Quartier will Gaskessel verschieben

Die Quartierorganisation QM3 beriet am Montag über den Testbericht zum Gaswerkareal. Knackpunkte sind nach wie vor der Standort 
des Gaskessels und die Verkehrserschliessung.

Auf der Industriebrache unter der Monbijoubrücke sollen rund 300 Wohnungen entstehen.

Auf der Industriebrache unter der Monbijoubrücke sollen rund 300 Wohnungen entstehen. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Der Verkehr, die Parkplätze, der Gaskessel: Bereits vor einem Jahr gaben diese drei Themen unter den Quartierbewohnern des Gaswerkareals am meisten zu reden, als sie über einen ersten Zwischenbericht der Planung berieten. Auf der Brache des einstigen Gaswerks, die heute als Lagerplatz dient und auf der sich in den vergangenen 40 Jahre mit der Dampfzentrale und dem Gaskessel Kulturbetriebe etabliert haben, soll eine grosse Wohnüberbauung mit rund 300 Wohnungen entstehen. Bis zum letzten Sommer war eine Testplanung durchgeführt worden. Am Montag berieten die Mitglieder der Quartierorganisation QM3 an ihrer Delegiertenversammlung über den Testbericht, der dann an den Gemeinderat geht.

Zahlreiche Anträge waren eingegangen. So wollte etwa der Quartierverein Marzili die vorgegebene Bruttogeschossfläche von 50 000 Quadratmetern um ein Drittel reduzieren. «Es geht darum, den Aareraum als öffentlichen Freiraum zu schützen», sagte Gisela Vollmer. Das schränke den Wohnraum unnötig ein, entgegnete QM3-Co-Präsident Daniel Imthurn. Der Antrag kam schliesslich nicht durch.

Auch die fehlende Verkehrserschliessung des Areals war Gegenstand der Diskussionen. Hansjörg Ryser, Präsident des Quartierleists Schönau-Sandrain, hatte bereits im Vorfeld der Veranstaltung bemängelt, es fehle an einem verbindlichen Verkehrskonzept. «Noch ist unklar, von wie vielen Parkplätzen man ausgeht», sagt er. Diese im Brückenkopf anzusiedeln, sei seiner Ansicht nach die beste Lösung. Noch unzureichend diskutiert worden sei auch die Anbindung des öffentlichen Verkehrs ans Quartier. «Die Buslinie 30 muss ausgebaut und ins Quartier gelenkt werden. Sonst liegt die nächste Haltestelle – Sulgenau – 800 Meter weit weg. Das ist unzumutbar.» Auch seien zusätzliche Lifte am Brückenkopf nötig. All diese Punkte seien in der Gesamtschau untergegangen.

Gaskessel unter Brücke nicht ideal

Zu reden gab zudem das Jugend- und Kulturzentrum Gaskessel. Die Delegierten einigten sich darauf, diesen innerhalb des Areals zu verschieben, da er für die Nachtnutzung ungeeignet sei. Francisco Droguett, Teamleiter des Vereins Gaskessel, hatte die Resultate der Testplanung im Vorfeld kritisiert. «Wir haben den Eindruck, dass von Anfang an klar war: Der ‹Chessu› muss weg. Das ist sehr enttäuschend.» Tatsächlich war von den drei Planerbüros der Abbruch des Zentrums, dessen Verlegung unter die Monbijoubrücke oder Nutzung als Café tagsüber vorgeschlagen worden. Droguett sagt, sie seien zwar nach wie vor bereit, über einen Alternativstandort zu sprechen, «unter der Brücke ist aber nicht ideal, denn der Lärm würde sich Richtung Dalmazi- und Kirchenfeldquartier verlagern».

Die Meinungen aus dem Quartier gehen diesbezüglich auseinander. Ginge es nach René Hell, Präsident des Marzili-Dalmazi-Leists, würde der Gaskessel «an den Stadtrand verpflanzt». Der Konflikt mit den künftigen Anwohnern sei schon vorprogrammiert, der jetzige Standort sei problematisch. Dafür sieht Hell in der Verkehrsfrage weniger Probleme. «Die Leute sind heute weitgehend motorisiert.» Den Ausbau der Buslinie begrüsse er aber.

