«Pädophile Täter sind nicht empathielos»

H. S. gehöre in den Strafvollzug, sagt der Psychiater Werner Tschan. Eine stationäre Massnahme sei nicht sinnvoll und zu teuer.

Therapiert Opfer und Täter sexueller Gewalt: Werner Tschan.

Therapiert Opfer und Täter sexueller Gewalt: Werner Tschan. Bild: Adrian Moser

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Heute fällt das Gericht sein Urteil im Missbrauchsfall H. S. Was ging in Ihnen vor, als Sie erstmals vom Fall hörten, Herr Tschan?
>Ich war entsetzt. Ich arbeite seit 30 Jahren als Psychiater im Bereich Gewaltprävention. Was die Opferzahl betrifft, kenne ich viele vergleichbare Fälle. Dieser Fall haut mich aber um, weil es so lange gedauert hat, bis der Täter gefasst wurde.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Wenn Fachleute gewusst hätten, was sie in solchen Verdachtsmomenten machen müssen, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Es gibt ja diesen Heimleiter aus Interlaken, der vor zehn Jahren von einem der Opfer über die sexuellen Übergriffe durch H. S. informiert wurde. Weil er sich das nicht vorstellen konnte, hat er nichts unternommen. Sexuelle Gewalt ist bisher in Behindertenheimen bagatellisiert worden, man wollte nicht wahrhaben, dass es sie gibt. Das ist vielleicht das Gute an diesem Fall, er hat die Verantwortlichen wachgerüttelt. Die Berner Institutionen haben flächendeckend Präventionsrichtlinien eingeführt.

Sie haben diese beraten und Heimleiter geschult. Was muss geschehen, damit sich ein solcher Fall nicht wiederholt?
Man muss das Problembewusstsein schaffen, dass diese Institutionen Hochrisikobereiche sind, was sexualisierte Gewalt angeht. Wie bei der Lawinenprävention braucht es ein Bündel von Massnahmen, die zusammen greifen müssen.

Sie therapieren Opfer, Angehörige und Täter. Welche Gruppe kommt mit ihrer Rolle am ehesten zurecht?
Die Opfer sind am ehesten therapierbar. Auch Angehörige sind dankbar, wenn sie angehört werden. Täter sind problematisch, weil sie zunächst kein Interesse daran haben, etwas zu ändern. Wenn sie erwischt werden, senken sie den Kopf. Das Schuldeingeständnis kommt aber nicht aus der Tiefe. Täterarbeit ist Knochenarbeit. Es dauert Jahre, bis Einsicht in die Problematik da ist, die auch zu echten Schuld- und Reuegefühlen führt.

H. S. zeigt sich reuig vor Gericht. Nehmen Sie ihm ab, dass er ein Unrechtbewusstsein hat?
Jemand, der erwischt wird, zeigt sich schnell einmal reuig. Uli Hoeness sagte auch, er sehe ein, dass er Unrecht getan habe. Wenn man ihn nicht gebremst hätte, hätte er weitergemacht. Bis eine Einsicht da ist, dauert es lange. Bei jemandem, der 30 Jahre lang delinquiert hat, erst recht.

H. S. ist also ein emotions- und empathieloser Mensch?
Nein, das ist völlig falsch. Allgemein sind pädophile Menschen nicht emotions- oder empathielose Wesen, im Gegenteil. Pädophile sind gegenüber Kindern sehr empathisch, grosszügig – nutzen das aber auch aus. Von H.S. ist bekannt, dass die behinderten Menschen ihn gernhatten, er galt als liebevoller Teddybär.

Gibt es ein typisches Täterprofil?
Nein. Es gibt Übergriffe im Spitalbereich, in Heimen, Schulen, Kirchen oder Sportvereinen. Was den Tätern gemein ist: Sie versuchen, die Opfer für sich zu gewinnen. Wenn sie das erreicht haben, können sie quasi machen, was sie wollen. Sie blenden aus, dass ihr Verhalten den Opfern schadet, reden sich ein, dass es einvernehmlich zu sexuellen Handlungen gekommen ist. Nicht die Empathie fehlt ihnen, sondern das Unrechtbewusstsein.

Wie bringen Sie die Täter zur Einsicht?
Ich lege grossen Wert darauf, dass die Täter eine Empathie für ihre Opfer entwickeln. Ich konfrontiere sie etwa mit eigenen Erlebnissen, mit Situationen, in denen ihnen selbst Unrecht widerfahren ist. Sie sollen das Gefühl auf ihre Opfer übertragen können. Arbeiten muss man auch an den kognitiven Verzerrungen. Ich vergleiche das manchmal so: Wenn Sie zu schnell Auto fahren, legen Sie sich auch eine Erklärung zurecht, wie es dazu gekommen ist. Auch wenn Sie wissen, was richtig wäre, braucht es viel, bis sie sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen halten.

