Rasende Kuriere, verkaterte Schweden und Velo-Tattoos

Statt Blutproben transportierten sie Schuhschachteln: 180 Velokuriere massen sich am Wochenende in der Lorraine.

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Bunte Fähnchen flattern über der Lorrainestrasse im Wind. Musik dröhnt aus den Boxen bei der ehemaligen Serini-Garage, wo eine Bar, eine Küche sowie ein Sanitätsposten eingerichtet worden sind. Schweissgeruch liegt in der Luft. «Achtung, Achtung, Hund auf der Fahrbahn», ruft jemand. Schon rasen die ersten Velokuriere ins Ziel, kippen ihr Gefährt auf die Strasse und klauben mit zittrigen Händen das «Qualification Manifest» unter dem Leibchen hervor, mit dem sie sich einen Platz auf der Rangliste sichern. Und zwar jener der 18. Velokurier-EM, die am vergangenen Wochenende in Bern ausgetragen wurde.

180 Teilnehmende aus zehn Ländern sind angereist. Sie stammen aus Budapest, Glasgow, Granada und Mailand und tragen T-Shirts mit der Aufschrift Checker Express, Fliege oder Veloblitz. Mit sechs Kollegen angereist ist auch Klemens Tschurda vom Radkurier Karlsruhe. Eben dreht er, der sich den Kurier-Spitznamen Pustefix gegeben hat, noch eine Zigarette. «Damit grenzen wir uns von anderen Sportarten ab», sagt er und lacht. Zwar könne man es als Radkurier nicht mit Profi-Rennfahrern aufnehmen, «besser als die Mountainbiker sind wir aber allemal. Die wissen nicht mal, wie man mit dem Autospiegel umgeht.» Damit spielt er auf die Mountainbike EM an, die ebenfalls am Wochenende in Bern stattfand. Velokurier sei man aus Leidenschaft. Man glaubt es ihm sofort. Auf seinem Handgelenk prangt ein Velo-Tattoo.

Mit dem Tandem unterwegs

An den 14 Checkpoints zwischen Holzlabor und Veloplus herrscht Hektik. Dorthin fahren die Kuriere, um ihre fiktiven Aufträge abzuwickeln – mit bis zu 40 Stundenkilometern Tempo. Es gilt, die Aufgaben so schnell wie möglich zu lösen und die Routen geschickt zu kombinieren. Beim Atelier am Randweg müssen sie etwa eine Speiche abliefern und dafür eine Fotodose mitnehmen. «Fahren kann ich noch, mit der Orientierung hapert’s», sagt einer, als er sich einen Stempel aufs Blatt setzen lässt. Der Schweiss rinnt ihm übers Gesicht, an der Wade klebt Kettenschmiere. Gelassener unterwegs sind zwie Kuriere aus Neuchâtel. Sie würden ohnehin zu den Gewinnern gehören – sie seien die einzigen ihrer Kategorie, sagen sie und radeln mit dem Tandem davon.

Schuhschachteln und Kleiderbügel statt Blut- und Gewebeproben oder Computerteile transportiert an diesem Samstag auch Verena Poncet aus Bern, die zum ersten Mal an einer EM teilnimmt. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie bei Velokurier Bern, legt pro Tagesschicht 60 bis 100 Kilometer zurück. Die Herausforderung, körperlich alles zu geben und gleichzeitig Routen, Kundennamen und Strassennummern im Kopf zu haben, gefalle ihr am Job. «Mit Velofahren Geld zu verdienen ist cool», sagt die 34-Jährige, bevor sie zum Rennen startet. «Es kommt nicht nur auf die Beine an, sondern auch darauf, wie schnell der Kopf ist.»

Velokuriere gegen die Arbeitslosigkeit

Pech gehabt haben die Velokuriere von Ryska Posten aus Stockholm. Ihre Räder sind in Berlin verloren gegangen. Jetzt habe er einen Kater, weil er sich aus Frustration am Vorabend betrunken habe, sagt der Mann namens Kalle. Das Rennen lassen er und seine Kollegen dennoch nicht aus, sie haben Ersatzvelos und Helme ausgeliehen bekommen. Neben den Stockholmern stehen zwei Velokuriere aus Barcelona und feuern einen Kollegen an. Sie seien als Zuschauer angereist, weil es zu teuer sei, die Velos mit dem Flugzeug zu transportieren. In Spanien boome der Job der Kuriere. Immer mehr junge Arbeitslose würden sich als selbständige Kuriere versuchen, so etwa auch zwei seiner Kollegen, studierte Architekten, sagt Joaquin Menéndez.

Mittlerweile riecht es rund um die Serini-Garage nach Spätzli. Quartierbewohner sitzen am Strassenrand und essen Glace oder bleiben auf dem Weg zum Einkauf stehen. Ihr Mann habe zwar 30 Minuten früher zur Arbeit fahren müssen, weil die Strassen für Autos gesperrt worden ist. «Aber der Anlass ist sehr lustig», sagt eine Frau.

Der Bund

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