«Sie war ihrer Zeit weit voraus»

An der Viktoriastrasse 63 geht ein Kapitel Berner Tanzgeschichte zu Ende: Ursula Blatter-Aeberhard öffnet ein letztes Mal die Tanzschule, die sie seit 1974, dem Tod der Gründerin Emmy Sauerbeck, geführt hat.

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Der Holzbarren an der Wand ist noch da. Der hohe, goldgerahmte Spiegel auch. Und das Klavier samt Skelett: Ursula Blatter-Aeberhard nimmt den Knochenmann vom Sockel. Behutsam, fast liebevoll hält sie ihn in der Hand: «Ich musste lange warten, bis ich ihn bekam», sagt sie. Dann dreht sie sich um und zeigt auf die zweite Figur im Raum. Eine indische Göttin. Sie steht unter einer Sonne aus goldener Alufolie neben einem uralten Plattenspieler, der offensichtlich noch funktioniert: Auf dem Teller liegt eine Vinylscheibe. Zu gern wüsste man, wie sie klingt. Man brauchte bloss den Knopf zu drücken. Der Plattenspielerarm würde sich lautlos heben und die Nadel senken. . .

«Über Mittag musste ich hier im Tanzraum immer besonders leise sein. Es ist ein Wohnhaus. So habe ich oft Tänze aus der Stille kreiert», sagt Blatter und stellt das Skelett neben die indische Gottheit. «Esoterik? Das war noch nie mein Ding», sagt die 79-Jährige – als ob sie Gedanken lesen könnte. «Die goldene Sonne hat nichts zu bedeuten. Sie ist bloss Dekoration. Ein Stück aus einer unserer Tanzvorstellungen.»

Das Skelett und die Figurine

Regelmässig bis 1982 hat die Tanzpädagogin mit ihren Schülerinnen und Schülern öffentliche Vorstellungen gestaltet. Und sie hat dafür keinen Aufwand gescheut: Die bunten, fantasievollen und zum Teil mit üppigen Ketten verzierten Kostüme, die noch in einem der Schränke im Entree hängen, hat sie alle selbst genäht. «Und die indische Figur war ein Geschenk.» Das habe in den 1960er-Jahren halt dazugehört: «Wer ‹in› sein wollte, machte eine Indienreise. Und wer ‹sehr in› sein wollte, lebte eine Zeit lang in einem Ashram. Ich habe einige dieser Moden kommen und gehen sehen», sagt sie.

Die zwei Figuren, das Skelett und die Figurine hat sie im Tanzunterricht eingesetzt. Ganz pragmatisch: «Am Skelett zeigte ich den Schülern, wie sich die Impulse im Bewegungsapparat fortsetzen. Und an der indischen Göttin demonstrierte ich die Energieströme in den Muskeln.» Die Energiearbeit sei immer zentral gewesen in ihrem künstlerischen Schaffen. Blatter arbeitete mit Entspannung und Spannung, mit Dynamik, mit dem Atem und der Agogik der Musik. «Schon im Unterricht bei Emmy Sauerbeck lernten wir, der E-Musik unbedingten Respekt entgegenzubringen», erinnert sie sich. «Bei leichter Musik durften wir unseren tänzerischen Ideen freien Lauf lassen. Ernste Musik wurde dagegen sorgfältig nach den Kriterien ‹tänzerisch›, ‹plastisch› und ‹organisch› unterschieden.»

Keine Methode, keine Regeln

Mit Ballett habe die sauerbecksche Tanzkunst, die sie gelernt und später weiterentwickelt habe, gar nichts zu tun, sagt Ursula Blatter. «Im Gegenteil: Im Tanz galt es stets, den individuellen Ausdruck und die eigene Natürlichkeit zu finden. Und die kommt nicht aus den Zehenspitzen wie im klassischen Tanz. Sondern aus der Fusssohle. Der Mensch ist ein Sohlengänger!» Dass man in der Tanzschule Sauerbeck barfuss tanzte, sei übrigens damals in Bern ein moralisches Ärgernis gewesen.

«Emmy Sauerbeck war ihrer Zeit in vielen Dingen weit voraus. Auch weil sie den Menschen in den Mittelpunkt stellte und nicht eine Methode oder Regeln. Was für sie zählte, war das Künstlerische. Nie eine Leistung.» Man möchte mehr wissen. Blatter winkt ab. Es falle ihr schwer, dieses Tanzen in Worte zu fassen. Doch dies sei ja im Grunde auch nicht nötig: «Im Tanz zählt nur der Moment, wo Tanz kreiert wird. Nur in diesem Moment ist er lebendig.»

Man habe unter Emmy Sauerbeck nie etwas aufgeschrieben und es auch nicht als ein Problem gesehen, dass Tänze «verloren» gehen. «Sie sind nicht verloren», sagt Blatter. «Man muss sie nur neu entdecken.»

Der Geist der Gründerin ist omnipräsent

Wie Blatter dachte auch Emmy Sauerbeck zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr Geist scheint in den Räumen an der Viktoriastrasse 63 immer noch omnipräsent. Wer im Hochparterre rechts die Wohnung betritt, die während 80 Jahren eine Tanzschule war, wird bis heute von ihr empfangen. An der Wand hängt ein gerahmtes Fotoporträt in Schwarzweiss.

