Sprayergang mit Hang zur Gewalt

Seit Jahren treibt die Gang 031 in Bern ihr Unwesen. Nun mehren sich die Anzeichen, dass 031-Mitglieder ihre Macht in der Reitschule steigern wollen. Reto Nause ist besorgt – auch Reitschüler haben die Nase voll.

«Ein Klima von Drohung und Gewalt»: Frische Spuren der Sprayergang 031 an der Standstrasse im Nordquartier.

«Ein Klima von Drohung und Gewalt»: Frische Spuren der Sprayergang 031 an der Standstrasse im Nordquartier. Bild: Franziska Scheidegger

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031 – über dreissig Mal begegnet einem diese Zahlenkombination bei einem Spaziergang von der Lorrainebrücke zum Schulhaus Breitfeld. Sie ziert Bushäuschen, Trafo-Stationen und Häuserfassaden. Mal in der Form eines Graffitis, mal als Schmiererei, mal als blosse Filzstiftkritzelei. Das kleinste Motiv ist kaum grösser als ein A4-Blatt, das grösste breitet sich über eine Fläche von rund 60 Quadratmeter aus (siehe Bild).

031 – das ist nicht nur die Vorwahl der Region Bern, so nennt sich auch eine lokale Sprayergruppe mit einigen Dutzend Mitgliedern. Gegründet wurde die Gang vor rund zehn Jahren, ihr Kürzel findet sich inzwischen überall in der Stadt. Die Kantonspolizei verfügt über keine Zahlen zum dadurch entstandenen Sachschaden.

Der Radius von 031 hat sich jedoch weit über die Stadt Bern hinaus ausgedehnt. Auch in Zürich und selbst in Buenos Aires und Caracas haben 031-Vertreter ihre Spuren hinterlassen. Videos auf der Internetplattform Youtube und Fotos auf Graffiti-Webseiten zeugen von der Aktivität auf fremdem Terrain.

«Viele teils schwere Delikte»

Das Sprayen ist nur die sichtbarste Tätigkeit der Gruppe. Daneben wird 031 immer wieder in Zusammenhang mit anderen, auch schwereren Delikten gebracht – zuletzt Ende Juli, als es bei der Reitschule zu massiven Ausschreitungen und Strassenkrawallen kam. Diese Aktivitäten haben auch die Berner Behörden wahrgenommen. Sie haben die Gang seit langem im Auge. «Die Mitglieder von 031 machen uns seit einiger Zeit mit Sprayereien Mühe. Und sie haben einen Hang zur Gewalt», sagt etwa der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause.

Erwähnt wird die Gruppe auch im bislang unveröffentlichten Schlussbericht der Arbeitsgruppe Jugend und Gewalt. Der vom städtischen Jugendamt geleiteten Expertengruppe gehörten auch Vertreter der Jugendanwaltschaft und der Kantonspolizei an. Der Bericht kommt zum Schluss, dass bandenmässige Delikte in der Stadt Bern besondere Aufmerksamkeit erfordern. «Gangs als Nachahmung ausländischer Vorbilder entwickeln eine starke Eigendynamik (Beispiel Gang «031»), welche sich in einer grossen Anzahl von teils schweren Delikten zeigt», warnt der Bericht.

Ruedi Fink, ehemaliger stellvertretender Leiter des Jugendamts und Autor des Berichts, verdeutlicht das Problem: 031 sei schon alleine wegen der jüngst wieder zunehmenden Sachbeschädigungen durch Sprayereien ein augenfälliges Phänomen. Problematisch sei aber vor allem «die Delinquenz und Gewaltbereitschaft» der Gruppe. 031 schaffe dort, wo Hunderte Jugendliche am Wochenende Spass haben wollten, «ein Klima von Drohung und Gewalt», so Fink. Es sei «eigentlich verrückt», findet Fink, dass in einer doch eher kleinen Stadt wie Bern eine solche Gruppe seit Jahren ihr Unwesen treiben könne. «Hier wäre ganz klar die Kantonspolizei in der Pflicht, durchzugreifen.»

Polizei gibt sich zugeknöpft

Die Polizei äussert sich allerdings nur sehr zurückhaltend zu 031. Man beobachte die Entwicklung einzelner Gruppierungen aktiv, heisst es bei der Polizei. «Dabei kann festgestellt werden, dass im Bereich von Sachbeschädigungen, insbesondere bei Sprayereien, ein möglicher Bezug zu einer Gruppe, die offensichtlich den Namen 031 trägt, hergestellt werden kann.» Auch beim Gewaltpotenzial der Gang gibt sich die Polizei zugeknöpft: Man habe Kenntnis von Delikten, die Personen aus dem 031-Umfeld zugeordnet werden könnten, teilt die Medienstelle mit. Zur Art und Schwere der Delikte konnte sich die Polizei diese Woche aber nicht äussern.

Grund für die Zurückhaltung dürfte nicht zuletzt sein, dass es den Behörden schwerfällt, die Gang 031 gegenüber anderen Gruppierungen abzugrenzen. 031 ist kein Monolith. Ihre Mitglieder bewegen sich nicht nur in der Sprayerszene, sondern unterhalten auch Verbindungen zur Hausbesetzerbewegung, zu Linksautonomen und zu antifaschistischen Kreisen. Ein wichtiger Knotenpunkt dieses Netzwerks ist die Reitschule.

Reitschüler wollen Problem lösen

Giorgio Andreoli, seit 25 Jahren in der Reitschule aktiv, beobachtet das Verhalten von 031 mit Unbehagen. Im Namen des Vorstands der Grossen Halle erklärt Andreoli: «031 kann keinesfalls für alle Vorfälle rund um die Reitschule verantwortlich gemacht werden. Aber die Gruppe trägt ganz sicher ihren Teil dazu bei.» Das gewalttätige Verhalten von 031-Mitgliedern sei «seit Jahren ein Problem», so Andreoli. Inzwischen hätten die Vorfälle «ein Mass angenommen, das ungesund ist».

Es sei zwar sicher nicht die Aufgabe der Reitschule, Polizei zu spielen und Delikte von 031ern aufzuklären. «Aber wir müssen uns fragen, was wir tun können, um die Auseinandersetzungen auf ein erträgliches Mass zu reduzieren.» Andreolis Vorschlag: Ein Treffen, bei dem Vertreter des Fördervereins, der Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule und der Grossen Halle das Problem benennen und eine gemeinsame Strategie entwickeln. In einem zweiten Schritt könne man das Gespräch mit 031 suchen, findet Andreoli. «Wir können den Konflikt nur beilegen, in dem wir miteinander reden.»

«Extremer Diskussionsbedarf»

Die Mediengruppe der Reitschule will sich zu diesem Vorschlag nicht äussern. Sie teilt mit, die Reitschule wolle in der aktuellen Situation mit den Involvierten diskutieren, nicht mit den Medien. Diese interne Debatte wird spätestens am 29. August stattfinden. Für dieses Datum hat die Betriebsgruppe der Reitschule zu einer Sitzung eingeladen. «Es herrscht extremer Diskussionsbedarf», schreibt sie in der Einladung, die dem «Bund» vorliegt.

Die Traktanden: «Fragen zur Eigendynamik, welche durch die Grösse der Reitschule entsteht – sowie Zusammenhalt, Kommunikation, Eigenverantwortung und aber vor allem die lähmende Lethargie, die im Moment herrscht.» Die klaren Worte dürften auch eine Folge der durch 031 mitverursachten Konflikte sein.

Falls 031 die Oberhand gewinnt . . .

Seit Monaten kursiert das Gerücht, 031 wolle seine Macht im Kulturzentrum ausbauen. Zwei Vollversammlungen wurden dieses Jahr bereits auf Anstoss von 031-Kreisen durchgeführt. TeleBärn hat darüber berichtet. Auch Sicherheitsdirektor Nause sagt: «Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass Mitglieder von 031 darauf hinarbeiten, in der Reitschule mehr Einfluss zu gewinnen.» Die Gang-Vertreter gingen dabei teils mit sehr unzimperlichen Methoden vor. «Sie versuchen, Andersdenkende einzuschüchtern oder mundtot zu machen. Ich bin besorgt über diese Entwicklung», sagt Nause. «Ich glaube, wir befinden uns an einem kritischen Punkt.» Gegenwärtig sei es noch möglich, mit der Reitschule einen konstruktiven Dialog zu führen. «Sollte aber 031 die Oberhand gewinnen, dürfte dieser Dialog sehr, sehr schwierig werden.»

Zugleich plädiert Nause dafür, die Reitschule in diesen Diskussionen «als komplexe Materie zu begreifen». Es gebe viele Leute, die sich sehr erfolgreich für Kultur engagierten und mit Flaschenwerfen und Ereignissen wie den «Tanz dich frei»-Krawallen sehr wenig am Hut hätten. Auch unter den Politaktivisten gebe es Personen, die hehre Ziele verfolgten. «Aber es gibt auch andere. Manche von ihnen sind 031 zuzurechnen.»

Doch wie kann die Politik auf das Problem reagieren? «Wir müssen versuchen, den konstruktiven Kräften in der Reitschule den Rücken zu stärken», sagt Nause. «Man muss hier genau hinschauen und sich differenzierte Lösungsstrategien überlegen.» (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2013, 08:31 Uhr

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