ORS im Zieglerspital sorgt für Bedenken

Der Gemeinderat ist zufrieden mit seinem Entscheid für das Bundesasylzentrum. Bedenken äussern Kritiker gegenüber der künftigen Betreiberin ORS.

Im Renferhaus (rechts) werden die ersten Flüchtlinge einziehen. Der Kanton wird darin ein Durchgangszentrum für den Winter einrichten.

Im Renferhaus (rechts) werden die ersten Flüchtlinge einziehen. Der Kanton wird darin ein Durchgangszentrum für den Winter einrichten. Bild: Valérie Chételat

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Am Beschluss, dass die Stadt Bern das ausgediente Zieglerspital für die Beherbergung von Flüchtlingen zur Verfügung stellt, rüttelt niemand. Politiker von links bis rechts sehen darin eine Möglichkeit, den Pflichten nachzukommen. Der Bevölkerung ist es geradezu ein Anliegen, das zeigte die Stimmung an der Informationsveranstaltung vom Donnerstag. Der Entscheid für ein Bundes­asylzentrum – es hätte auch ein kleineres kantonales Durchgangszentrum werden können – ist aber nicht selbstverständlich. Der Berner Gemeinderat war anfangs kritisch.

«Die Zeit hat Rat gebracht», sagt Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP). Er spricht von einem ­guten Gesamtpaket, welches der Bund angeboten habe. Auch der Wunsch des kantonalen Polizeidirektors Hans-Jürg Käser (FDP) spielte eine Rolle. «Wir ­haben einen Brief erhalten, in dem er für das Bundeszentrum optierte», sagt Schmidt. Das Bundeszentrum im Ziegler­spital werde sehr nahe an Wabern sein, wo das Staatssekretariat für Migration zu Hause ist. «Das ist optimal, und wir entsprechen so zusätzlich den Erwartungen an uns als Hauptstadt.»

«Kopfloser Entscheid»

Ganz so Friede, Freude, Eierkuchen herrscht aber nicht, weder in der Bevölkerung noch in der Politik. SVP-Stadtrat Alexander Feuz bezeichnet den Entscheid der Stadtregierung als «kopflos». Er befürchtet, dass der Bund das Zentrum nach acht Jahren nicht wieder aufgeben werde, wenn er jetzt viel investieren müsse. Dabei könnte das Areal, im Gegensatz etwa zum Viererfeld, relativ rasch überbaut werden, weil es bereits erschlossen sei und man mit weniger Opposition rechnen müsse.

Zumindest beim Brandschutz gibt es ­Nachholbedarf. Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) sagt, in diesem Bereich sei im Ziegler­spital zum Schluss nur noch das Nötigste gemacht worden. Laut dem Staatssekretariat für Migration (SEM) kläre der Bund zurzeit ab, was an weiteren Baumassnahmen notwendig sei.

Viel kritisierte ORS ist billig

Ganz andere Bedenken hat der grüne Grossrat Hasim Sancar. Er ist gegen die Entwicklung zu immer grösseren Asylzentren. Im Zieglerspital sollen mindestens 300 Asylsuchende einquartiert werden, Durchgangszentren haben heute in der Regel 100 bis 150 Bewohner. «Je grösser die Zentren werden, desto kleiner ist der Betreuungsschlüssel im Durchschnitt», sagt er. Früher sei auf 10 Asylsuchende ein Betreuer gekommen. Heute komme es vor, dass in einer Asylunterkunft mit 100 Bewohnern zeitweise nur eine Person vor Ort sei.

Betreiben wird das Bundeszentrum die Firma ORS. Diesen scheinbar unverrückbaren Fakt begründet das SEM damit, dass es den Auftrag in einer öffentlichen Ausschreibung bereits vergeben habe. Andere im Kanton Bern tätige Asylorganisationen wie die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe oder Asyl Biel und Region werden nicht zum Zug kommen. Ausgerechnet die Stadt Bern hat mit ORS aber nicht nur gute Erfahrungen gemacht.

In keinem anderen Asylzentrum im Kanton Bern gab es so viele Probleme wie im von der ORS geführten Durchgangszentrum Hochfeld in der Länggasse. «Es ist mir ein Rätsel, wie der Bund trotz Kritik von allen Seiten auf die ORS setzen kann», sagt Sancar. Das Argument, dass die ORS billiger arbeite als die anderen, könne er nicht akzeptieren.

Erfahrungen mit der ORS hat auch Dagobert Onigkeit gemacht. Er hat sich im Hochfeld für Asylsuchende engagiert. Dafür bekam er von der ORS ein Hausverbot, der Kanton hat es vor kurzem aufgehoben. Der Bund arbeite fast an allen Orten mit der ORS zusammen, dort gebe es aber weniger Reklama­tionen, sagt Onigkeit. «Der Bund kontrolliert die ORS direkt, so scheint es ­einigermassen zu funktionieren.» Der Kanton hingegen habe sich überhaupt nicht darum gekümmert.

Nicht gewohnt mit Freiwilligen

«Für uns ist es wichtig, dass die ORS gut mit der Stadt und dem Quartier zusammenarbeitet und freiwillige Helfer integriert», sagt Teuscher. Freiwilliges Engagement im Asylbereich ist zurzeit im Trend. Beim neuen Asylzentrum Viktoria in der alten Feuerwehrkaserne haben sich 250 Leute als freiwillige Helfer gemeldet. Auch die Bevölkerung rund um das Zieglerspital hat bereits Interesse signalisiert.

Doch die ORS und das SEM sind sich heute nicht gewohnt, mit freiwilligen Helfern zusammenzuarbeiten. Im August wurde deshalb die nationale Plattform Zivilgesellschaft in Asyl-Bundeszentren gegründet. Diese will ­zivilgesellschaftliches Engagement in die Bundesasylzentren tragen, fördern und unterstützen. (Der Bund)

Erstellt: 31.10.2015, 10:53 Uhr

Ersatz für die Flüchtlingszelte

Im Winter kann der Kanton im Renferhaus 100 Flüchtlinge unterbringen.

Weil der Winter bald kommt und der Kanton dringend Plätze für die in den Zelten untergebrachten Flüchtlinge braucht, stellt der Gemeinderat dem Kanton Bern das Zieglerspital für ein auf drei Monate befristetes Durchgangszentrum zur Verfügung. Für drei Monate brauche es kein Baubewilligungsverfahren, sagt die zuständige Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB). Das befristete Durchgangszentrum wird im Renferhaus eingerichtet. 100 Personen können es ohne weitere bauliche Massnahmen für drei Monate beziehen. Dies solle möglichst bald geschehen. Denn der Kanton brauche Plätze für Flüchtlinge.

Noch offen ist, wer das befristete Durchgangszentrum betreiben soll. «Wir stellen dem Kanton die Liegenschaft zur Verfügung», sagt Teuscher. Der Kanton müsse also den Betreiber des Zentrums stellen. «Ich gehe aber davon aus, dass er wie im Asylzentrum Viktoria mit der Heilsarmee zusammenarbeiten wird.»

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) rechnet damit, dass es das Bundes­asylzentrum im nächsten Frühling in Betrieb nehmen kann. Dafür werde es ein Baubewilligungsverfahren brauchen. Noch offen sei, welche beiden Gebäude des alten Spitals der Bund dafür mieten werde, sagt Teuscher. Für die andern Gebäude suche der Gemeinderat nach einer geeigneten ­Zwischennutzung. Infrage kämen etwa Studentenwohnungen. «Wir wollen einen guten Mix für das Quartier», sagt Teuscher. (nj)

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