Verkehrsfrage zentral

Mit der Planung der Überbauung war die Berner Totalunternehmung und Immobilienentwicklering Losinger Marazzi beauftragt worden. Die Testplanung habe den Nachweis erbracht, «dass eine qualitative Bebauung des Areals möglich ist», sagt Alec von Graffenried, Leiter Arealentwicklung von Losinger Marazzi. «Man ist sich einig darüber, dass auf dem Gaswerkareal dicht gebaut werden soll, die Parklandschaft erhalten bleibt und die Freiräume vergrössert werden sollen.» Eine weitere Erkenntnis des Testberichts sei, dass nicht zwei-, sondern eher fünf- bis siebengeschossig gebaut werden solle. Zur Kritik bezüglich Gaskessel sagt er: «Ich habe mich persönlich immer dafür eingesetzt, dass der Gaskessel auf dem Areal bleiben kann. Wir werden weiterhin gemeinsam mit dem Gaskessel nach einer Lösung suchen.»

Allerdings zeige die Testplanung die «grossen Schwierigkeiten», die sich ergeben könnten, sollte der Gaskessel neben der Wohnsiedlung betrieben werden. Zur Kritik aus den Quartiervereinen sagt er: «Uns ist klar, dass die Verkehrsfrage für das Quartier die zentrale Frage ist.» Ziel sei deshalb eine Planung, die vom Quartier akzeptiert werde. Allerdings könne man erst jetzt ein Mobilitätskonzept erarbeiten.

Gegen die Kritik des fehlenden Verkehrskonzepts wehrt sich auch Stadtplaner Mark Werren. «Wir haben die nötigen Diskussionen geführt und viele Möglichkeiten angeschaut.» So habe sich etwa der Brückenkopf als interessante Lösung für die Parkierung herausgestellt. Man befinde sich erst in der Phase der Konzeptfindung, betont er. Aufgrund der Erkenntnisse aus der Testplanung wird der Gemeinderat noch in diesem Jahr oder Anfang 2015 die Planung an die Hand nehmen. Die Phase für die Umzonung dauert – auch wegen der amtlichen Fristen – noch etwa zwei Jahre. Erst dann findet frühestens eine Volksabstimmung zum Areal statt. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2014, 06:49 Uhr

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Für die Testplanung des Gaswerkareals erarbeiteten Planerteams aus Bern, Basel und Rotterdam in Zusammenarbeit mit Quartiervertretern, externen Fachleuten und Behördenmitgliedern innerhalb von sechs Monaten drei Projekte. Ende August präsentierten sie ihre Erkenntnisse, auf deren Grundlage nun eine Planungsvorlage erarbeitet werden soll.


Als Richtwert waren Nutzungsmasse von 50 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche formuliert worden. Zudem legte der Gemeinderat fest, dass der Schwerpunkt der neuen Nutzung dem Wohnen zugutekommen, ein identitätsstiftender Freiraum entstehen soll und der Brückenkopf West der Monbijoubrücke in die Planung integriert werden soll.



  • Team Bauart Bern schlug vor, die Überbauung an den Stadtteil 3 anzubinden. Vorgesehen sind vier 4- bis 7-geschossige Gebäude und ein öffentlicher Platz beim Brückenkopf. Die Erschliessung für den motorisierten Individualverkehr erfolgt ab Sandrainstrasse, die auf Tempo 30 ausgelegt wird. Parkplätze sollen für alle Baufelder unterirdisch angelegt werden.



  • Team Harry Gugger Studio Basel legte Wert auf die Erhaltung eines grossen, zusammenhängenden Naturraums zur Aare hin und schlug den Bau eines sechsgeschossigen «Zähringer Superblocks», eines langen Zeilenbaus entlang der Sandrainstrasse, vor. Den nördlichen Abschluss soll ein 13-geschossiger Bau bei der Monbijoubrücke bilden.



  • Team MVRDV Rotterdam schlug ein «gestapeltes Dorf» vor: Verschiedene Baukörper werden unregelmässig zueinander wie ein freies Dorf angeordnet, jedoch in verschiedenen horizontalen Schichten. Ein Schwerpunkt soll bei der Monbijoubrücke entstehen, ein Hochhaus setzt einen Akzent am Brückenkopf, wo auch parkiert wird.




Die Planerteams untersuchten auch die Option einer Schwimmhalle auf dem Gaswerk­areal. Sie kamen jedoch zum Schluss, dass dies auf Kosten der Wohnnutzung, der städtebaulichen Aufwertung des Freiraums sowie der Verkehrsentlastung des Quartiers gehen würde. Aufgrund dessen gab der Gemeinderat Anfang Juli das Gaswerk­areal als Standort einer 50-Meter-Schwimmhalle auf.

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