Seriensieger Amstutz wird von Stöckli abgefangen

Werner Luginbühl (BDP) und Hans Stöckli (SP) vertreten den Kanton Bern künftig im Ständerat. Adrian Amstutz (SVP) wird abgewählt. Alexander Tschäppät kann in den Nationalrat nachrutschen.

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Dölf Barben@DoelfBarben

Was Adrian Amstutz bereits am 23. Oktober, nach dem ersten Wahlgang, ahnte, hat sich gestern bewahrheitet: Er ist als Bisheriger, der bloss fünf Monate im Ständerat sass, abgewählt worden. Gegenüber dem ersten Wahlgang holte er zwar noch 2437 zusätzliche Stimmen. Das reichte aber nie und nimmer aus, um seinen Vorsprung von 14'717 Stimmen auf SP-Mann Hans Stöckli ins Ziel zu retten. Der ehemalige Bieler Stadtpräsident steigerte sich um über 38'000 Stimmen. Sogar ein halb so grosser Zuwachs hätte für ihn gereicht. Im ersten Wahlgang lag die Stimmbeteiligung bei 50,7 Prozent, gestern bei 46,8 Prozent.

Vom grossen Sieger, dem Bisherigen BDP-Ständerat Werner Luginbühl, sprach gestern schon fast niemand mehr. Bereits um 14 Uhr, nachdem die ersten Ergebnisse bekannt gegeben worden waren, stand fest, dass genau dies eintraf, was nach seinem überraschend guten Resultat im ersten Wahlgang alle erwartet hatten: Ihm flossen von allen Seiten Stimmen zu. In sämtlichen Wahlkreisen gewann Luginbühl – zum Teil massiv – Anteile hinzu. Allein im Wahlkreis Bern-Mittelland steigerte er sein Resultat um über 37'000 Stimmen. All die Wahlempfehlungen, die für ihn abgegeben worden waren – sogar von den Grünen –, hatten offensichtlich Wirkung gezeigt. Nach einem solchen Tag sei er mehr als zufrieden, sagte Luginbühl. Obschon er angenommen habe, über eine gute Ausgangsposition zu verfügen, sei letztlich eine Unsicherheit geblieben. Auch die ihm zugeschriebene Favoritenrolle habe er in Bezug auf die Mobilisierung der eigenen Wähler als nicht unbedingt vorteilhaft erachtet. Besonders gefreut habe er sich darüber, dass er auch auf dem Land habe zulegen können.

Ohne Chance blieb der vierte Kandidat Josef Rothenfluh von Parteifrei.ch. Weil die Auswahl mit vier Kandidaten nur noch klein war – am 23. Oktober waren es zehn Kandidaturen –, fiel für ihn doch ein beachtlicher Restposten ab.

Kein Amstutz-Exploit im Jura

Schon die ersten Hochrechnungen um 14 Uhr sagten voraus, dass Stöckli Amstutz schlagen würde. Ein Blick auf die Resultate, die bereits vorlagen, bestätigte diese Annahme: Im Oberaargau etwa vermochten Luginbühl und Stöckli ihre Anteile massiv zu steigern – während Amstutz Stimmen verlor. Sogar im Berner Oberland sprach früh alles für Stöckli. Zum Beispiel im Wahlkreis Frutigen-Niedersimmental: Während Luginbühl davonzog und sich Stöckli immerhin um gegen 2000 Stimmen steigern konnte, verharrte Amstutz mehr oder weniger an Ort und Stelle.

Unter spezieller Beobachtung stand gestern der Berner Jura. Die Wahl von Amstutz hätte dazu geführt, dass mit Jean-Pierre Graber – er war am 23. Oktober aus der grossen Kammer abgewählt worden – ein Bernjurassier in den Nationalrat nachgerutscht wäre. Hier holte Amstutz in der Tat über 1000 zusätzliche Stimmen; aber auch Stöckli legte nach – und es bleibt dabei: Der Berner Jura hat erstmals keinen Nationalrat.

Doch warum hat es Stöckli geschafft? SP-Präsident Roland Näf sagte, für ihn sei es «trotz allem eine Überraschung». Vermutlich hätten die Wählerinnen und Wähler angesichts all der politischen Herausforderungen «gespürt, dass es nun Leute braucht, die zusammen arbeiten können». Zudem sei Stöckli ein exzellenter Brückenbauer zwischen Stadt und Land. «Stöckli hat sogar in Gemeinden im Emmental Stimmen geholt, wo ich bisher glaubte, es handle sich um SP-Wüste», sagte Näf. Und weiter habe sich ausgezahlt, dass die rot-grüne Seite in dieser Wahl sehr eng zusammengearbeitet habe.

Aus Sicht von SVP-Präsident Rudolf Joder spielte der «Stadt-Land»-Aspekt womöglich die entscheidende Rolle. Dieses «geografische Argument» sei in letzter Zeit immer häufiger zu hören gewesen. Die Ansicht, die SVP hätte mit einem moderateren Kandidaten erfolgreicher sein können, teilt Joder nicht: Amstutz sei zweimal der bestgewählte Nationalratskandidat gewesen im Kanton Bern. «Von mir aus gesehen war er der Richtige.»

Ein Traumpaar in der Stadt Bern

Wie sehr die Stadt Bern gestern einen Anti-Amstutz-Wahlgang hinlegte, wird deutlich, wenn die Aufteilung der Stimmen betrachtet wird. Luginbühl erzielte mit 26'673 Stimmen in Bern weit mehr als doppelt so viele Stimmen wie im ersten Wahlgang. Wahlzettel, auf denen entweder Luginbühl/Stöckli oder Stöckli/Luginbühl steht, wurden 19'706 Mal eingeworfen. Amstutz und Luginbühl wurden bloss 4711 Mal kombiniert. Amstutz konnte sich kaum steigern: Er erreichte mit 8712 Stimmen knapp 100 Stimmen mehr als am 23. Oktober. Stöckli, der in Bern schon vor vier Wochen abgeräumt hatte, vermochte auch gestern noch um nicht ganz 3000 Stimmen auf 29 596 Stimmen zuzulegen. Das heisst: In der Stadt Bern waren es – wie vielerorts im ganzen Kanton Bern – vor allem Luginbühl und Stöckli, die von den Stimmen profitierten, die zuvor noch an andere Kandidaten wie Christian Wasserfallen (FDP) oder Alec von Graffenried (Grüne) gegangen waren.

Der Bund

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