Politischer Spätzünder setzt sich für Flüchtlinge ein

Porträt

Der Kapitän Stefan Schmidt rettete 37 Menschenleben. Seine Tat brachte ihn ins Gefängnis und machte ihn zum Menschenrechtsaktivisten.

Stefan Schmidt: Der 72-jährige Stefan Schmidt will etwas bewirken.

Stefan Schmidt: Der 72-jährige Stefan Schmidt will etwas bewirken.

(Bild: Dominique Meienberg)

Basil Weingartner@bwg_bern

Auf der letzten Fahrt vor seiner Pensionierung rettete Kapitän Stefan Schmidt vor zehn Jahren 37 Menschenleben. Die Personen waren im Mittelmeer in Seenot geraten. Schmidt widerfuhr daraufhin aber keine Heldenverehrung, er wurde erst einmal zur Persona non grata erklärt: In Sizilien wollten die italienischen Behörden sein Schiff nicht anlegen lassen. Aus zweifelhaften Gründen: Bei den Geretteten handelte es sich um afrikanische Flüchtlinge, die mit ihrem Schlauchboot nach Europa gelangen wollten.

Nach drei Wochen, in denen Schmidt mit seinem Schiff vor Sizilien kreuzte, nahm die Verzweiflung unter den Flüchtlingen zu. Zwei von ihnen wollten sich gar das Leben nehmen. Schmidt meldete daraufhin einen Notfall an Bord und erzwang so die Landebewilligung. Der Vorfall sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Mit Mördern und Dieben in der Zelle

Gleich nach dem Anlegen wurde Schmidt gemeinsam mit zwei weiteren Crewmitgliedern verhaftet. Man warf ihnen vor, Flüchtlingsschlepper zu sein. Mit Mördern und Dieben seien sie auf Sizilien in eine Zelle gesteckt worden, erinnert sich Schmidt. «Wir hatten es aber gleichwohl lustig.» Denn für die Mitinsassen, die Gefängniswärter und die Polizisten waren sie Helden. «Einzig die Politiker in Rom waren gegen uns.»

Der Staatsanwalt, der sie angeklagt hatte, habe ihnen in einem vertraulichen Gespräch mitgeteilt, er führe das Verfahren einzig auf Geheiss der Politik. Die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer soll potenzielle Flüchtlinge psychisch und physisch davon abhalten nach Europa zu kommen, erklärt Schmidt.

Wenig Unterstützung

Helfer und Retter wie er durchkreuzten dieses Ansinnen der europäischen Länder. Und so erhielt Schmidt im Gefängnis auch aus Deutschland, seinem Heimatland, keine Unterstützung – jedenfalls fast keine. Nach einigen Tagen erhielt er Besuch vom deutschen Konsul. Mitgebracht hatte dieser aber einzig eine frische Unterhose. Inzwischen kann der heute 72-jährige Schmidt darüber lachen.

Nach einer Woche im Gefängnis wurde er damals entlassen. Freigesprochen wurde er aber erst 2009. Obwohl ihm bei einer Verurteilung bis zu vier Jahre Haft und 400'000 Franken Busse gedroht hätten, wohnte der dreifache Vater der Gerichtsverhandlung persönlich bei: «Ich wollte vor der italienischen Justiz nicht kneifen.»

Aktivist im reifen Alter

Dass jemand, der Flüchtlinge rettet, als Übeltäter behandelt wird, habe ihn «entsetzt». Ihn beschäftige dabei vor allem, «wie mitten in Europa mit Flüchtlingen umgegangen wird». Und so wurde Schmidt – der mitten im Zweiten Weltkrieg in der umkämpften Stadt Stettin in ein einfaches Arbeitermilieu hineingeboren worden war und der später Matrose wurde, da er nicht jeden Tag mit der Aktenmappe in dieselbe Firma fahren wollte – im reifen Alter von 63 Jahren zum Aktivisten für die Rechte von Migranten. Zuvor hatte er sich nicht für Politik interessiert – ebenso wenig für Flüchtlingsschicksale. 2007 wurde er Gründungsmitglied des Vereins Borderline, der sich für Bootsflüchtlinge einsetzt; seit 2011 ist er Flüchtlings- und Migrationsbeauftragter des Bundeslandes Schleswig-Holstein.

In diesem zeitintensiven Ehrenamt vertritt der Lübecker die Interessen der Migranten gegenüber der Politik. «Das Amt ist kein Feigenblatt für die Politik, ich glaube, etwas zu bewirken», sagt Schmidt, der auch noch als Honorardozent an zwei deutschen Schifffahrtsschulen über Schiffssicherheit lehrt.

Menschenrechte für reiche Weisse

Zwecks Abwehr der Migranten werde das Meer fast lückenlos überwacht, weiss Schmidt. Gleichwohl gebe es fast keine Schiffe, die in Not geratene Flüchtlinge retteten. Der Verein Borderline hat deshalb gemeinsam mit Angehörigen von ertrunkenen Bootsflüchtlingen eine Klage gegen den italienischen Staat wegen unterlassener Hilfeleistung eingereicht. Doch der zuständige Staatsanwalt verschleppe das Verfahren. «Weltweit gelten die Menschenrechte in erster Linie für reiche Weisse», sagt Schmidt konsterniert. Man müsse endlich konsequent die Bootsflüchtlinge retten.

Er wünscht sich zudem, dass Europa die Flüchtlinge künftig gerecht auf die Länder verteilt und diese auch willkommen heisst. Bis auf eine Ausnahme wurden 2004 alle der von Schmidt geretteten Personen direkt ausgeschafft. Beim erneuten Versuch, Europa zu erreichen, ertrank einer der Geretteten später doch noch im Mittelmeer. «Weltweit gelten die Menschenrechte in erster Linie für reiche Weisse.»

Der Bund

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