Nicht Geld schicken – selber helfen

Ein Lastwagen aus Bern ist seit gestern unterwegs zu den bosnischen Opfern der Flutkatastrophe. Ob die Hilfsgüter die Bedürftigen erreichen werden, ist noch ungewiss, denn es drohen bürokratische Hürden.

Direkte Hilfe: Mario Peric (rechts) mit Ehefrau Alma, Fahrer Elvir Devic (rechts hinten) und weiteren Helfern.

Direkte Hilfe: Mario Peric (rechts) mit Ehefrau Alma, Fahrer Elvir Devic (rechts hinten) und weiteren Helfern. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mario Peric ist erledigt. Während über einer Woche hat der Pflegefachmann Hilfsgüter sortiert. Unterstützt von zahlreichen Helferinnen und Helfern hat er im Vereinslokal Waren verpackt, gewogen, beschriftet und Formulare ausgefüllt. Gestern hat er den Lastwagen auf den Weg geschickt, vollbepackt mit fünf Tonnen Hilfsgüter. Bestimmt sind die Waren für die Bevölkerung des zentralbosnischen Dorfes Topcic Polje. Von dort haben ihn Hilferufe von Verwandten erreicht. Die Menschen hätten kaum zu essen, erzählte ein Mann aus dem Dorf.

«Ich habe den Eindruck, dass in Bosnien ein grosses Chaos bei der Verteilung der Hilfsgüter herrscht», sagt Peric. «Bekannte erzählten mir von Hallen voller Hilfsgüter, die nur schleppend verteilt würden», sagt der gebürtige Bosnier, der seit 1983 in Bern lebt. Das mache ihn wütend und traurig zugleich. Deshalb beschloss er zusammen mit Elvir Delic, der den LKW organisiert hat und nach Bosnien fährt, selbst Güter zu sammeln.

Hochwasser und Schlammlawine

Vor zwei Wochen versank das Dorf Topcic Polje nach schweren Regenfällen in den Wassermassen der über die Ufer getretenen Flüsse der Region. Vielen anderen Dörfern und Städten ging es nicht besser. Betroffen von der Flutkatastrophe sind auch grosse Landstriche in Serbien und Kroatien. Allein in Bosnien-Herzegowina sind Zehntausende von Menschen obdachlos, ihre Häuser wurden von den Wassermassen oder den späteren Schlammlawinen beschädigt oder mitgerissen.

Zahlreiche Länder beteiligen sich an der Nothilfe und am Wiederaufbau in der Krisenregion. Die bislang in der Schweiz dafür freigestellten Mittel betragen insgesamt gut 3,5 Millionen Franken.

Hilfswerke: Verteilung klappt

Die humanitäre Hilfe des Bundes, angesiedelt bei der Entwicklungsdirektion Deza, schickte Instrumente zur Trinkwasseraufbereitung sowie Wasser- und Umweltexperten. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) und Caritas Schweiz versorgen die Menschen in den Evakuierungszentren mit dem Nötigsten. Ein Chaos bei der Hilfsgüterverteilung können weder der Bund noch die beiden Hilfswerke bestätigen. «Wir verteilen unsere Hilfsgüter über das eigene Netzwerk», sagt Katharina Schindler vom SRK. «Die Kontrolle passiert über unsere Mitarbeitenden vor Ort.» Man könne aber nie ganz ausschliessen, «dass jemand etwas bekommt, das er nicht wirklich benötigt». Der Caritas Schweiz sind keine Unregelmässigkeiten bekannt.

Man merke aber, dass manche Gemeinden wenig Erfahrungen mit Krisensituationen dieses Ausmasses hätten, gibt Erich Ruppen, Programmverantwortlicher für Bosnien-Herzegowina zu Bedenken. Da sich der Bund vorwiegend im Bereich Wasseraufbereitung engagiere, sei man nicht über alle Details der Hilfsgüterverteilung informiert, sagt der Einsatzleiter der humanitären Hilfe für Bosnien, Rudolph von Planta. In Serbien organisiere das Serbische Rote Kreuz einen grossen Teil der Hilfe, in Bosnien sei die Koordination tatsächlich schwieriger, werde aber teilweise von der UNO übernommen.

Nur sammeln, was gebraucht wird

Die Sammelaktion des Vereins Kultur Shock ist bei weitem nicht die einzige private Initiative dieser Art. Allein Caritas Schweiz habe rund 50 Anfragen von Privatpersonen erhalten, die Transporte organisieren wollten, sagt Erich Ruppen. Man unterstütze sie mit Geschenkurkunden, was ihnen helfe, die nötigen Zollpapiere zu bekommen. Empfängerorganisation müssten die Personen aber selber suchen. Ohne einen Zielort bringe man einen Hilfsgütertransport nicht über die Grenzen.

