Schaden soziale Medien wie Twitter und Co. Politikern im Wahlkampf?

Auch im Netz müssen sie sich bewähren: Social Media birgt für Politiker Chancen und Risiken.

Soziale Medien wie Twitter und Facebook bieten keine Garantie für einen erfolgreichen Wahlkampf.

Soziale Medien wie Twitter und Facebook bieten keine Garantie für einen erfolgreichen Wahlkampf.

(Bild: Valérie Chételat)

Der Stadtberner CVP-Parteipräsident Michael Daphinoff darf sich seit kurzem auch zu den Politikern zählen, die ins Fettnäpfchen der sozialen Medien getreten sind: Mit einer dummen Äusserung zu den «auffällig männlichen Gesichtszügen» der Berner Stadträtin Lea Kusano (SP) hat er sich ins Abseits gezwitschert. Der «Blick am Abend» hatte den Twitter-Eintrag diese Woche publik gemacht und damit ein Medienecho ausgelöst.

Daphinoff ist nicht der Erste, der im sozialen Netzwerk ungeschickt agierte. Der bekannteste Fall in der Schweiz sorgte im vergangenen Juni für Aufruhr, als Alexander Müller, Vorstandsmitglied einer SVP-Kreispartei im Kanton Zürich, einen Eintrag via Twitter ins Netz stellte: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht . . . diesmal für Moscheen.»

Verpassen Politiker ihre Chancen?

Lange herrschte die Meinung vor, Politiker würden es durch fehlendes Engagement verpassen, in sozialen Netzwerken ihre Wahlchancen aufzubessern. Ist das wirklich so? Oder schaden die Aktivitäten in sozialen Medien in einem Wahlkampf gar mehr, als sie nützen? Nick Lüthi, Journalist und Experte für Social Media, findet, Twitter und Facebook hätten grundsätzlich ihre Tücken.

Man sehe es an aktuellen Fällen, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken für Politiker, die damit wenig vertraut sind, mehr Risiken birgt, als Chancen bietet. «Wenn jemand in einen Fettnapf tritt, zieht das schnell weite Kreise.» Ins gleiche Horn bläst auch Journalist und Social-Media-Kenner Konrad Weber: «Man kann sehr viel verlieren mit Twitter. Das sieht man bei den vielen Politikern, die sich ins Out getwittert haben. Ihre Karriere haben sie mit 140 Zeichen beendet.»

Sollten sich die Berner Politiker im Wahlkampf also mit Äusserungen in sozialen Medien zurückhalten? Ein Blick auf die Twitter- und Facebook-Aktivitäten der hiesigen Stadtpolitiker zeigt, dass sie durchaus aktiv sind – zumindest einige. Während manche Stadtparlamentarier in sozialen Medien durch Abwesenheit glänzen, twittern andere täglich, einige sogar stündlich.

Berner Twitter-Politiker

Bestes Beispiel ist Stadtrat Manuel C. Widmer (GFL). Er ist einer der aktivsten Stadträte in den sozialen Netzwerken. Widmer schätzt das Medium im Web, weil es unmittelbar sei und auf Beiträge schnell reagiert werde. Wenn er ein Statement platziere, «gehen die Reaktionen von Bravo bis Arschloch». Aber solche Aussagen seien in den sozialen Medien durchaus erlaubt, findet er. «Solange dann auch Diskussionsbereitschaft besteht.»

Ausserdem sei im Netz, verglichen zur realen Welt, eine gewisse Anonymität vorhanden: «Da ist man viel ehrlicher als sonst.» Deshalb sieht er Twitter als optimale Möglichkeit, «die Fühler nach guten Ideen auszustrecken», die man politisch einbringen könnte. Auch stets mit Äusserungen auf Twitter vertreten ist Stadtrat Michael Köpfli (GLP). Er sieht einen Vorteil von sozialen Netzwerken vor allem in der Kommunikation gegen aussen: «Man kommuniziert mit einer breiten Öffentlichkeit und kommt mit Leuten in Kontakt, die man sonst gar nicht kennen würde.»

Plattform für junge Politiker

Soziale Netzwerke seien ein Sprachrohr, vor allem für jüngere Politiker, sagt Weber: «Die Politiker können so eigene Themen setzen und mit ihrer Wählerschaft in Kontakt bleiben.» Und auch Lüthi erklärt, dass Twitter und Facebook als direkte Kanäle eine ungefilterte Kommunikation ermöglichten. Jedoch sollten die nicht überbewertet werden: «Das Engagement in Twitter und Facebook kann das Tüpfelchen auf dem i einer bereits erfolgreichen Wahlkampagne sein.»

Politiker, die im Wahlkampf noch kurzfristig mit Präsenz in den sozialen Medien Stimmen ergattern möchten, können nicht mit Erfolg rechnen: «Vor den Wahlen noch schnell ein Twitter-Profil anzulegen, funktioniert nicht», sagt Lüthi. Wichtig sei schliesslich der richtige Mix. Nur politische Parolen zu veröffentlichen, wäre falsch: «Politiker sollten in den sozialen Medien auch als Menschen greifbar sein. So können sie Sympathien gewinnen, die im Einzelfall vielleicht sogar den Ausschlag für einen Wahlentscheid geben.»

Der Bund

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