Sogar die Stadtführerin findet unentdeckte Ecken

Seit einem Vierteljahrhundert führt die gebürtige St. Gallerin Ursula Arregger Touristen und Einheimische durch Berns Gassen.

Noch immer «süchtig nach Bern»: Ursula Arregger.

Noch immer «süchtig nach Bern»: Ursula Arregger.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Am Anfang hiess es: lernen, lernen, lernen - und kennen lernen. Die Sehenswürdigkeiten, Besonder- und Eigenheiten der Stadt Bern, ihre Attraktionen und Geschichte. Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Heute beherrscht Ursula Arregger nicht nur die Sprachen aus dem Effeff, sondern gibt ihr Hauptstadt-Wissen auch viersprachig weiter. In der Bundesstadt eine Ehrensache, findet die passionierte Stadtführerin aus Wohlen. Seit 25 Jahren führt sie Touristen, Schulklassen, Firmendelegationen, Staatsoberhäupter und Bern-Verliebte durch die Gassen der Zähringerstadt. Per pedes, Tram, Bus und Trottinett. Trotz unzähligen «Bern-Kilometern» sagt sie noch immer, sie sei «addicted» - süchtig danach, Bern den Leuten näherzubringen.

Ob Altstadtbummel, Münsterführung oder Rikscha-Love-Cruise: Sie mache jede der rund 25 Themen-Führungen gerne. «Alle haben ihren Charme und Reiz.» Ohnehin gleiche keine Führung der anderen: Mit immer wieder anderen Teilnehmern und Gästen sei es jedes Mal ein neues Erlebnis. Je nach «Chemie» entscheidet Arregger schon mal spontan, wie sie die Führung ausgestaltet: «Ausgehend von Fragen, Interessen und Wünschen passe ich mich den Bedürfnissen der Gäste an.» Obwohl für jede Führung eine Art Skript existiert mit Orten und Sehenswürdigkeiten, die im Rahmen der Tour besichtigt werden sollten, ergebe sich so ein gewisser Spielraum. Und das sei wichtig: Den typischen Kunden gebe es nämlich nicht. Man müsse auf den Gast eingehen und herausspüren, wo die jeweiligen Interessen lägen.

Unterwegs mit Wulff

Entscheidend seien darum nebst Sprachgewandtheit und Offenheit auch ein hohes Mass an Selbstständigkeit und Flexibilität. Nur so gelinge es, den unterschiedlichen Ansprüchen zu begegnen. Wie etwa im Herbst 2010, als der damalige deutsche Bundespräsident Wulff mit Gattin für zwei Tage in der Schweiz auf Staatsbesuch weilte. Damals flanierte Arregger mit den Honoratioren durch Bern. Nicht auf der vorgängig minutiös mit dem Protokollchef abgesprochenen Route - sondern auf einer, die sich Frau Wulff spontan gewünscht hatte. «Da muss man umdenken, umdisponieren und reagieren können.»

Ihr Flair für Gäste und Sprachen hat Arregger schon früh entdeckt. Aufgewachsen in St. Gallen, hat sie in Freiburg die Matura auf Französisch absolviert. «Daher rührt wahrscheinlich meine Liebe zu Sprachen.» Als junge Frau habe sie dann in einer international tätigen Firma in der Ostschweiz gearbeitet. Ihr sei die Aufgabe zugefallen, den ausländischen Gästen die Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu zeigen: den Säntis, die Stiftsbibliothek St. Gallen oder den Bodensee. «Ich habe das immer gerne gemacht. Von da an wusste ich, dass für mich keine Arbeit im Büro infrage kommt.»

Sie zeigt die kleinen Dinge

Wenn Arregger in die Ferien fährt - sei es ins In- oder Ausland - wird die Stadtführerin zur Geführten. Sie nehme fast immer an City-Touren teil. Schliesslich erzähle sie nicht nur gerne, sondern stelle gerne Fragen. «Es geht mir dabei darum, mehr über das Leben vor Ort zu erfahren.» Reiseführer und Broschüren enthielten viele Informationen über Land und Leute. «Aber im Gespräch erfährt man immer mehr.»

Die kleinen Dinge sind es auch, die sie den einheimischen Touristen und sogar waschechten Bernern auf den Touren durch Bern zeigt. Arregger erzählt, weshalb es verschiedenfarbige Strassenschildern in der Berner Altstadt gibt oder was es mit den «falschen Fenstern» beim Café Fédéral auf sich hat. Von Dingen eben, die zwar jeder sieht - und doch nicht wahrnimmt. Sie ist selbst schon so lange in Bern unterwegs und hat zu Hause in einem Bundesordner eine Art «Bern-Sammelsurium» angelegt, bestehend aus Zeitungsausschnitten, Zeitschriftenbeiträgen und sonst allerlei Wissenswertem über Bern. Dennoch ist Arregger überzeugt, dass Bern selbst für sie als langjährige Stadtführerin noch «unentdeckte Ecken» zu bieten hat. «Ich sehe und höre immer wieder Neues. Man weiss ja viel, aber längst nicht alles.»

Der Bund

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