Seit drei Jahrzehnten kommt jeder hinein

Casa Marcello

Vor dreissig Jahren wurde das Casa Marcello in der Aarbergergasse als «Homolokal» eröffnet. Während die Restaurants rund herum auf- und wieder zugingen, ist das Casa Marcello bis heute, was es immer war: ein Ort für die, die keinen andern haben.

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Es ist Mittag, das Fumoir des Casa Marcello ist voller Rauch und Menschen, und davor sitzt Peter Michel, den hier alle nur Pesche nennen, weil im Casa jeder jeden duzt, an einem Tisch und schaut zurück.

Vor exakt dreissig Jahren, am 1. Mai 1984, haben Pesche und seine Frau Gisela das Lokal an der Aarbergergasse 19 eröffnet. Sechs Jahre vorher waren die beiden Oberländer aus Südafrika zurückgekehrt, wo der gelernte Maschinenmechaniker zum Vizechef einer kleinen Firma aufgestiegen war. Zurück in der Schweiz, kaufte das Paar zusammen mit einem Partner das Hotel Hirschen an der Genfergasse. Alle drei Kellner dort waren homosexuell, und sie sagten zu Pesche und Gisela: «Macht doch ein Restaurant auf für uns.»

Das taten die beiden: Sie übernahmen an der Aarbergergasse das Lokal, das bis dahin «España» geheissen hatte, nannten es zu Ehren des Hausbesitzers, der Marcel hiess, Casa Marcello. Über den Tischen hängten sie rote Plakate auf: «Dies ist ein Homolokal. Wenn es Ihnen nicht gefällt, beehren Sie uns bitte nicht.» Es war das erste offiziell lesben- und schwulenfreundliche Restaurant der Stadt.

Pesche, erinnerst du dich noch an den Eröffnungsabend?
Ein bisschen. Eigentlich sah es hier aus wie heute. Die Tische sind noch dieselben. Es war pumpenvoll an diesem Abend, sicher hundert Leute, Schwule, Lesben, meine Frau und ich. Danach haben wir immer an den Samstagen Misswahlen veranstaltet, an denen sich die Männer als Frauen verkleidet haben.

Waren das wilde Feste?
Wild nicht unbedingt, einfach anders, schwuler. Die haben das zelebriert, sich selbst darzustellen. Die Kellner servierten mit nacktem Hintern. Ich fand es lustig. Jeder soll leben, wie er will. Die ersten vier, fünf Jahre war das Casa ein reines Homolokal.

In den ersten Jahren wirtete meist Gisela im Casa Marcello. Danach schaute sie vor allem zu den heute 36 Jahre alten Zwillingen Diana und Daniel, und Pesche kümmerte sich um das Casa Marcello. Er hatte einen Vorsatz: Jeder, der sich zu benehmen weiss, sollte willkommen sein. Pesche kannte viele Leute vom Bau, und nun kamen auch sie. Die Wirtschaft lief auf Hochtouren damals, in den frühen 1980ern, die Akkordmaurer verdienten gutes Geld und setzten es im Casa Marcello in Bier um. Der Umgang wurde rauer, die Homosexuellen-Szene suchte sich neue Orte.

Das Letzte seiner Art

Dann, zu Beginn der Neunziger, den Zeiten der offenen Drogenszene im Kocherpark, kamen vermehrt auch Drogensüchtige – auch wenn es in der oberen Altstadt damals noch andere Lokale gab, in denen sie willkommen waren: die Traube, den Braunen Mutz, den Halbmond, den Löwen. Alle vier gibt es nicht mehr, mittlerweile ist das Casa Marcello das letzte Restaurant in der Stadt, in das jeder hineinkommt, der sich an die Regeln hält: keine Gewalt, kein Drogenkonsum und kein Drogenhandel im Lokal. Es ist der einzige Ort, an dem man sich sein mitgebrachtes Essen aufwärmen lassen kann, wenn man knapp bei Kasse ist, wo Sandwichs gratis verteilt werden.

