«Sprache allein ist keine Garantie für eine erfolgreiche Integration»

«Guten Tag, wie geht es Ihnen?»: Das ist eine der ersten Fragen, die jemand lernt, der bei Lernpunkt – der Sprachschule der Heilsarmee Flüchtlingshilfe – einen Deutschkurs besucht. Einblicke in den Alltag einer Deutschschule.

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«Ich habe die Reise gegessen, mit ganze grosse Familie.» So beschreibt ein älterer Mann sein Wochenende und löst in der Klasse Gelächter aus. «Sie haben Reis gegessen», korrigiert die Lehrerin und «eine Reise macht man». «Deutsch mittel mit Integration» heisst die Klasse, in der zurzeit neun Leute mit Migrationshintergrund Deutsch lernen. Sie gehören bereits zu den fortgeschrittenen Schülern im Lernpunkt, der Sprachschule der Heilsarmee Flüchtlingshilfe. Hier können Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge im Kanton Bern Deutsch lernen – und Integration. So steht es auch auf dem Logo der Schule.

«Die Landessprache zu sprechen, ist eine Schlüsselkompetenz, welche die Integration von fremdsprachigen Menschen enorm erleichtert», sagt Schulleiterin Nelly Aebischer. Doch neben den Sprachkenntnissen müsse auch das Verstehen der Kultur, Gesellschaft und Arbeitswelt im Vordergrund stehen. «Die Sprache allein ist keine Garantie für eine erfolgreiche Integration», sagt sie. So steht die Flüchtlingshilfe der Heilsarmee auch dem neuen Integrationsgesetz, dem der Grosse Rat vor zwei Wochen in erster Lesung zugestimmt hat, kritisch gegenüber. Mit dem Integrationsgesetz soll etwa der Besuch von Sprachkursen zur Pflicht und an die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung gekoppelt werden. Für die zweite Lesung im Kantonsparlament soll zudem geprüft werden, ob die Verpflichtung den erfolgreichen Abschluss eines Sprachkurses umfasst. Aebischer: «Integration lässt sich nicht auf Kursangebote und die Verpflichtung, diese zu besuchen, reduzieren.»

Eine sinnvolle Tagesstruktur

Wer bei Lernpunkt einen Deutschkurs besucht, tut dies freiwillig. Für Asylsuchende wird das auch mit Einführung des Integrationsgesetzes so bleiben. Sie sind vom Gesetz ausgeschlossen. Anders für Menschen aus Nicht-EU- oder Nicht-Efta-Ländern. Sie werden durch das Gesetz verpflichtet, einen Sprachkurs zu besuchen.

Doch ohne Motivation geht sowieso nichts, sagt Isabelle Blank, Bereichsleiterin Integration und Beschäftigung bei der Flüchtlingshilfe der Heilsarmee. An dieser mangle es jedoch nicht: «Das Bedürfnis, Deutsch zu können, ist bei den meisten sehr gross.» Einerseits weil die Menschen verstehen wollen, was um sie herum geschehe, und andererseits hätten sie damit eine sinnvolle Tagesstruktur, sagt Blank.

Eine Frau aus Tibet, die seit sieben Monaten Deutschkurse besucht, bestätigt das. In den ersten Monaten in der Schweiz habe sie den ganzen Tag nichts machen können. Seit sie viermal wöchentlich in die Schule kann, gehe es viel besser. Mittlerweile könne sie ein paar Brocken Deutsch und kenne die Regeln in der Schweiz. Die Tibeterin ist eine von rund 870 Personen, die jährlich das Angebot der Sprachschule mit Standorten in Bern, Burgdorf und Thun nutzen. Davon sind rund ein Drittel Frauen und zwei Drittel Männer. «Die Frauen-Männer-Verteilung spiegelt die Geschlechter-Verteilung im Asylverfahren wider», sagt Blank.

Gemeinsame Sprache ist Deutsch

Die Schüler kommen aus 57 verschiedenen Nationen, gemeinsame Sprache ist Deutsch. Von der ersten Lektion an wird nur Deutsch gesprochen, wie Anita Flückiger, eine der Lehrerinnen, sagt. «Am Anfang ist das ein Sprung ins kalte Wasser.» Sie unterrichtet die Orientierungsklasse, in der das Deutschlernen ihren Anfang nimmt. Ziel ist es, die Fähigkeiten der Menschen kennen zu lernen, um sie danach in eine ihrem Niveau entsprechende Klasse einteilen zu können. Die Wörter werden mit Bildern illustriert oder die Lehrerin fasst sich ans Herz, wenn es um das Wort Herz geht. Sie spricht ruhig und langsam. Immer wieder wird gelacht – über Fehler, über Missverständnisse, über sich selbst.

Obwohl die Lehrerin viel Zeit mit ihren Schülern verbringt, bleiben die privaten Umstände der Menschen für Flückiger im Verborgenen. Gehe es um Persönliches, seien die Leute zurückhaltend. «Die meisten kommen zum Lernen hierher und sind froh, wenn sie ihre Geschichten für einmal daheim lassen können», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 12.02.2013, 11:43 Uhr

Tag der offenen Tür

Tag der offenen Türen im Lernpunkt. Heute von 9 bis 15.30 Uhr, Effingerstrasse 53 und Stauffacherstrasse 77 in Bern.

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