Rückenwind für Tschäppäts Reitschul-Linie

Eine Studie von Soziologe Ueli Mäder lobt die Rolle der Stadt in Sachen Reitschule. Im Gemeinderat übernimmt Stadtpräsident Tschäppät das Dossier von Sicherheitsdirektor Reto Nause.

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Matthias Raaflaub

Das Miteinanderreden sei das wichtigste Instrument, um Probleme im Umfeld der Reitschule zu lösen. Diesen Schluss zieht der Berner Gemeinderat aus einer am Donnerstag veröffentlichten soziologischen Studie zur Reitschul-Thematik. Verfasst wurde sie unter der Leitung des Basler Soziologieprofessors Ueli Mäder. Den Auftrag dazu hatte der Gemeinderat vor einem Jahr erteilt. Der Bericht kostete 50'000 Franken.

Gleichzeitig mit der veröffentlichten Studie gab der Gemeinderat auch bekannt, dass das Reitschul-Dossier ab sofort nicht mehr vom städtischen Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) geleitet wird. Nause hat die Verantwortung an Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) übergeben. Dies ist laut dem Gemeinderat im Rahmen eines vereinbarten Rotationsprinzips geschehen. Während es aus dem Gemeinderat heisst, Nauses Abtritt habe mit der Studie Mäders nichts zu tun, so bereiten die Aussagen des Soziologen dennoch Tschäppäts künftiger Reitschul-Strategie den Boden.

Tschäppät sieht sich durch die Studie nämlich in seinem Kurs bestätigt. «Es tut mir gut, zu lesen, was ich immer schon gesagt habe: Es gibt kein Patentrezept», sagte der Stadtpräsident am Donnerstag auf Anfrage. Um den Konflikten im Umfeld der Reitschule, des Vorplatzes und der Schützenmatte beizukommen, müsse man gemeinsam Lösungen finden, miteinander reden und «aufhören, die Reitschule von links bis rechts zum politischen Spielball zu machen», sagte Tschäppät.

«Gratwanderung fortsetzen»

Tschäppät zieht aus der Studie zwei Kern­aussagen. Einerseits werde dargelegt, welche – positive – Bedeutung die Institution für Bern habe. Auch die Gegner der Institution müssten anerkennen, dass die Reitschule viele Probleme löse, welche sonst andernorts auftauchen würden. Andererseits blende die Studie aber auch die Probleme um die Reitschule nicht aus, sagt Tschäppät: «Die Gewalt und die Drogenproblematik werden benannt», sagt er. Im Ton der Studie handelt es sich dabei allerdings um gesellschaftliche Probleme, mit welchen die Stadt auch ohne die Reitschule konfrontiert wäre.

Gestützt auf über 40 geführte Interviews und den Vergleich mit anderen autonomen Jugendzentren spricht sich Soziologe Mäder auch gegen Repression als Devise der städtischen Politik aus. Auch wenn die unterschiedlichen Positionen zwischen einzelnen Exponenten der Reitschule und der Polizei zum Teil nicht überwindbar seien, gelte es, die Gespräche den Schwierigkeiten zum Trotz aufrechtzuerhalten. «Es sollte versucht werden, die Gratwanderung zwischen Kooperation und Autonomie fortzusetzen. Mit ihr hat Bern schon viel mehr erreicht als andere Städte mit einer repressiveren Politik», heisst es im Bericht.

Noch kaum Konsequenzen

Hatte die Stadtverwaltung im Vorfeld noch in Aussicht gestellt, dass der Gemeinderat gestützt auf die Studie «Massnahmen zur Verbesserung der Situa­tion rund um die Reitschule ergreifen» wolle, so waren am Donnerstag noch kaum konkrete Konsequenzen absehbar. Voraussichtlich brauche es aber «viele kleinere und grössere Massnahmen», um die Probleme zu entschärfen, so Tschäppät. Was für ihn klar ist: «Wer sagt, man muss die Reitschule schliessen, muss anerkennen, dass damit die Probleme nicht gelöst werden.» Soziologe Mäder macht im Rund 120 Seiten langen Bericht selbst einige Vorschläge. Er stellt etwa Überlegungen zur Umgestaltung der Schützenmatte an und erachtet das dortige Dealen als Problem (siehe Zweittext).

Anne Aebi vom Förderverein der Reitschule kann die Befunde der Studie nachvollziehen. Das Wichtigste sei nun, dass geklärt werde, wer beim Areal der Reitschule eigentlich wofür verantwortlich sei, sagt sie auf Anfrage. Zwar seien viele Feststellungen des Berichts nicht neu, es müsse jetzt aber an die Umsetzung gehen, sagt Aebi. Vielerorts gebe es längst Ideen, etwa zur Belebung der Schützenmatte. «Trotz vielen Anläufen hat es hier aber unglaublich lange gedauert, bis nun etwas passiert.»

Die Politik reagierte erwartungsgemäss geteilt auf die Studie. Rot-Grün feierte die Studie als Bestätigung ihrer Politik. Die Studie zeige, dass repressive Politik «dem konstruktiven Dialog zwischen Stadt und Ikur im Weg steht», teilte das Grüne Bündnis mit. Laut der SP Stadt Bern würde «eine verstärkte Repression oder gar eine Schliessung der Reitschule die Probleme verschärfen». SVP-Parteipräsident Rudolf Friedli übt auf Anfrage scharfe Kritik. Mit der Studie habe der Gemeinderat vor allem seine Verantwortung fürs eigene Denken und Handeln abgegeben. Die Studie sei «Mumpitz», so Friedli. «Im Bericht stehen lauter Binsenwahrheiten.» So sei schon seit mehreren Jahren klar, dass der Dialog nicht mehr funktioniere, selbst wenn ein solcher wünschbar wäre.

Zum Nachlesen: Hier geht es zur Reitschul-Studie.

DerBund.ch/Newsnet

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