleine aber nicht getan.

Auch in Kitas und Tagesschulen soll es vegane Menüs geben. Laut Experten ist es damit alleine aber nicht getan. Bild: Adrian Moser

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Städtische Angestellte sollen künftig jeden Tag vegetarisch und vegan essen können. Als der Verein Sentience Politics im Frühjahr angekündigt hatte, mit zwei Initiativen dieser Forderung in Basler und Berner Kantinen zum Durchbruch zu verhelfen, war der Aufschrei gross. Der Unmut gipfelte in der Verleihung des rostigen Paragrafen für das «dümmste und unnötigste Gesetz», den Sentience Politics von der rechtsbürgerlichen Vereinigung IG Freiheit entgegennehmen durfte.

Im Kanton Basel-Stadt liess man sich davon nicht abschrecken und hat im Frühling mit der Unterschriftensammlung zur Initiative begonnen. In der Stadt Bern hingegen hat das Ini­tiativkomitee entschieden, das Volksbegehren zurückzustellen und den Weg übers Stadtparlament einzuschlagen. «Die Unterstützung für ein Postulat ist breiter als für eine Volksinitiative», sagt Komiteemitglied und Stadträtin Christa Ammann (AL). Die «weiche Tour» in Bern spiegelt sich auch in den verschiedenen Fassungen des Vorstosses wieder, die dem «Bund» vorliegen. Lautete der Titel einer frühen Version «Für die Förderung einer vermehrt pflanzlichen Ernährung», heisst der Vorstoss aktuell nun: «Für ein abwechslungsreiches Menü-
angebot mit tierischen und pflanzlichen Produkten».

Keine Vegetarier «heranzüchten»

Als Postulat wird das Anliegen nicht nur von den rot-grünen Parteien, sondern auch von den Grünliberalen unterstützt. «Die Initiative ging uns zu weit», sagt Stadträtin Melanie Mettler (GLP). Aber als Postulat sei das Anliegen unbestritten gewesen, da gemäss Bundesamt für Umwelt die Umweltbelastung durch tierische Nahrungsmittel mindestens so gross sei wie durch Treibstoff und Mobilität. «Es geht ja nicht darum, Vegetarier heranzuzüchten, die lieber Fleisch essen würden.» Es gehe vielmehr um eine Angebotserweiterung in den Kantinen der Stadt und der stadteigenen Betriebe. «Dem kann eine liberale Partei problemlos zustimmen.»

Ein besonderes Anliegen ist Mettler auch der zweite Punkt des Vorstosses: Die Stadt soll Anreize für die Weiterbildung von Köchinnen und Köchen in der Zubereitung vegetarischer und veganer Gerichte schaffen. Zur Vorbereitung eines fünfgängigen Menüs ganz ohne tierische Produkte für private Gäste habe sie einmal intensiv recherchieren müssen, sagt Mettler. «Das war ein enormer Aufwand.» Den Köchen in städtischen Einrichtungen soll dies künftig leichterfallen. So biete ein deutsches Serviceportal für Gemeinschaftsgastronomie eintägige Gruppenschulungen für 700 Franken an, sagt Mettler. «Das ist praktisch kein Aufwand, schon gar nicht finanziell.»

Die Sorge um den Regenwald

Mit dem Vorstoss soll eine Debatte über Ernährungsgewohnheiten lanciert werden, sagt Stadträtin Patrizia Mordini (SP), Erstunterzeichnerin des Postulates und Mitglied des Initiativkomitees. Dabei gehe es insbesondere um Aspekte der Ökologie und der Ressourcen. So werde «tonnenweise Soja an Kühe und Legehennen verfüttert, um mehr Milch und Eier zu produzieren», schreiben die Postulantinnen.

Würden aber Eier durch Tofu und Kuhmilch durch Sojamilch ersetzt, brauchte man für den gleichen Nährwert 75 bis 80 Prozent weniger Soja, heisst es weiter. Der Futtermittelanbau zur Herstellung von Schweizer Tierprodukten wiederum beanspruche 3600 Quadratkilometer Ackerland, «vieles davon im Amazonasgebiet, wo dafür oft Regenwald zerstört und Kleinbauernfamilien vertrieben werden».

Man wolle den Leuten nicht die Freude am Essen von Fleisch verbieten, sagt die SP-Politikerin. «Sie sollen sich aber der Ressourcen- und Umweltbelastungen bewusst sein, die mit der Produktion von Fleisch und Milch verbunden sind», sagt Mordini. In den im Vorstoss auch erwähnten Kindertagesstätten sollen mögliche Massnahmen geprüft werden. «Man könnte alle zwei Wochen ein veganes Menü anbieten», sagt Mordini.

Zumindest in diesem Bereich rennen die Postulantinnen aber offene Türen ein. Im Kanton Bern sind bereits 93 Kitas und Tagesschulen Träger des Labels «Fourchette verte», 30 bis 40 davon im Raum Bern. Sie bieten zwar nicht fleischlose, aber «ausgewogene Ernährung» an. Es wird darauf geachtet, dass eine grosse Gemüseportion und eine «angemessene Fleischmenge» geschöpft werden. Im Rahmen des vom Kanton finanzierten Projektes besuchen fünf Ernährungsberaterinnen die Institutionen, die alljährlich rezertifiziert werden müssen, kontrollieren die Menüpläne und betreiben Schulungen. «Der Beratungsbedarf ist sehr gross», sagt Projektleiterin Kerstin Zuk.

Bei «Fourchette verte» macht zurzeit eine Kita mit, die einmal pro Woche ein veganes Menü anbietet. Bei einem Besuch der Projektverantwortlichen hätten die Kinder zwar das Couscous gegessen, die Kichererbsensauce aber unberührt gelassen. «Es ist nicht nur wichtig, das Personal zu schulen, sondern auch die Kinder an das Essen heranzuführen», sagt Zuk.

Buschauffeure essen Fleisch

Dasselbe dürfte auch für die Angestellten der Stadt und der städtischen Betriebe gelten, die primär gemeint sind. Zwar können diese in den Kantinen von Bernmobil und Energie Wasser Bern (EWB) vegetarisch essen. Bei Bernmobil ist die Nachfrage laut einem Sprecher aber «eher gering, so in der Grössenordnung von 10 Prozent». Bei EWB ist die Nachfrage nach Fleischgerichten «deutlich höher». Vegane Gerichte werden weder bei Bernmobil noch EWB nachgefragt. EWB macht diesbezüglich auch finanzielle Vorbehalte geltend. «Da die vegane Küche mit einem höheren Produktions- und Beschaffungsaufwand verbunden ist, rechnet sich das Angebot nur bei einer grossen Nachfrage», hält eine Sprecherin auf Anfrage fest. (Der Bund)

Erstellt: 03.07.2014, 06:47 Uhr

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Nein, die Stadt soll sich nicht in die Ernährung einmischen

 
45.9%

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