Quereinsteigen mit dem Imbisswagen

In den USA sind sie auf dem Vormarsch: So genannte «Food Trucks», die als mobile Restaurants ihre Waren am Strassenrand verkaufen. Auch in Bern versuchen sich erste Quereinsteiger mit Essenswagen.

  • loading indicator
Gianna Blum

Im Februar zeigt sich der Berner Winter für einmal von seiner sonnigen Seite, und beim mobilen Hot-Dog-Stand «Phil’s» am Ende der Lorraine-Brücke stehen die Hungrigen Schlange. Guen Koepplins Grill ist mit Würsten fleischlicher wie veganer Art voll belegt – er wird, auch dank dem sonnigen Wetter, alle verkaufen.

Einmal pro Woche stellt Koepplin seinen Hot-Dog-Stand «Phil's» bei der Lorrainebrücke auf. Er träumt aber davon, einen alten UPS-Lastwagen zu kaufen und ihn zu einem mobilen Imbisswagen umzubauen, einem so genannten «Food Truck». Das Konzept kennt Koepplin aus den Staaten, wo die mobilen Restaurants an jedem Strassenrand stehen und Fast Food verkaufen, allerdings Fast Food mit Anspruch. Der Hype reicht sogar bis zu einer Reality-Show, betitelt mit «The Great Food Truck Race», wo sich Imbisswagen im Wettbewerb messen.

«In der Schweiz gibt es Asiatisch, Kebab und vielleicht den ‹Güggeli-Maa›», sagt Koepplin, «mir fehlt dagegen der ‹Soul Food›, Fast Food, den man mit gutem Gewissen essen kann.» Wie beim amerikanischen Vorbild bezieht Koepplin seine Produkte aus der Umgebung, macht Saucen und Beilagen selbst und achtet auf biologische Herstellung.

Wenig Hürden für mobile Take-Aways

Auf ein ähnliches Konzept setzen auch Oktay Kureyshi und Nando Portmann mit ihrer «Lunchbox»: Sie haben in Eigenregie einen alten Anhänger umgebaut, und verkaufen in Berns Vororten aus ihrem Imbisswagen Cevapcici im eigens für sie hergestellten Bio-Brot. «Ursprünglich wollten wir einen festen Standort», sagt Oktay Kureyshi, «uns war das finanzielle Risiko aber zu hoch.» Die Idee mit dem Imbisswagen sei so aus der Not entstanden. «Jetzt stellen wir fest, dass der mobile Imbisswagen eine viel bessere Idee ist», meint Kureyshi zufrieden. Inzwischen kann er sich einen festen Standort nicht mehr vorstellen – schon eher, in einen zweiten Wagen zu investieren.

Der Vorteil an den Imbisswagen: Wenn die «Food Trucks» auf privatem Grund stehen, und keinen Alkohol verkaufen, braucht es abgesehen von einem Hygienekonzept und der Zusammenarbeit mit dem Kantonslabor keinerlei Bewilligungen. So sagt auch Marc Heeb, Leiter der Orts- und Gewerbepolizei: «Wenn einer kommt und auf privatem Grund Take-Away-Essen verkaufen will, wünsche ich ihm nur guten Appetit.»

Tücken der Standortsuche

Die Grundstücksuche ist denn auch die Herausforderung für die mobilen Essensverkäufer. «Privatpersonen zu finden, die den Verkauf auf ihren Grundstücken erlauben, ist nicht so schwierig», meint Kureyshi von der «Lunchbox». «Schwierig ist eher, ein Grundstück zu finden, das in einer Gegend ist, in der es viele Büros gibt.» Denn gerade in Industriegebieten seien die Leute froh, wenn jemand mal ein anderes Mittagessen anbietet.

«Schwierig wird es erst, wenn man in die Innenstadt will», sagt auch Guen Koepplin von «Phil's». Auf öffentlichem Grund braucht es eine Bewilligung der Orts- und Gewerbepolizei für den Take-Away-Verkauf, in der Stadt Bern stehen dafür aber nur wenige Plätze zur Verfügung. Einzig auf dem Bärenplatz sind Standplätze möglich – hier ist die Warteliste laut Koepplin aber so lang, dass die Bewilligung schon Jahre voraus beantragt werden muss. Ebenfalls möglich sei ein Stand bei der Bahnhof-Vorfahrt, allerdings fällt die vergleichsweise hohe Miete ins Gewicht.

Einfaches Quereinsteigen

Sowohl Koepplin wie auch die beiden «Lunchbox»-Tüftler sind neu in der Gastronomie, beide Projekte existieren seit rund einem Jahr. «Für Quereinsteiger ist ein Imbisswagen sicher einfacher», sagt Koepplin, schliesslich sei der finanzielle Aufwand viel geringer als mit einem festen Gastro-Betrieb, man könne es leicht einfach einmal ausprobieren. Einzig für die Vorbereitung seiner Waren ist er darauf angwiesen, eine Gastro-Küche mitbenutzen zu können. «Ich glaube, in der Schweiz kann sich gar niemand vorstellen, dass so ein Imbisswagen lukrativ sein kann», so Koepplin. Es sei zwar saisonal bedingt, ob sein Stand Gewinn abwirft, magere Wintermonate werden aber mit den höheren Einnahmen im Sommer, etwa an Open-Air-Festivals, durchaus ausgeglichen. «Ich kann davon leben», sagt der «Phil's»-Gründer. In den Wintermonaten könne es finanziell zwar schon mal knapp werden, im Vordergrund stehe aber ohnehin die Freude am Projekt.

Noch nicht ganz so weit sind die Kureyshi und Portmann von der «Lunchbox». «Wir hatten die Dauer, bis der Wagen Gewinn abwirft, etwas unterschätzt», sagt Kureyshi. «Sehr gross sind die Gewinnmargen nicht.» Auf den Frühling hin planen die beiden aber, statt bisher zwei an fünf Tagen die Woche mit ihrem Anhänger umherzuziehen - und nur noch von der «Lunchbox» zu leben.

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland und Frankreich haben die «Food Trucks» Aufwind. In Genf ist das mobile Essensangebot der «Hamburger Foundation» so erfolgreich, dass die Macher inzwischen ein Restaurant eröffnen konnten. In der Deutschschweiz fasst das Konzept dagegen nur langsam Fuss. Guen Koepplin hat aber keine Zweifel, dass auch Bern und der Rest der Schweiz nachziehen werden. «Ich würde noch fünf Jahre warten», sagt er, «bei Essenstrends hinkt die Schweiz immer hinterher».

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt