Schwulen- und Lesbenpartys: «Bern hat definitiv einen Mangel»

Party-Sterben: In der homosexuellen Szene hat sich das Ausgeh-Angebot in letzter Zeit stark ausgedünnt. Es sei nun an der jüngeren Generation, Initiative zu zeigen, finden bisherige Organisatoren.

Partyszene: In der Stadt Bern gehen die Angebote für Homosexuelle zurück.

Partyszene: In der Stadt Bern gehen die Angebote für Homosexuelle zurück.

(Bild: Adrian Moser)

Gianna Blum

Sie heissen Gentleboyz, Julius und Seite 69. Oder ComebackBar, Samurai und ganz nüchtern Frauenraum. Die Rede ist von Partys und Bars, die ein bestimmtes Publikum im Auge haben: Die Berner Homosexuellen. Wer auf die Website von Gay Bern geht, erhält den Eindruck, dass es – im Verhältnis zur Berner Partyszene im Allgemeinen – durchaus einige Angebote in Sachen lesbisch-schwules Nachtleben gibt.

Wie eine Nachfrage zeigt, täuscht der Eindruck aber: Von sechs in der Stadt Bern aufgelisteten Partys finden drei bereits nicht mehr statt oder werden bald nicht mehr stattfinden. «Am Wochenende gibt es zunehmend weniger Partys», bestätigt Terry Loosli, der mit Freunden zusammen die allmonatliche Gay-Party Seite 69 im Kapitel organisiert. «Letztes Jahr gab es vergleichsweise mehr Angebote», sagt Loosli und nennt als Beispiele etwa die Gay-Partys Amor oder Julius, die beide zurzeit nicht mehr stattfinden.

Lorbeerkranz und Lendenschurz

Bei der Julius-Party etwa haperte es beim Lokal. Die Schwulenparty, die sich zumindest ästhetisch dem römischen Stil – Lorberkranz und Lendenschurz inklusive – verschrieben hatte, war lange Zeit im Du Nord in der Lorraine zuhause. Nach 20 Ausgaben begannen die Organisatoren Marco Arn und Christian Dünner aber, sich nach einer neuen Lokalität umzusehen. Und wurden in der Café-Bar Schichtwechsel im Liebefeld fündig.

«Im Schichtwechsel haben wir insgesamt drei Julius-Partys organisiert», sagt Marco Arn gegenüber DerBund.ch/Newsnet, danach sei wegen Bewilligungsproblemen Schluss gewesen. Letztlich sei die wenig zentrale Lage im Liebefeld ohnehin nicht optimal gewesen. «Für den Moment haben wir Julius ad acta gelegt», sagt Arn, denn zur Zeit hätten er und sein Mitorganisator andere Projekte am Laufen. Erst im Herbst können sie sich eine Neuauflage vorstellen.

Andere Anlässe haben ihr Leben dagegen vollständig ausgehaucht, etwa die Amorparty im 5ème étage oder die Queer Disco im Partylokal LeCiel. «Das Problem ist, dass die Abwanderung gross ist», sagt Terry Loosli. «Viele Schwule gehen nach Zürich in den Ausgang, oder ziehen gleich dort hin. Es ist die etwas ältere Generation, die in Bern bleibt.»

Lesben tanzen anders

Ein Interesse an spezialisierten Angeboten sei in Bern aber durchaus vorhanden, darin sind sich Arn und Loosli einig. «Grundsätzlich gibt es in Bern kaum Orte, an denen man sich als Schwuler nicht wohl fühlt», findet Marco Arn. «Aber wenn man jemanden kennenlernen will, ist das an einer Schwulenparty natürlich einfacher. In Bern gibt es hier definitiv einen Mangel».

Ähnlich sieht es für lesbische Partygängerinnen aus. Was bei der Homosexuellen-Agenda Gay Bern auffällt: Sehr wenige der aufgelisteten Anlässe richten sich explizit an homosexuelle Frauen; in der Stadt Bern findet sich als Anbieter bald nur noch der Frauenraum in der Reitschule. Und auch hier ist das spezifische Angebot dünn: «Wir organisieren viele Anlässe, die sich explizit an Frauen richten, ganz egal, was sie für eine sexuelle Orientierung haben», erklärt Lea Bill vom Frauenraum auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. «Für lesbische Frauen gibt es auch schweizweit nur wenige Angebote», sagt sie.

Eine Einschätzung zu Ursache und Wirkung sei schwierig. Möglicherweise hätten sich die Frauen mit dem Mangel an spezialisierten Angeboten arrangiert und gingen deshalb an Partys, die sich sowohl an homosexuelle Frauen wie auch an Männer richteten, wie etwa an den BARometer im Frauenraum oder den Tolerdance im ISC.

Ins Gewicht fällt hier das baldige Ende der «Welle – Disco und Bar für die Frau» im Kulturhof Köniz, mit der es nun nach 16 Jahren zu Ende geht. Nicht die Nachfrage sei das Problem, sagt Welle-Organisatorin Monika Weyer gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Partys mit Musik der 70er bis 90er erfreuten sich immer grosser Beliebtheit, sagt sie, «aber man kann nicht jahraus jahrein immer dasselbe machen.» Daher sei es zumindest mit der regelmässigen Frauendisco für den Moment zu Ende: «Wir machen jetzt erst mal Pause», sagt Weyer. «Letztlich ist es auch eine finanzielle Frage – im Gegensatz zur anderen Angeboten war die Welle immer rein privat organisiert.»

«Die Jungen motivieren»

Kommerziell gesehen lohne es sich in Bern kaum, spezielle Angebote für Homosexuelle zu schaffen, findet auch Terry Loosli: «Bern hat immer davon gelebt, dass Einzelne die Initiative ergriffen haben», erklärt er. «Viele machen ihr Ding und hören dann irgendwann damit auf – und dann fehlt es an Ersatz.» Die jüngere Generation sei es sich gewohnt, zu konsumieren. Sie engagiere sich weniger. «Wir Älteren müssen uns hier bemühen, die Jungen abzuholen und zu motivieren», findet Loosli.

Die Schwierigkeit, die jüngere Generation zu mehr Eigeninitiative in Sachen Partyorganisation zu motivieren, kennt auch Monika Weyer. «Ich habe aber das Gefühl, dass der Rückgang temporär ist», sagt sie. «Wenn die Angebote einmal nicht mehr da sind, wird man schon merken, dass etwas fehlt.»

DerBund.ch/Newsnet

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