Überhaupt gibt es ausser dem Casa Marcello in der Aarberger- und der Neuengasse kein einziges Lokal, das seit dreissig Jahren vom gleichen Wirt betrieben wird. Über 25 Restaurants kommen Pesche in den Sinn, die in dieser Zeit rund um das Casa Marcello herum zumachten. Beizen mit schönen Namen: Mandarin, Affenkasten, Genferstube, Elegance, Friscobar, Stärnepintli. Und die wenigen Restaurants, die schon vor dreissig Jahren da waren und es heute noch sind, haben den Pächter gewechselt. Nur Pesche ist immer noch da – am Wochenende zumindest. Unter der Woche schaut mittlerweile Tochter Diana im Casa Marcello zum Rechten.

«Schade, gibt es das Casa noch»

Das Casa Marcello sei das letzte Lokal in Bern, in dem man noch «etwas streng riechen, etwas lauter sein» könne, sagt Isa Calvo von der kirchlichen Gassenarbeit Bern, die regelmässig hier zugegen ist. Für Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) ist das Casa «ein Farbtupfer», sagt er, eine Stadt brauche solche Orte.

Bernhard Hüsser dagegen, der gegenüber das Feinschmeckerlokal Moléson betreibt, sagt: «Es ist schade, dass es das Casa immer noch gibt.» Er habe «Riesenmühe» damit, dass man Peter Michel dafür feiere, dass er gratis Essen abgebe und niemanden vor der Tür stehen lasse. «Dabei», sagt Hüsser, «betreibt er oben ein Puff und lässt sich unten das Bier mit Sozialgeld bezahlen.» Mehr noch als Peter Michel rege ihn die Stadt Bern auf, sagt Hüsser. Wenn sie endlich die Öffnungszeiten der Drogenanlaufstelle verlängerten, würden sich die Drogensüchtigen nicht mehr im oder vor dem Casa versammeln und seine Gäste abschrecken, glaubt er.

Pesche, was sagst du zur Kritik von vis-à-vis?
Sie kümmert mich nicht. Er soll sagen, was er will. Ich lebe mein Leben. Was kümmert sich die stolze Eiche, wenn sich ein Wildschwein an ihr reibt? Ich betreibe kein Bordell, ich vermiete einfach die Wohnung. Die Frauen in den oberen Stöcken waren schon da, als ich das Haus gekauft habe. Und ich werfe sie sicher nicht hinaus. Wo sollen sie denn hin?

Warum gibt es das Casa auch nach dreissig Jahren immer noch?
Das ist schwer zu sagen. Wir waren beharrlich. Und wir hatten immer geöffnet. In den dreissig Jahren war das Casa genau einen einzigen Tag geschlossen.

Du hast stets gesagt, bis zum 30-Jahr-Jubiläum wolltest du weitermachen. Nun ist es so weit. Wann gibst du das Casa ab?
Jahrelang mache ich es sicher nicht mehr. Ich bin jetzt 65, ein alter Mann, und Diana hat ein kleines Kind. Vielleicht finden wir jemanden, der das Casa weiterführt. Das Konzept müsste einfach unsere Angestellten irgendwie integrieren. Die haben alle ihre Geschichte und fänden nicht einfach so einen neuen Job.

Das Casa soll also eine Beiz bleiben?
Ich hoffe es. Unser Sohn Daniel braut ja sein eigenes Bier, und es wäre schön, wenn er es auch weiterhin hier anbieten könnte. Ich möchte schon, dass das Casa eine Beiz bleibt und nicht ein Schuhladen wird.

Wird dir das Casa fehlen, wenn du einmal nicht mehr hier wirtest?
Ja, das Leben wird sicher eintöniger. Anders als Gisela, die viel reist, gehe ich nie in die Ferien. Und ich habe auch kein Interesse an Ferien. Ich war einmal drei Wochen in Amerika. Das war genug.

Hat es dir dort nicht gefallen?
Doch, aber hier gefällt es mir genauso gut.

Am Donnerstag feiert das Casa Marcello seinen 30. Geburtstag: Alkoholfreie Getränke sind umsonst, Pesche verköstigt die Gäste mit Kartoffelsalat und Wienerli, und das von Sohn Daniel gebraute Bier gibt es zum Preis von 1984: für zwei Franken.

Der Bund

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