«Sämtliche möglichen Erben Gurlitts müssen angefragt werden»

Christoph Schäublin, Präsident des Kunstmuseum-Stiftungsrats, bedauert die Verzögerung des Gurlitt-Erbes. Für die Finanzierung der neu geschaffenen Forschungsstelle verhandelt Schäublin auch mit der öffentlichen Hand.

Der Trubel – hier bei der Pressekonferenz in Berlin – hat sich noch nicht gelegt.

Der Trubel – hier bei der Pressekonferenz in Berlin – hat sich noch nicht gelegt.

(Bild: Keystone)

Marcello Odermatt@cellmob

Herr Schäublin, das Kunstmuseum Bern wird, wie bereits vermutet wurde, bis auf weiteres das Erbe Gurlitts nicht antreten können. Was ist der Grund?
Eine Cousine des verstorbenen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt hat das Testament, in dem seine Sammlung an das Kunstmuseum Bern übertragen wird, angefochten.

Wie kommentieren Sie diese Ausgangslage?
Es ist das Recht jedes gesetzlichen Erben, ein Testament anzufechten. Wir müssen uns damit abfinden. Wir hatten gehofft, dass das Verfahren zu einem schnellen Ende kommt – mit einem positiven Entscheid für Bern. Nun zeigt sich, dass das Verfahren längere Zeit in Anspruch nehmen könnte. Muss es zwar nicht, aber die Situation könnte für uns beschwerlich werden.

Ist es möglich, dass das Kunstmuseum Bern das Erbe am Schluss nicht bekommt?
Damit rechnen wir nicht. Nach unserer Auffassung ist das Testament wasserdicht. Der Erblasser, Gurlitt, war voll testierfähig, als er das Testament aufsetzte. Dies bestätigen zwei Gutachten zu Lebzeiten sowie die notarielle Beglaubigung des Testaments. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Anfechtung durch die Cousine erfolgreich sein wird.

Insbesondere werden Werke, deren rechtmässige Erben bereits bekannt wären, ebenfalls nicht zurückgegeben werden. Was heisst das für diese Leute?
Es handelt sich dabei um ältere Erben von Juden, die damals unrechtmässig durch das deutsche Naziregime ihr Kunstgut verloren haben. Diese Leute müssen nun noch länger auf diese Bilder warten. Die Restitution wäre eigentlich sofort möglich gewesen, nachdem wir mit Deutschland und Bayern die Vereinbarung abgeschlossen hatten. Da wir das Erbe noch nicht antreten können, bleibt es in der Verfügung des Nachlassverwalters in München. Dieser ist nun gezwungen, sämtliche möglichen Erben Gurlitts anzufragen. Er muss ihre Zustimmung einholen, um das Erbe nach Bern zu schicken. Dabei geht es um Fragen der Haftung, der Steuern usw. Alles, was mit uns bereits geregelt werden konnte, muss nun mit diesen zahlreichen potenziellen Erben nochmals geregelt werden.

Um wie viele Werke handelt es sich bei diesen Restitutionsfällen?
Im Augenblick sind es deren drei, eins von Matisse, eins von Liebermann und eins von Spitzweg.

Bis wann verzögert sich das ganze Verfahren?
Ich kann keine Prognosen machen. Es kann immer noch rasch zu Ende sein. Möglich ist aber auch Herbst 2015 oder Frühjahr 2016.

Dennoch haben Sie nun bereits die Leitung einer vierköpfigen Forschungsstelle mit Herrn Professor Oskar Bätschmann vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft in Zürich beschlossen. Warum?
Damit wollen wir signalisieren, dass wir bereit sind. Sobald das Nachlassgericht in München entscheidet, können wir unseren Beitrag im Fall Gurlitt sofort leisten. Wir können nicht warten, bis das Erbverfahren beendet wird, und erst dann reagieren.

Aber Herr Bätschmann wird noch nicht viel unternehmen können?
Er wird sich sicher seine Gedanken machen, wie er das Forschungsprojekt anpacken und aufziehen will. Wir wiederum können weiter abklären, welche weiteren drei Forscher in das Gremium aufgenommen werden können. Sobald wir das Okay haben, legen wir los.

Warum Bätschmann?
Herr Bätschmann ist weltweit einer der angesehensten Kunsthistoriker überhaupt. Er verfügt über grosse Erfahrung und in seinem Fach über grosse Autorität, insbesondere gerade auch in der Provenienzforschung. Herr Bätschmann ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall.

Wird die Universität Bern bei der Forschung noch einbezogen oder nicht?
Die Universität Bern wird auf jeden Fall involviert. Im Stiftungsrat des Kunstmuseums sitzt ja auch Birgitt Borkopp-Restle, Professorin am Institut für Kunstgeschichte der Uni Bern. Mit ihr sind wir im Gespräch, wie wir die Zusammenarbeit künftig intensivieren können.

Finanziert ist die Stelle, die 6 Jahre arbeiten soll, aber erst für ein Jahr. Warum?
Wir müssen jetzt das Geld für die nächsten Jahre erst noch zusammensuchen. Wir sind auf der Suche nach potenziellen Geldgebern. Das ist bei allen Forschungsprojekten so.

Um wie viel Geld handelt es sich dabei?
Wir rechnen mit einer halben Million Franken pro Jahr.

Woher soll das Geld kommen?
Wir sind in den Gesprächen. Ich möchte die Verhandlungen ungern über die Medien führen.

Werden Sie Stadt, Kanton oder Bund auch um finanzielle Unterstützung angehen?
Auch dazu finden Gespräche statt.

Christoph Schäublin ist Präsident des Stiftungsrats Kunstmuseum Bern. Schäublin ist emeritierter Professor der Universität Bern, der er auch als Rektor vorgestanden war.

DerBund.ch/Newsnet

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