Wie arbeiten Sie daran, dass die Täter eine Hemmschwelle schaffen?
Wir arbeiten detailliert auf, wie die Delikte entstanden sind. Die Täter müssen eine Vorstellung davon bekommen, was sogenannte No-go-Situationen sind, die sie meiden müssen. Der Übergriff findet im Kopf statt. Bereits da werden Grenzen überschritten. Wenn sie das begreifen, können sie rechtzeitig stoppen, bevor es zu Handlungsschritten kommt.

Bis zu 60 Prozent der verurteilten Sexualstraftäter haben eine eigene Missbrauchsgeschichte. Ist das ein Erklärungsansatz für die Taten?
Das spielt sicher häufig eine Rolle. Bei Frauen als Täterinnen liegt diese Zahl sogar bei 100 Prozent. Umgekehrt wissen wir, dass rund ein Viertel aller Opfer später zu Tätern werden. Deshalb arbeite ich als Psychiater mit Opfern und Tätern, es sind die zwei Seiten derselben Medaille.

Alle Täterinnen waren auch einmal Opfer, nicht aber die Täter?
Eine neue Studie der Europäischen Union besagt, dass 33 Prozent der Frauen in Europa Gewalt erleben, häufig in Beziehungen. Viele haben Angst vor erwachsenen Männern und können manchmal nur mit Kindern intime Beziehungen eingehen, diese können auch sexuell und damit strafbar werden.

Von pädophilen Frauen redet man kaum.
Man hört generell wenig von Frauen, die Sexualdelikte begehen. Aber es gibt eine hohe Dunkelziffer – auch wenn die weit grössere Zahl männliche Täter betrifft. Nicht alle pädophilen Personen setzen ihre Fantasien in die Tat um.

Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Männer eine pädophile Neigung haben. Etwa ein Prozent von ihnen wird strafbar oder erwischt.

Bei H. S. wurde nebst einer pädophilen Neigung auch eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Lässt er sich therapieren?
Eine pädophile Neigung ist nicht wie eine Krankheit, die man heilen kann. Jemand kann Verhaltensstrategien entwickeln, damit er die Neigung nicht auslebt. Persönlichkeitsstörungen kommen aus Beziehungsstörungen heraus und brauchen viel Zeit, um behandelt zu werden, eher fünf als zehn Jahre.

Die Verteidigung von H. S. fordert eine stationäre Massnahme.
Ich finde eine stationäre Behandlung nicht sinnvoll. Diese dauert etwa zehn Jahre und ist für psychisch Kranke gedacht, die jünger sind. Stationäre Behandlungen kosten monatlich 30 000 Franken, das macht in zehn Jahren 3,5 Millionen Franken. Das ist viel Geld. H. S. soll eine Strafe, einen Denkzettel erhalten. Ich erwarte von so einem Täter, dass er der Gesellschaft einen Teil seiner Schuld abbezahlt, etwa durch gemeinnützige Arbeit. H. S. soll begleitend zum Strafvollzug eine Behandlung erhalten. Aufgrund seiner langen Geschichte wird er sicher hoch rückfallgefährdet sein.

Menschen mit Behinderungen ist es teils unmöglich, das Geschehene zu verarbeiten. Wie helfen Sie ihnen?
Es kommt darauf an, wie ihre kognitiven Fähigkeiten entwickelt sind. Mit autistischen Menschen kann man etwa nicht reden und deshalb auch nicht direkt an der Bewältigung der Geschehnisse arbeiten. Das geht dann höchstens indirekt über Zuwendung oder indem man ihnen erzählt, was man denkt. Menschen, die verarbeiten können, sollen sehen, dass ihnen mit dem Strafverfahren gegen den Täter oder einer finanziellen Wiedergutmachung ein Stück Gerechtigkeit widerfährt. Überwinden können sie solche Geschehnisse wohl nie.

Sie hören seit Jahren erschütternde Geschichten. Wie halten Sie das aus?
Die Geschichten lösen zunächst Ohnmacht aus. Mir hilft es, dass ich Menschen in der Bewältigung helfen kann, dass viele wieder Mut fassen. Als Dozent kann ich Erkenntnisse weitergeben aus dem, was ich zu hören bekomme. Zu denken gibt mir das Ausmass an Gewalt. 62 Millionen Frauen sind in der EU von sexueller Gewalt betroffen, die Anzeigerate liegt bei 14 Prozent. Ich erfahre Dinge, die im Dunkeln liegen, die sonst niemand weiss. Doch da sind noch so viele weitere Opfer, von denen niemand weiss. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2014, 09:03 Uhr

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