Das Erbe ihrer Lehrerin Emmy Sauerbeck (1894–1974) hat die Bernerin Ursula Blatter-Aeberhard angetreten, nachdem sie in London an der Hilde Holger School of Contemporary Dance studiert hatte. Sie hätte als Tänzerin in England bleiben können, sagt Blatter. Doch dann sei «dieser Brief» gekommen. Ihre Mutter orientierte sie, dass Emmy Sauerbeck eine Assistentin suche. Sie habe es nie bereut, dass sie damals nach Bern zurückgekehrt sei, sagt Blatter.

In Gustav Fueters «Söller»

Sauerbecks Biografie kennt Ursula Blatter in- und auswendig. Fast so, als wäre es ihre eigene. Ein Frauenleben, das dokumentiert, wie emanzipiert sie war, damals Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Vater von Emmy Sauerbeck, August Sauerbeck, sei ein Abenteurer gewesen. Als Wollhändler aus dem deutschen Mannheim zog es ihn Mitte des vorletzten Jahrhunderts zu den Schafzüchtern in Australien. Nach der Heirat mit Marie Eysoldt, deren Eltern ein Theater besassen, liess er sich in London nieder. Der Ehe entsprangen ein Sohn und zwei Töchter.

Eine von ihnen war Emmy. Nach dem Violinstudium am Konservatorium in Zürich liess sich Emmy Sauerbeck in Zürich bei Rudolf von Laban zur Tänzerin ausbilden. Gustav Fueter, ein Berner Mäzen, der der Musik und dem Tanz sehr zugetan war, engagierte sie als Rhythmiklehrerin nach Bern. Im sogenannten Söller, dem zum Konzert- und Theatersaal ausgebauten Dachstock des Fueter-Geschäftshauses an der Marktgasse, trat sie auf. Nach der Heirat mit dem Kunstmaler Rudolf Junghans – die Ehe wurde später wieder geschieden – gründete Sauerbeck an der Junkerngasse eine eigene Tanzschule. Mit ihrer Tanzgruppe trat sie auch mit grossem Erfolg am Stadttheater auf. Und sie choreografierte u. a. die Schweizer Erstaufführung von Heinrich Sutermeisters Tanzhandlung «Das Dorf unter dem Gletscher». Ihre Aufführung von Igor Strawinskys «Petruschka» erhielt im «Bund» vom 12. Februar 1926 eine hervorragende Rezension.

1930 verlegte Sauerbeck ihre Schule an die Viktoriastrasse 63. Die Tochter des Bauunternehmers, der hier von 1926 bis 1933 angrenzend an den «Hypothekenfriedhof» baute – so wurde das Viktoriaquartier wegen der horrenden Zinslasten genannt – war Sauerbecks Schülerin. Sie vermittelte ihr das Tanzstudio im Wohnblock. Anfang der 1930er-Jahre wurde sie als Solotänzerin nach Deutschland eingeladen. Ursula Blatter erinnert sich, wie Sauerbeck ihr Jahre danach erregt von diesem einen Auftritt erzählte, bei dem in der ersten Reihe ein Nazi-Offizier sass. «Sie wollte das nie mehr erleben und verzichtete fortan auf Gastspiele in Deutschland.»

Der Abschied tut ihr nicht weh

Im Hochparterre an der Viktoriastrasse 63 ist die Zeit stehen geblieben. Ursula Blatter-Aeberhard hat die Räume belassen, wie Emmy Sauerbeck sie vor mehr als einem halben Jahrhundert geschaffen hat. Im Entree gibt es das «Büro», ein einfaches Wandtischchen mit nostalgischem Telefon. Der behäbige Apparat hat eine Wählscheibe mit Löchern und eine Gabel, auf der der schwarze Bakelit-«Knochen» (Hörer) liegt. Den findet man heute im Museum. Daneben die Küche – noch ganz ohne Einbauschnickschnack – einen Salon, wo die Privatstunden abgehalten wurden, eine improvisierte Garderobe mit rosaroten Wänden und senfgelben Plüschvorhängen. Und eben den Tanzraum, ein ausgeräumtes Wohnzimmer mit Ballettstangen und einem massiven Korkboden: «Das Beste, was man damals haben konnte.»

Per Ende Juni schliesst die Schule. Der Abschied tue ihr nicht weh, sagt Ursula Blatter-Aeberhard. Auch wenn sie bedauere, dass ein Stück Tanzgeschichte damit für immer abgeschlossen sei. «Die Zeiten haben sich geändert. Der Ausdruckstanz wird nicht mehr verstanden. Heute steht das Rhythmische im Vordergrund.» Das Skelett wird sie heimnehmen auf den Belpberg, den Buddha auch. Und das Namensschild. Verloren hängt es an der Hausfassade über den Briefkästen. Ein letztes Zeichen einer vergangenen Zeit. Ab morgen ist sie nur noch Erinnerung. (Der Bund)

Erstellt: 30.06.2012, 16:01 Uhr

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