Mario Peric hat keine Unterstützung erhalten. Das Schweizerische Rote Kreuz habe ihm empfohlen, Geld zu sammeln. «Wir wollen aber nicht im Sessel sitzen und Geld sammeln, wir wollen selber anpacken und Sachen nach Bosnien bringen und verteilen», erwidert Peric. Private Versände zu unterstützen sei logistisch nicht möglich, bestätigt Katharina Schindler vom Roten Kreuz. Sie findet die Initiativen lobenswert, wichtig sei aber, Güter zu sammeln, die wirklich benötigt werden.

Sammeln im Vereinslokal

Eigentlich ist Mario Perics grosse Leidenschaft die Musik. All sein Herzblut steckt er in den Verein Kultur Shock, mit dem er monatlich Balkan-Partys organisiert. Viele namhafte Bands aus seiner ehemaligen Heimat und der Schweiz hat er in den Kultur Shock geholt. Den Sammelaufruf für die Hilfsaktion hat er über Facebook an das Klubpublikum gerichtet. «Wir waren überwältigt von der Solidarität», sagt er. Die Leute hätten Kleider gebracht, Hygieneartikel, Medikamente und Esswaren. «Vielleicht auch deshalb, weil viele gehört haben, dass in Bosnien ein Chaos herrscht.» Mario Peric traut der Koordination der humanitären Hilfe vor Ort auch deshalb nicht, weil er weiss, wie sein ehemaliges Heimatland funktioniert.

Bosnien-Herzegowina steckt wirtschaftlich und politisch in einer schweren Krise. Im Februar dieses Jahres kam es in der Bevölkerung zu wütenden Protesten gegen die Politik und die allgegenwärtige Korruption. Transparency International (TI), die weltweit tätige Organisation zur Korruptionsbekämpfung, teilt Perics Ansicht. «Wir haben für die Meldung von Missbrauchsfällen eigens eine Hotline eingerichtet», sagt Ivana Korjalic von TI Bosnia auf Anfrage. «Besorgte Bürgerinnen und Bürger berichten von Haushalten, die von der Verteilung von Hilfsgütern ausgeschlossen worden sind.» Und von Lebensmittelhändlern, die Produkte zu überteuerten Preisen verkauften. Grund dafür sei die fehlende Koordination der Nothilfe seitens der Behörden. Dies öffne Kriminellen und Profiteuren Tür und Tor. «Bosnien-Herzegowina hat eine lange Tradition intransparenter Verteilung von humanitärer Hilfe.» Nach dem Bürgerkrieg flossen Milliarden ins Land. «Alle Versuche, die Verteilung dieser Gelder transparent zu machen, sind bislang gescheitert.»

Trotz seiner Bedenken muss Mario Peric in den sauren Apfel beissen und die in Bern gesammelten Hilfsgüter wohl in dieses intransparente Verteilsystem einspeisen. Nur über das bosnische Rote Kreuz konnte er schnell genug die nötigen Papiere für den Transport bekommen. «Jetzt wollen sie uns den ganzen Hilfstransport wegnehmen, obwohl wir in Topcic Polje schon alles organisiert haben.» Der Bürgermeister erwarte den Transport, Hilfskräfte vor Ort stünden bereit. Doch Mario Peric lässt sich nicht abschrecken, «unser Verein wird weiterhin alles daran setzen, damit die Hilfsgüter in Topcic Polje ankommen». (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2014, 13:26 Uhr

Artikel zum Thema

3,2 Millionen Franken für die Flutopfer auf dem Balkan

Glückskette, Hilfswerke und Bund haben Gelder zur Bewältigung der Überschwemmungen in Bosnien-Herzegowina und Serbien zusammengetragen. Eine Grossspende kommt von einem Telecomanbieter. Mehr...

Opferzahl nach Balkan-Hochwasser steigt auf 59

Die Pegel der meisten Flüsse in Bosnien und Serbien sinken. Zehntausende Menschen sitzen aber noch immer in Notunterkünften fest. Mehr...

Freigespülte Mine in Bosnien explodiert

Wie befürchtet ist in Bosnien eine von den Fluten weggeschwemmte Landmine detoniert. Die Gefahr ist noch lange nicht gebannt. Mehr...

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern An der Sache vorbeigelärmt

Zum Runden Leder Budi reloaded

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...