Pulver: «Es braucht keine neue Reformwelle»

Das Schweizer Schulsystem werde schlechter gemacht, als es eigentlich sei, sagt der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. Trotz guter Pisa-Resultate dürfe man aber nicht zurücklehnen.

«Den Buben fehlen die lesenden Vorbilder», sagt Bernhard Pulver. (zvg)

«Den Buben fehlen die lesenden Vorbilder», sagt Bernhard Pulver. (zvg)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Unser Schulsystem ist derzeit heftiger Kritik ausgesetzt. Die SVP beispielsweise wehrt sich gegen «Kuschelpädagogik» und fordert mehr Disziplin oder mehr Kopfrechnen. Ist nach den neusten Pisa-Resultaten ein Kurswechsel angesagt?

Ich bin gegenüber den Pisa-Resultaten stets kritisch eingestellt – ob sie für uns gut oder schlecht herauskommen. Pisa beurteilt nur einzelne Aspekte der Schule. Dennoch: Die Studie zeigt, die Schweizer Schule funktioniert gut. Es gibt keinen Grund, sie schlechtzureden. Die SVP-Kampagne stellt unsere Schule schlechter dar, als sie in Wirklichkeit ist. Pisa zeigt, dass es keine neue, rückwärtsgewandte Reformwelle braucht. Wir sind auf dem richtigen Kurs.

Sie sind der Testerei gegenüber kritisch eingestellt. Kann Pisa aber nicht auch zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen?

Ich bin zwar kritisch, Pisa ist aber dennoch wichtig. Die Studie gibt Hinweise, in welchen Bereichen wir Nachholbedarf haben. Gerade in der Leseförderung haben wir nach den Resultaten 2000 eine Zusatzanstrengung gemacht, die sich ausbezahlt hat. Wahrscheinlich löst die Pisa-Studie aber jeweils zu viele Reformen aus.

Bei der neusten Ausgabe lag der Fokus auf dem Lesen. Die 15-Jährigen in der Schweiz schneiden hier besser ab als noch vor zehn Jahren. Die Kantonsvergleiche liegen aber noch nicht vor. Mit welchen Resultaten rechnen Sie im Kanton Bern?

Ich hoffe sehr, dass unsere Jugendlichen ähnliche Fortschritte gemacht haben. Andere Studien zeigen bereits, dass sich die Anstrengungen zur Leseförderung gelohnt haben.

Was hat man im Kanton Bern konkret unternommen?

Wir haben zum Beispiel Bibliotheken verstärkt geholfen, die Schulen mit einer langen Liste von Beispielen zur Leseförderung bedient oder fremdsprachige Kinder und deren Eltern intensiver unterstützt.

Noch immer haben in der Schweiz doppelt so viele Jugendlicheals in Finnlandgrosse Mühe mit dem Lesen. Muss man das akzeptieren?

Die grossen Unterschiede lassen sich erklären: Finnland muss kaum Fremdsprachige integrieren. Akzeptieren können wir es aber auf keinen Fall. Es darf nicht sein, dass ein erheblicher Teil der Schulabgänger die Sprache nicht ausreichend beherrscht. Hier müssen wir weiterhin grosse Anstrengungen unternehmen.

Was tut der Kanton Bern?

Die Leseförderung habe ich bereits erwähnt. Hinzu kommt die Integration, die zwar umstritten ist, aber trotzdem Wirkung zeigt. Wenn Fremdsprachige nicht in Sonderklassen ausgesondert werden, lernen sie die Sprache besser und schneller. Wichtig ist auch die frühe Förderung. Wir führen den zweijährigen Kindergarten für alle ein und wollen mehr Tagesschulen schaffen. Nicht zu vergessen sind die Kurse in heimatlicher Sprache. Fremdsprachige Kinder, die ihre Muttersprache gut beherrschen, lernen auch besser Deutsch.

Nur 44 Prozent der Buben lesen auch in ihrer Freizeit. Bei den Mädchen sind es 68 Prozent.

Das ist bedenklich. Grundsätzlich ist das Bewusstsein in unserer Bevölkerung noch zu wenig vorhanden, wie wichtig Lesen für den gesamten Schulerfolg ist. Die Erwachsenen haben hier eine enorme Vorbildfunktion. Den Buben fehlen die lesenden Vorbilder. Viele haben das Gefühl, Lesen sei etwas für Mädchen. Vielleicht würde eine Kampagne mit lesenden Sportlern helfen.

Der Bund

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